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TV-Duell USARadikale Normalität

Das TV-Duell zwischen JD Vance und Tim Walz überrascht – mit milden Tönen und Sachlichkeit. Bekommt der US-Wahlkampf damit eine neue Dynamik?Julian Heißler 02.10.2024 - 07:10 Uhr

J. D. Vance und Tim Walz: Die beiden Kandidaten auf das Amt des US-Vizepräsidenten.

Foto: AP

Nach dem Ende der Debatte standen der Republikaner JD Vance und der Demokrat Tim Walz noch zusammen, schüttelten Hände, plauschten kurz, als die Mikrofone bereits ausgeschaltet waren. Sie stellten einander ihre Gattinnen vor, verließen fast zeitgleich die Bühne, verabschiedeten sich von den Moderatorinnen, die sie in den eineinhalb zuvor Stunden befragt hatten. Eine Szene eigentlich, wie man sie nach jeder Debatte erwarten sollte – und für lange Zeit erwarten konnte. Der Schlagabtausch lag hinter den Kombattanten, nun war es an der Zeit, sich versöhnlich zu zeigen. Diese Rituale gehören seit Jahrzehnten zur amerikanischen Politik. Doch seitdem Donald Trump die politische Arena betreten hat, sind sie deutlich seltener geworden. Umso auffälliger war jetzt, etwas mehr als 30 Tage vor der Präsidentschaftswahl, ihre Rückkehr. Und das ausgerechnet nach dem Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten für den Posten der Nummer zwei.

Die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten ist üblicherweise einer der geringeren Höhepunkte des US-Wahlkampfs. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen schließlich die Bewerber für das Weiße Haus, nicht ihre Stellvertreter. In diesem Jahr war das Interesse an dem Aufeinandertreffen dennoch hoch. Schließlich war der Schlagabtausch bislang das letzte terminierte Event vor dem Wahltag. Beiden Kampagnen war deshalb daran gelegen, den Abend für sich zu reklamieren. Die Demokraten hofften, ihre knappe Führung in den Umfragen zu konsolidieren und nach Möglichkeit ein Stück weit auszubauen. Die Republikaner wiederum wollten die Chance nutzen, um den Abstand zu Team Harris zu verringern.

Dass das nicht leicht werden würde, war schon vor Beginn des Aufeinandertreffens klar. Es lief zuletzt nicht rund für die Trump-Kampagne – und das hing auch mit JD Vance zusammen. Der Vizepräsidentschaftskandidat muss sich seit seiner Nominierung im Juli mit niedrigen Zustimmungswerten herumschlagen. Außerhalb der MAGA-Blase kommt er kaum an. Sein öffentliches Image war in den vergangenen Wochen vor allem von herablassenden Sprüchen über kinderlose Frauen geprägt worden. Hinzu kam seine Bereitschaft, mit glatten Lügen über Einwanderer Wahlkampf zu machen – auch auf Kosten der Wähler in seinem Heimatstaat Ohio. Damit ist Vance, der schon bei seiner Kandidatur für den Senat vor zwei Jahren nicht sonderlich stark abgeschnitten hatte, bislang keine Hilfe für das Trump-Ticket. Diesen Eindruck wollte er korrigieren.

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Die Ausgangslage dafür war nicht schlecht. Vance ist klug, ausgebildet unter anderem an der Kaderschmiede Yale Law School – und eloquent. Sein Gegner Tim Walz wiederum, der Gouverneur von Minnesota, galt nie als besonders begabter Debattierer. Sein Erfolg beruht eher auf seinem Jedermann-Image als alternder Familienvater aus dem Mittleren Westen. Als radikaler Normalo eben.

Mit ihm auf dem Ticket ist es der Harris-Kampagne zumindest für den Moment gelungen, auch auf Wähler anziehend zu wirken, mit denen sich die Demokraten zuletzt schwergetan haben. Trotzdem waren die Erwartungen an seinen Auftritt gering. Schon vor dem Beginn der Debatte hatten demokratische Strategen davor gewarnt, Walz‘ Fähigkeiten in diesem Setting zu überschätzen. Übliches Erwartungsmanagement eigentlich – aber trotzdem ein Zeichen, dass die Partei ihren knappen Vorteil im Rennen uns Weiße Haus nicht für selbstverständlich nimmt.

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Kein Wunder also, dass Walz zu Beginn der Debatte die Nervosität sichtlich anzumerken war. Immer wieder stockte der 60-Jährige in seinen Antworten, doch er fing sich bald, lenkte die Debatte immer wieder auf Donald Trump und dessen Fehler. Vance wiederum wirkte zunächst selbstbewusster, kontrollierter. Anstelle des MAGA-Kettenhundes gab er überwiegend den No-Nonsense-Konservativen, hart in der Sache, unnachgiebig im Ton.

Diese Anordnung ließ die Debatte deutlich inhaltslastiger werden, als es bei den beiden bisherigen Aufeinandertreffen von Kandidaten in diesem Wahlkampf der Fall war. Im Juni, als Präsident Joe Biden gegen Donald Trump antrat, überschattete die Schwäche des Demokraten alles andere. Den Schlagabtausch zwischen Trump und Harris Anfang September wiederum prägte vor allem die mangelnde Selbstbeherrschung des Republikaners. Die Debatte zwischen Vance und Walz hingegen kam nahezu ohne Unterbrechungen oder persönliche Anwürfe aus. Damit wirkte der Austausch zeitweise wie eine Diskussion aus den vergangenen Zeiten der Vor-Trump-Ära, zumal beide Kandidaten betont höflich miteinander umgingen.

Inhaltlich wiederum lagen die beiden weit auseinander – und machten dies auch immer wieder deutlich. Und angesichts des ausbleibenden Dramas blieb dafür auch Raum. Teils ging es inhaltlich sehr ins Detail, stritten Walz und Vance über die Details einzelner Gesetze aus Minnesota oder Gesetzesentwürfe der vergangenen Jahre. Das war ungewohnt in einem an Inhalten bislang eher leichten US-Wahlkampf.

Und es dürfte Walz davor bewahrt haben, gegen den im Format spürbar agileren Vance deutlicher zu unterliegen. Denn inhaltlich konnte der Demokrat gut mithalten. Nach zwölf Jahren im Kongress und sechs Jahren als Gouverneur war er in fast allen Themen sicher im Stoff, trat jedoch unsicherer auf als Vance, der zwar noch keine zwei Jahre im Senat sitzt, aber in den vergangenen Monaten zahllose Interviews gegeben hatte und sich auf der Bühne damit sichtlich wohler fühlte. Unterm Strich hatte der Republikaner damit den besseren Abend. Doch ob das reicht, um den Vorsprung der Demokraten aufzuholen, ist eine andere Frage.

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