Riedls Dax-Radar: Dax über 20.000: Starke Favoriten und neue Hoffnungswerte
Der Dax ist wie ausgewechselt. Während die amerikanischen Aktienmärkte seit kurzem auf hohem Niveau auf der Stelle treten, erreicht der Deutsche Aktienindex die Marke von 20.000 Punkten, die er dann auch sogleich in einem Satz um mehr als 400 Zähler überspringt. Auch wenn Aktien in Europa insgesamt an Dynamik gewinnen, so notiert der europäische Stoxx 600 doch noch ein gutes Stück unter seinen alten Höchstständen. Und der französische CAC 40 gar steht so tief wie im Sommer, als die Regierungskrise in Frankreich begann.
Auch am Anleihemarkt, der besonders feinfühlig auf die Probleme eines Landes regiert, zeigt sich die Verunsicherung in Frankreich. Französische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bieten derzeit 2,9 Prozent Rendite. Das sind 0,8 Prozentpunkte mehr als die in Europa führenden zehnjährigen Bundesanleihen. Vor einem halben Jahr lag dieser Aufschlag bei 0,45 Prozentpunkten. Wie am französischen Aktienmarkt, so spiegeln sich auch am Anleihemarkt die wirtschaftlichen und politischen Probleme des Landes wider. Dennoch, die nur langsame Ausweitung der Renditedifferenz zeigt, dass die Märkte dies bisher als tendenzielle Belastung einstufen und nicht als lebensbedrohliche Gefahr für die EU. Und der Dax lässt sich davon auf seiner Rekordjagd überhaupt nicht beirren.
Beigetragen zur jüngsten Dax-Rally hat vor allem der deutliche Zinsrückgang am Anleihemarkt. In nur vier Wochen sind die Bund-Renditen von 2,45 auf 2,05 Prozent gesunken. Dieser Renditerückgang hat mit den Erwartungen zu tun, die Europäische Notenbank dürfte bei ihrer Sitzung am 12. Dezember die Leitzinsen senken. Wahrscheinlich wird sie den Einlagensatz um 0,25 Prozentpunkte auf 3,00 Prozent herabsetzen. Ein größerer Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten ist zwar angesichts der Probleme in Frankreich nicht ausgeschlossen, könnte aber von den Märkten auch kontraproduktiv als ernstes Krisensignal aufgefasst werden.
Die Hausse im Dax gewinnt an Marktbreite
Seit Monaten wird der Anstieg des Dax vor allem von seinen großen Favoriten getragen: Von Cloud-Überflieger SAP, der neuen Volksaktie Deutsche Telekom, Hightech-Primus Siemens und den starken Versicherern Allianz oder Münchener Rück. Dazu kommen Spezialsituationen wie Rüstungs-Boomer Rheinmetall, Turnaround Siemens Energy und Baustoffkonzern Heidelberg Materials, der von seinem umfangreichen USA-Geschäft profitiert. Selbst lange zurückgefallene Aktien kommen wieder ins Laufen.
Continental etwa. Jahrelang litt der Zulieferer unter der allgemeinen Unsicherheit in der Fahrzeugbranche und dem speziellen Problem, dass die mit viel Vorschuss versehene Autotechniksparte die Erwartungen nicht erfüllte. Nun aber lassen die jüngsten Zahlen zum dritten Quartal und die fortgeschrittenen Pläne zur Neustrukturierung des Konzerns die Hoffnung auf eine Wende aufkommen.
Mit 13 Milliarden Euro Marktkapitalisierung bei mehr als 40 Milliarden Euro Geschäftsjahresumsatz sind Conti-Aktien günstig bewertet. Dass die Aktie zuletzt mehrmals das Basisniveau um 52 Euro verteidigt hat und nun mit dem Anstieg auf über 64 Euro kurzfristig ein neues Hoch erreicht hat, ist ein gutes Zeichen. Aus der gesamten Kursentwicklung seit Herbst 2022 zwischen 44 und 77 Euro könnte eine große Bodenbildung werden. Auslöser für den nächsten Anstieg dürfte dann der Start einer erfolgreichen Umstrukturierung des Konzerns im Frühjahr 2025 werden.
Neue Hoffnung kommt auch auf bei BMW. Im Zuge der Auto-Baisse der vergangenen Monate haben BMW-Aktien mehr als 40 Prozent verloren und die Tiefspitzen von 2022 erreicht. Dabei waren die jüngsten Zahlen von BMW zwar durch besondere Belastungen eingetrübt, für das Gesamtjahr jedoch ist immer noch ein Nettogewinn im Bereich um acht Milliarden Euro möglich.
Angesichts der Branchenkrise wäre das ein beachtliches Ergebnis, mit dem BMW-Aktien weiter hochrentabel und sehr günstig bewertet wären. Eine stabile Bilanz und die starke Marktposition in der Elektromobilität kommen hinzu. Im Vergleich zu Volkswagen und Mercedes-Benz hat BMW derzeit die Nase vorne. Für eine nachhaltige Wende sollte sich die Aktie in den nächsten Monaten zwischen 65 und 80 Euro stabilisieren und danach von hier aus nach oben drehen.
Zu den Hoffnungskandidaten im Dax gehört seit kurzem Online-Versandhändler Zalando. Drei Jahre stand die Aktie unter Druck, weil der Geschäftsverlauf nach der Sonderkonjunktur um Corona erst einmal abflaute. Nun konnte Zalando nach einem guten dritten Quartal die Prognosen für das Gesamtjahr heraufsetzen. Mit mehr als 200 Millionen Euro Nettogewinn, der von Banken für 2024 nun erwartet wird, sollte Zalando die im vergangenen Jahr eingeschlagene Erholung bestätigen. In den Folgejahren könnten Gewinne um 300 Millionen möglich werden. Ein Schnäppchen ist die Aktie bei 8,8 Milliarden Euro Börsenwert nicht, dennoch ist der jüngste Anstieg über 30 Euro ein vielversprechendes Kaufsignal. Mittelfristig sind Notierungen zwischen 45 bis 50 Euro möglich.
Fazit für den Dax: Die Hoffnung auf sinkende Zinsen und die Performance der großen Dax-Favoriten sind die Hauptgründe für die jüngsten Kursrekorde. Dazu kommen nun auch vermehrt Nachzügler wie Continental, BMW oder Zalando in Bewegung, deren Aktien sich auf niedrigem Niveau stabilisieren und schrittweise nach oben drehen.
In nur zwei Wochen ist der Dax von 19.000 auf über 20.300 Zähler gestiegen. Ähnlich wie nach dem schnellen Anstieg im August könnte der Dax nach diesem Kraftakt in eine kurze Korrektur übergehen. Sollte er dabei rund ein Drittel seiner jüngsten Kursaufschläge wieder hergeben, ergäbe dies noch einmal einen Stärketest im Bereich um 20.000 Punkte. Vom Zeitfenster wäre eine Anstiegsphase bis Ende des Jahres oder bis in die erste Januar-Woche typisch.
Wichtigste Ereignisse auf diesem Weg werden die EZB-Sitzung am 12. Dezember und die Entscheidung der amerikanischen Fed am 18. Dezember. Vor allem die amerikanische Notenbank könnte mit Hinweis auf die robuste US-Konjunktur die ohnehin schon geschwundenen Hoffnungen auf weitere US-Zinssenkungen weiter dämpfen. Die zuletzt verhaltene Entwicklung der US-Aktienindizes könnte dafür ein Indiz sein. Indes, sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten, zeigen die großen Trends an den Aktienmärkten stabil nach oben. Zumindest bis Anfang 2025 sollte damit die Bahn frei sein – bevor den Börsen dann die oft korrektiven Monate Januar bis März bevorstehen.
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