Zalando kauft Wettbewerber: Für das About-You-Management winkt der nächste große Zahltag
Es ist keine spontane Liebesheirat, sondern eine Vernunftehe mit Ansage. Schon lange wurde spekuliert über einen Zusammenschluss des Onlinemodehändlers Zalando mit dem Wettbewerber About You. Jetzt ist es soweit. Zalando legt für About You 1,21 Milliarden Euro in bar auf den Tisch, pro Aktie 6,50 Euro. Das tut Zalando nicht weh. In der Kasse hatten sich bis zum Ende des dritten Quartals 1,13 Milliarden Euro Nettobarmittel angehäuft. Und dieses Cash-Polster ist seitdem noch praller geworden angesichts der umsatzstärksten Wochen des Jahres. Die Bilanz bleibt sauber.
Die Weichen für den Deal gestellt haben dürfte Anders Holch Povlsen, Großaktionär beider Unternehmen. Povlsen, mit einem geschätzten Privatvermögen von gut zwölf Milliarden Dollar der reichste Däne, beliefert beide Händler aus seinem Bestseller-Imperium, etwa mit den Labeln Jack & Jones, Only und Vero Moda. Povlsen ist mit 10,08 Prozent Kapitalanteil größter Einzelaktionär von Zalando und kontrolliert zusammen mit der Familie Otto 64,7 Prozent von About You. Linke Tasche, rechte Tasche sozusagen.
Mit der Übernahme, sofern deutsche Wettbewerbshüter nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen, baut Zalando seinen Anteil am hart umkämpften 450 Milliarden Euro schweren europäischen Mode- und Lifestyle-Markt aus. Das Berliner Unternehmen verschaffte sich Zugang zum jüngeren Kundenstamm von About You, vor allem junge Frauen zwischen 20 und 40 Jahren. Auf lange Sicht soll der Zusammenschluss etwa 100 Millionen Euro pro Jahr an Kosteneinsparungen bringen, durch gemeinsame Logistik, Zahlungsinfrastruktur und kommerzielle Zusammenarbeit.
Das Management kassiert
Vorstand und Aufsichtsrat von About You unterstützen die Transaktion. Kein Wunder: Für sie winkt der nächste große Zahltag. About You wurde 2014 von Tarek Müller zusammen mit Hannes Wiese und Sebastian Betz als Tochter der Hamburger Otto-Gruppe gegründet. Im Juni 2021 ging es an die Börse. Das Vorstandstrio, das weiter an Bord bleiben soll, strich damals gut 80 Millionen ein.
Obendrauf gibt es jetzt knapp 45 Millionen Euro. Dass der Kaufpreis gut 70 Prozent unter dem damaligen Emissionspreis von 23 Euro liegt, ist für sie verkraftbar. Oder anders: Das Management muss seinen Lebensstil nicht großartig umstellen – trotz der Kurskatastrophe. Weniger erfreut sein dürften die freien Aktionäre, die sich damals von trendigem Marketinggeschwurbel à la ‚Die Liebe zum Shoppen gehört zur Dame wie der Dotter zum Ei‘ zum Aktienkauf hinreißen ließen.
Die Aktie von Zalando notiert inzwischen immerhin wieder rund 50 Prozent über dem Ausgabekurs. Zalando kam im Oktober 2014 zu 21,50 Euro an die Börse und schaffte es gar bis in den Dax. Auch bei Zalando beherrscht das Management das eigene Vergütungssystem am besten. Nach dem Börsengang folgten zwischen März 2015 und Juli 2020 noch vier Kapitalerhöhungen mit einem Gesamtvolumen von rund 1,9 Milliarden Euro. Teile davon wurden dann wieder eingesetzt für den Rückkauf eigener Aktien. Auch das geschah weniger aus Liebe zu den eigenen Aktionären, sondern eher, um die Vergütungsansprüche in Form von Aktienoptionen zu erfüllen.
Handel im Wandel. Das gilt inzwischen nicht nur für den Wettbewerb zwischen stationärem Modehandel und der digitalen Konkurrenz – hier ist die Entscheidung eigentlich schon längst gefallen, zugunsten des Onlinehandels. Der Konkurrenzdruck verschärft sich zusehends auch unter den Onlineanbietern. So gesehen ist die Übernahme von About You aus unternehmerischer Sicht ein richtiger und wichtiger Schritt.
Das sieht die Börse auch so. Die Zalando-Aktie hat sich nach dem morgendlichen Kurschock im Tagesverlauf wieder gefangen. Auch aus Kundensicht ist die Übernahme wünschenswert. Während einige Kundinnen Zalando angesichts gehäufter Lieferungen gebrauchter Ware schon auf dem Weg zu einem Second-Hand-Anbieter sahen, erntet About You weiter viel Lob. „Große Markenauswahl, flotte Lieferung, alles bestens“, kommentiert eine begeisterte Kundin.
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