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KonjunkturkriseDie deutsche Minus-Ökonomie

Die deutsche Wirtschaft ist 2024 erneut geschrumpft – der endgültige Offenbarungseid für die Wirtschaftspolitik der geplatzten Ampelkoalition. Und für das laufende Jahr sieht es nicht viel besser aus.Bert Losse 15.01.2025 - 11:44 Uhr

Ein Kran steht bei dichtem Nebel in einem Rohbau für Eigentumswohnungen im Stadtteil Ehrenfeld. Die deutsche Wirtschaft ist 2024 erneut in die Rezession gerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent zurück, wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Daten in Wiesbaden mitteilte.

Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Investieren in Deutschland? Für Arndt Kirchhoff ist das kein großes Thema mehr. „Unser Unternehmen ist zwar gesund und muss trotz Konjunkturkrise keine Leute entlassen“, sagt der langjährige Vorstandschef und heutige Beiratsvorsitzende der Kirchhoff-Gruppe in Iserlohn. „Allerdings expandieren wir bewusst am Standort Deutschland nicht mehr.“

Der Automobilzulieferer und Weltmarktführer bei Reinigungsfahrzeugen beschäftigt weltweit 14.000 Menschen – aber nur noch 2000 davon arbeiten in Deutschland. Die hiesige Fertigung hat nur noch einen Anteil von 15 Prozent an der Gesamtproduktion der Unternehmens. „Wir führen Rationalisierungs- und Ersatzinvestitionen durch, erweitern aber nicht mehr die Kapazitäten“, sagt Kirchhoff. Das liege an der schwierigen Absatzlage der Automobilindustrie, „aber natürlich auch an den deutschen Standortproblemen wie dem Fachkräftemangel, der ausufernden Bürokratie und der hohen Steuer- und Abgabenlast“.

Das Familienunternehmen aus dem Sauerland ist kein Einzelfall, sondern steht stellvertretend für große Teile der deutschen Industrie. Wie angeschlagen der Wirtschaftsstandort Deutschland wirklich ist, ließ sich heute sogar per Livestream verfolgen. Experten des Statistischen Bundesamts präsentierten auf einer Pressekonferenz die zentralen volkswirtschaftlichen Ergebnisse für 2024 – und die Mienen auf dem Podium waren noch trister als das diesige Januarwetter. Schon lange nicht mehr mussten die Statistiker wohl so oft das Wort „minus“ in den Mund nehmen.

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Das deutsche Wirtschaftswachstum? Sank das zweite Mal in Folge, das gab es in der deutschen Nachkriegsgeschichte erst einmal (2002/2003). Der Export? Ging 2024 zurück, obwohl der Welthandel insgesamt zulegte. Die Bruttoanlageinvestitionen? Schrumpften um 2,8 Prozent. Der Bau? Brach insgesamt um 3,5 Prozent ein und im Wohnungsbau sogar um fünf Prozent. Die privaten Haushalte? Hielten sich aus Unsicherheit mit Käufen zurück, sodass der Konsum auf Jahressicht zwar marginal stieg, aber immer noch unten dem Vor-Corona-Niveau des Jahres 2019 lag. Nach oben schossen 2024 nur die Firmeninsolvenzen und, ja klar: die Konsumausgaben des Staates.

Und wie geht es nun weiter? Ein nachhaltiger Aufschwung ist vorerst nicht in Sicht. Nach den Doppelrezessionsjahren 2002/2003 folgten damals die Reformen der Agenda 2010, die dazu beitrugen, das Land wieder auf Kurs zu bringen. „Doch von solchen Reformen ist Deutschland derzeit noch weit entfernt, obwohl die Standortbedingungen miserabel sind und sich die Deindustrialisierung weiter beschleunigt“, ätzt Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall.

Schneller schlau: Rezession
Der Begriff Rezession bedeutet Rückgang und stammt aus dem Lateinischen. Es handelt sich um eine Rezession, wenn die Wirtschaft nicht wächst, sondern schrumpft – sich also in einem Abschwung beziehungsweise Rückgang befindet. Für die Bemessung der Konjunktur dient das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Offiziell tritt eine sogenannte technische Rezession ein, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zu den jeweiligen Vorjahresquartalen nicht wächst, sondern zurückgeht.Die Rezession ist eine der vier Phasen, die der Konjunkturzyklus einer Volkswirtschaft durchlaufen kann. Sie folgt auf die Phase der Hochkonjunktur und kann im schlimmsten Fall in eine Depression übergehen. Auf eine Depression folgt dann früher oder später ein Aufschwung.
Eine Rezession zeichnet sich durch unterschiedliche Merkmale aus. Dazu gehören unter anderem:Rückgang der Nachfrageüberfüllte LagerAbbau von Überstunden und beginnende KurzarbeitEntlassung von Arbeitskräftenausbleibende Investitionenteilweise Stilllegung von Produktionsanlagenstagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsenfallende Börsenkurse
Zu den Ursachen einer Rezession gehören unterschiedliche Punkte, die sich nur schwerlich verallgemeinern lassen. Aktuell wirkt sich etwa der Krieg in der Ukraine erheblich auf die Konjunktur in Europa und den USA aus.
In einer Rezession halten Unternehmen und private Haushalte ihr Geld in der Regel beisammen. Zu den Folgen einer Rezession zählen steigende Arbeitslosenzahlen, außerdem arbeiten mehr Menschen in Kurzarbeit. Beides führt zu geringerer Nachfrage. Denn wenn die Bürger weniger Geld verdienen, konsumieren sie auch weniger. Dies ist wiederum schlecht für Unternehmen, die dadurch weniger verkaufen und auf ihren Lagerbeständen sitzen bleiben. Die fehlenden Einnahmen können zu weiteren Entlassungen führen, sodass die Arbeitslosigkeit weiter steigt.Auch Menschen, die auf der Suche nach einem neuen Job sind, stehen in einer Rezession vor Problemen. Denn wer sich um eine neue Stelle bewirbt, dürfte während einer Rezession Schwierigkeiten haben eine entsprechende Stelle zu finden – denn geht es Unternehmen wirtschaftlich schlechter, stoppen sie Neueinstellungen.
Durch eine steigende Inflation sinkt die Kaufkraft der Menschen. Durch eine sinkende Kaufkraft sinkt wiederum die Konsumbereitschaft der Menschen, da sie ihr Geld beisammen halten, statt es für Waren und Güter auszugeben.

 Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet für 2025 mit weitgehender Stagnation. Die Industriestaatengemeinschaft OECD hält zwar ein BIP-Plus von 0,7 Prozent für möglich, aber selbst damit läge Deutschland im Vergleich der Industriestaaten auf dem letzten Platz.

„Die Aussichten für die kommenden beiden Jahre sind mit großen Unsicherheiten behaftet“, schreiben auch die Prognostiker des Münchner Ifo-Instituts. Immerhin: Für 2025 haben die Ökonomen zwei unterschiedliche Szenarien entwickelt. Im Basisszenario „dürfte sich die schleppende Entwicklung fortsetzen“ und „gehen insbesondere im verarbeitenden Gewerbe keine positiven Wachstumsimpulse aus“. Im Alternativszenario aber „beschleunigen sich die gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten im Verlauf des kommenden Jahres“.  Ein bisschen Hoffnung, das kann in diesen Tagen nicht schaden.

Die Geschäftsstrategie der Kirchhoff-Gruppe ändert dies vorerst nicht. Das Unternehmen konzentriert sich bei seinen Investitionen aktuell vor allem auf Mexiko, „das Low-Cost-Land in der nordamerikanischen Freihandelszone“ (Arndt Kirchhoff). Dort bauen die Sauerländer gerade für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag zwei neue Werke.

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