Verarbeitendes Gewerbe: Diese Arbeitsmarktzahl muss die neue Bundesregierung alarmieren

Immer weniger Menschen in Deutschland sind so wie er: Ein Arbeiter bearbeitet eine Weichenzunge mit einem Winkelschleifer (Symbolbild).
Foto: Rolf Vennenbernd/dpaAndrea Nahles hat diese Entwicklung bereits im Oktober vorausgesagt: Ende des Winters könnte die Marke von drei Millionen Arbeitslosen erstmals wieder überschritten werden, so die Chefin der Bundesagentur für Arbeit im Interview mit der WirtschaftsWoche. Eine fatale Prognose, mit der sie recht behalten hat, wie die am Freitag veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen zeigen.
Zwar wurde die Drei-Millionen-Marke im Januar mit 2,993 Millionen Arbeitslosen noch einmal ganz knapp unterschritten, der Trend ist aber eindeutig: Die Arbeitslosenquote steigt weiter, im Januar auf 6,4 Prozent – und damit so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr.
Einen Aufwuchs neuer Stellen gibt es derzeit vor allem in staatsnahen Bereichen: etwa in der Öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheitswesen, Erziehung und Unterricht sowie Pflege und Soziales. Im Handel, im Baugewerbe und in der Metall-, Elektro- und Stahlindustrie gehen dagegen Stellen verloren. Das Verarbeitende Gewerbe hat dabei mit 101.000 Stellen das größte Minus zu verzeichnen.
Bundesweit gehen derzeit pro Monat rund 10.000 der oft gut bezahlten Industriearbeitsplätze verloren, zeigt auch eine Analyse vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung – eine Folge des wirtschaftlichen Abschwungs. Grünes Wirtschaftswunder? Dieses Versprechen nimmt Olaf Scholz schon lange nicht mehr in den Mund.
Erst diese Woche musste die Rest-Regierung ihre eigene Wachstumsprognose für 2025 deutlich nach unten korrigieren. Statt um 1,1 Prozent wird die deutsche Wirtschaft demnach nur um 0,3 Prozent wachsen. Die Folgen möglicher Zölle durch US-Präsident Donald Trump sind dabei noch nicht eingepreist. Deutschland droht ein drittes Rezessionsjahr in Folge. „Die Diagnose ist ernst“, sagt Wirtschaftsminister Robert Habeck selbst. Umso fataler, dass Rot und Grün weiter auf die falschen Instrumente setzen wollen.
Kurzarbeitergeld geht an „sterbende Riesen“
Beispiel Kurzarbeitergeld. Erst im Dezember wurde die Bezugsdauer durch die Rest-Regierung von zwölf auf 24 Monate verlängert. Diese Maßnahme sei angesichts des Anstiegs der Arbeitslosenzahlen „vernünftig und wirtschaftlich geboten“, lobte sich Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Freitag selbst. Vernünftig? Wirtschaftlich geboten? Das Gegenteil ist der Fall.
Zweifelsohne ist das Kurzarbeitergeld ein bewährtes Instrument in konjunkturellen Krisen wie etwa in der Coronapandemie. Doch Deutschland steckt inzwischen tief drin in der strukturellen Krise. Eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds verhindert aber nur die dringend notwendige Transformation.
Das gilt auch für Subventionen an Unternehmen, die ohne Milliardenhilfen nicht dauerhaft wettbewerbsfähig wären. Denn damit sich andere Unternehmen – vom Start-up über den Mittelständler bis zum Großkonzern – weiter entwickeln können, werden Fachkräfte gebraucht. „Wenn die nun aber in einem Unternehmen nur deshalb gebunden sind, weil dort noch Subventionen gezahlt werden, fehlen sie anderswo. Dadurch wird ein Strukturwandel behindert – was die Allgemeinheit am Ende Wachstum kostet“, warnt Ökonom Stefan Kooths vom Kiel Institut für Weltwirtschaft.
Auch Arbeitsmarktökonom und Regierungsberater Simon Jäger sieht das Kurzarbeitergeld zunehmend kritisch. Seine Forschung zeigt, dass es derzeit „überproportional“ an Unternehmen aus der Kategorie „sterbende Riesen“ fließt. Jäger warnt vor „massiven Mitnahmeeffekten“, denn viele Firmen hätten auch schon vor dem Kurzarbeitergeldbezug Stellen abgebaut.
Tatsächlich steigt in Deutschland die Zahl: 293.000 Beschäftigte haben nach den jüngsten verfügbaren Zahlen im November 2024 Kurzarbeitergeld bezogen, nach 263.000 im Oktober und 221.000 im September.
Jäger fordert deshalb zurecht drei Gegenmaßnahmen: strengere Kontrollen, eine gezieltere Vergabe an zukunftsfähige Unternehmen und eine stärkere Verbindung von Qualifizierungsmaßnahmen, damit sich Beschäftigte in Kurzarbeit weiterbilden können und damit womöglich anderweitig eine bessere Chance haben – doch eine zweite Entwicklung ist in dieser Hinsicht besonders alarmierend.
Im Januar stieg nämlich nicht nur die Arbeitslosenquote wieder auf ein Zehn-Jahres-Hoch, sondern es gibt einen weiteren negativen Rekord: Die Zahl der gemeldeten, offenen Stellen ist mit 632.000 Jobs auf dem niedrigsten Niveau der vergangenen fünf Jahre gesunken (ausgenommen April 2020, Höhepunkt der Coronakrise), warnt Ökonom Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.
Nach der Bundestagswahl am 23. Februar sollte die künftige Regierung deshalb umso dringender eine Mobilisierung am Arbeitsmarkt ermöglichen und Investitionen in Deutschland attraktiver machen – statt auf zementierende Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld zu setzen und kleinteilige Prämien wie den sogenannten „Made in Germany“-Bonus und 10-Prozent-Rabatte. Denn sie werden die Unternehmen wenig reizen, wenn die Betriebskosten etwa durch überbordende Bürokratie und hohe Energiekosten dauerhaft hoch sind und US-Präsident Donald Trump künftig mit noch niedrigeren Steuern lockt.
„Ich fürchte, dass auch 2025 ein verlorenes Jahr für den Standort Deutschland wird“, sagte Arbeitsagenturchefin Andrea Nahles mit Blick auf den mangelnden Reformwillen und die geopolitischen Herausforderungen im Oktober der WirtschaftsWoche. Die neue Bundesregierung sollte alles dafür tun, dass Nahles nach der Drei-Millionen-Prognose nicht auch noch in dieser Sache recht behält.
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