Kein Gehalt: Pizza-Hut-Mitarbeiter in der Türkei demonstrieren gegen Ilkem Sahin
Eine Gruppe von Männern und Frauen steht am Donnerstagmorgen vor einem Hochhaus in der Gemeinde Beykoz in der Nähe von Istanbul. Die Menge ist wütend. Sie schreien, halten Schilder hoch. Auf einem steht in türkischer Sprache: „Ilkem Sahin – wir suchen Gerechtigkeit“.
Bei den Demonstranten handelt es sich um türkische Mitarbeiter der Fast-Food-Ketten KFC und Pizza Hut, die vor wenigen Tagen von den finanziellen Problemen ihres Arbeitgebers İş Gıda überrascht wurden. Deren Geschäftsführer Ilkem Sahin geriet zuletzt auch in Deutschland in die Schlagzeilen.
Im Dezember des vergangenen Jahres hatte sich YUM! Brands, die amerikanische Mutter der Fast-Food-Marken KFC, Pizza Hut und Taco Bell, von ihrem Statthalter in Deutschland getrennt. Auch in der Türkei sagte sich das Unternehmen von Sahin los. Entscheidungen, die YUM! Brands laut des aktuellen Quartalsberichts 61 Millionen US-Dollar kosten, aber für den Fast-Food-Riesen wohl alternativlos waren. Der Grund: Sahins Konzern habe Betriebsstandards nicht eingehalten und gegen „die grundlegenden Bestimmungen unserer Franchisevereinbarungen“ verstoßen, so Yum-Finanzchef Chris Turner. Vorausgegangen waren auch Recherchen der WirtschaftsWoche zu Unregelmäßigkeiten im Sahin-Reich.
Von der Kündigung seien 283 KFC- und 254 Pizza-Hut-Restaurants in der Türkei betroffen, teilte Yum weiter mit. Ein Großteil von ihnen musste schließen.
Bekannter Nusshersteller in der Krise
Die Folge spüren nun die etwa 7000 Angestellten in der Türkei, nachdem Sahin vor wenigen Tagen ein Konkordatsverfahren anmeldete – im türkischen Recht etwa vergleichbar mit einem deutschen Sanierungsverfahren. „Wir haben für den Monat Januar kein Geld bekommen“, sagt Cahit Sabay, der mehrere Jahre als Restaurantleiter bei KFC gearbeitet hat und derzeit im Online-Netzwerk Linkedin auf seine Sorgen aufmerksam macht.
Nach Unterlagen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, sind gleich mehrere Firmen aus dem Reich von Sahin von dem Konkordatsverfahren betroffen: darunter İş Gıda, die den Fast-Food-Betrieb in der Türkei verantwortet, das Logistikunternehmen ISHWay und der Hersteller von Trockenfrüchten und Nüssen Peyman, der erst 2022 von der Private-Equity-Gesellschaft Bridgepoint übernommen wurde.
Laut übereinstimmenden Medienberichten sollen Schulden in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro zur Beantragung des Konkordatsverfahrens geführt haben.
Ein anatolisches Gericht entschied, dass den Unternehmen eine vorläufige Frist von drei Monaten bleibt, um die Schulden umzustrukturieren und eine Insolvenz abzuwenden. Damit befindet sich Sahins IS-Holding in einer schweren Krise. Der Mischkonzern, benannt nach den Initialen seines Chefs, ist einst aus einer Unternehmensgruppe hervorgegangen, die Sahins Vater in den 1950er-Jahren gegründet hatte. Der Sohn übernahm das Familiengeschäft vor etwa 15 Jahren.
Auf eine schriftliche Anfrage der WirtschaftsWoche reagierte Ilkem Sahin nicht. Am 3. Februar schickte der Unternehmer, der zuletzt in Deutschland Unternehmen wie den Fernsehsender Rhein-Main TV, die Spezialpapierfabrik Ober-Schmitten und den Felgenhersteller BBS in ein Insolvenzverfahren geführt hat, jedoch einen langen Brief an die Belegschaft. Darin wies er jede Schuld von sich und erklärte, dass sein Konzern in den vergangenen Monaten hohe Zinsen für Kredite zahlen musste, „um keine Störungen bei der Produktversorgung zu erleben und unsere Gehälter pünktlich zahlen zu können“. Zudem habe Yum! Brands „die Verträge mit unrealistischen Ausreden“ gekündigt und dadurch einen „irreversiblen Schaden“ zugefügt.
Der Manager und seine Geschichten
Zudem kündigte Sahin an, dass er vor den Problemen nicht weglaufe. „Unser einziges Ziel ist die Umstrukturierung unserer Schulden und deren Tilgung“, teilte er weiter in seinem Brief mit. Er wolle alle Schulden bis zum Fälligkeitstermin zurückzahlen – und kündigte zudem rechtliche Schritte an. „Leider mussten wir unsere Restaurants vollständig schließen und konnten keine Einnahmen mehr erzielen. Um unsere Verluste auszugleichen, müssen wir rechtlich gegen die vorgehen, die uns in diese Situation gebracht haben“, schreibt er.
Doch wie glaubhaft sind die Ankündigungen des Geschäftsmanns? Menschen, die in Deutschland mit Ilkem Sahin zu tun hatten, beschreiben ihn als einen charmanten Geschichtenerzähler. Aber auch als jemanden, der mit seinem Reichtum prahlt, mit seinen Kontakten zu Politikern und Wirtschaftsgrößen. Für den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama will Sahin Wahlkampf organisiert haben, den Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff beraten und mit Claudia Roth regelmäßig über deutsche Politik diskutiert haben. Das hinterließ Eindruck: „Die Leute waren begeistert“, sagt ein Mitarbeiter der mittlerweile insolventen Papierfabrik in Ober-Schmitten.
Begeistert waren sie wohl auch, weil Sahin seine eigene Begeisterung so glaubhaft mit der eigenen Biografie untermauerte: Deutsche Fachkräfte habe er schon als Kind in den türkischen Textilfabriken seiner Familie kennengelernt. Die hätten damals für Adidas gefertigt, erzählte Sahin einem Medienbericht zufolge während eines „Infoabends“ kurz nach der Übernahme der Papierfabrik. Allerdings: Adidas kann das auf Anfrage „nicht bestätigen“. Es habe „weder heute noch in der Vergangenheit“ eine Geschäftsbeziehung zwischen den Herzogenaurachern und dem Textilunternehmen von Sahins Vater gegeben, teilt ein Sprecher mit.
Hat Sahin die Anekdote aus seiner Kindheit erfunden? Auf eine Anfrage dazu antwortete er nicht. Einiges deutet darauf hin, dass er es mit der Wahrheit womöglich nicht immer ganz genau nimmt. Sahins angebliche Diskussionspartnerin Claudia Roth lässt mitteilen, sie habe „in keiner Weise Kontakt zu Herrn Sahin“. Christian Wulff schreibt, er habe keine geschäftlichen Beziehungen zu Sahin und dieser sei für ihn auch nicht als Berater tätig. Aber: „Im Frühjahr diesen Jahres wurde mir Herr Sahin in Istanbul vorgestellt, weil Arbeitsplätze in Deutschland zu retten seien“, so Wulff. Barack Obama ließ eine Anfrage unbeantwortet, hat sich aber zumindest einmal mit Sahin fotografieren lassen.
Mitarbeiter fordern eine Untersuchung
Unterdessen gehen in weiteren türkischen Städten Menschen vor Filialen von KFC und Pizza Hut auf die Straße: etwa in der Millionenstadt Bursa im Nordwesten der Türkei. Ömürcan Çabur, der jahrelang für KFC und Pizza Hut gearbeitet hat, erklärte gegenüber der Internetseite Ogaste, dass er und seine Kollegen unter dem schlechten Management von İş Gıda gelitten hätten. Nun fordert er Aufklärung. „Wir wollen, dass die finanzielle Geschichte des Unternehmens im Detail untersucht wird.“
Damit dürfte Cabur auf einen Vorfall ansprechen, der sich Ende Januar rund um die Donut-Kette Krispy Kreme ereignet hat, deren Franchiserechte zuletzt ebenfalls in der Hand von Sahin und seinem Konzern lagen. Während ein Großteil der Filialen von KFC und Pizza Hut in der Türkei derzeit geschlossen sind, wird in den türkischen Filialen von Krispy Kreme weiter gearbeitet. Ein Dokument aus dem türkischen Handelsregister zeigt jedoch, dass Sahin noch am 23. Januar Anteile der Gesellschaft Krispy Kreme Gıda Üretim Limited Compan an eine Frau übertragen hat, die ebenfalls den Namen Sahin trägt. Mitarbeiter, die auf Linkedin eine Untersuchung der Transaktion fordern, vermuten, dass die Anteile innerhalb der Familie veräußert wurden. Eine Nachfrage dazu beantwortete Ilkem Sahin nicht.
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