Stahlaktionsplan und Sondervermögen: Kann der Stahlplan der EU Thyssen und Co. noch retten?
Panorama des Thyssenkrupp Steel Stahlwerk in Duisburg-Marxloh, am Rhein.
Foto: imago imagesAuf einmal ging alles ganz schnell. Im Februar kündigte Donald Trump Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte an. Gute zwei Wochen später lud Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Branche zum strategischen Dialog – Krisensitzung, könnte man sagen. Und wieder zwei Wochen später steht er: der Stahlaktionsplan der EU.
Mit dem Plan will Industrie-Kommissar Stéphane Sejourné die schwächelnde Stahlindustrie schützen. Dafür werden unter anderem die Schutzzölle der EU auf importierten Stahl verlängert, zudem sollen sogenannte grüne Leitmärkte entstehen. Dringlichkeit: erkannt. Jetzt fehlt noch die Umsetzung.
US-Präsident Donald Trump ist dabei wieder einmal Beschleuniger, jedoch nicht alleiniger Auslöser der Probleme. Die einst stabile europäische Stahlindustrie ist neuerdings im Dauerkrisenmodus. Die deutschen Hersteller verzeichnen ein historisches Nachfragetief. Thyssenkrupp baut 11.000 Stellen ab. Das Stahlwerk in Georgsmarienhütte hatte Kurzarbeit angemeldet. Salzgitter machte 2024 Hunderte Millionen Euro Verlust.
Woher und wann genügend Wasserstoff für grünen Stahl kommen soll, ist noch unklar. Und während die globalen Überkapazitäten wachsen, führen die USA wieder Stahlzölle ein.
Viele negative Rahmenbedingungen sind das für eine Branche, die doch für weite Teile der Industrie von grundlegender strategischer Bedeutung ist. „Ein Viertel der Bruttowertschöpfung in Deutschland ist stahlintensiv“, betont Holger Stamm von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Ob Automobil-, Maschinenbau-, Bau- oder Verteidigungsbranche – ohne Stahl ist alles nichts.
Doch diese Woche könnte seit langem mal wieder eine gute Woche für den europäischen Stahl sein. Schon der Stahlaktionsplan der Europäischen Union stimmt die Branche verhalten optimistisch. Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, lobt die schnelle Reaktion der Kommission. Der Vorstoß sei ein „wegweisendes Signal“. Salzgitter-Chef Gunnar Groebler zeigt sich erfreut auf LinkedIn: „Ein ermutigendes Signal in herausfordernden Zeiten!" Auch der CEO von ArcelorMittal, Aditya Mittal, sagt, er sei „ermutigt“ von den europäischen Plänen. Und Hans van den Berg, Chef von Tata Steel Netherlands, sagt: „Die Kommission hat die richtigen Herausforderungen des heutigen Stahlmarkts erkannt."
Und zumindest für die deutschen Konzerne gibt es dieser Tage gar noch einen weiteren Grund zum Jubel: Auch das neu beschlossene Sondervermögen Infrastruktur könnte eingesetzt werden, um die Stahlindustrie aus dem Sumpf ziehen. „Das Sondervermögen zur Infrastruktur könnte über die Gesamtdauer des Programms zu einer zusätzlichen Nachfrage nach Stahl in Höhe einer Jahresproduktion führen“, sagt Stahlexperte Nils Naujok von der Unternehmensberatung Oliver Wyman.
Zudem könne die Stahlbranche im geringeren Maße auch von der Schuldenbremse-Ausnahme für Verteidigung profitieren. Naujok rechnet mit einer zusätzlichen Stahlnachfrage von bis zu vier Millionen Tonnen insgesamt. Der Rüstungskonzern Rheinmetall hat bereits angekündigt, Stahl in Zukunft bevorzugt aus Deutschland zu kaufen.
Könnte das das Ende vom Abwärtstrend in der deutschen Stahlbranche sein? Und was wird aus den Dekarbonisierungsplänen der Branche, die langsamer vorankommen als geplant?
US-Zölle auf Stahl treffen Europa
Seit dem 12. März erheben die USA wieder Importzölle auf ausländische Stahl- und Aluminiumprodukte. Sehr zum Leidwesen der europäischen Stahlindustrie, denn aufgrund der globalen Überkapazitäten landen so noch mehr günstigere Importe auf dem europäischen Markt. Vor allem China subventioniert seine Stahlindustrie und drückt somit die weltweiten Preise.
Laut dem Europäischem Stahlverband beträgt die globale Kapazität an Stahl inzwischen das Vierfache der jährlichen Stahlproduktion der EU – Tendenz steigend. Dagegen ist die deutsche Rohstahlproduktion im Jahr 2024 erneut gesunken, auf nur noch 37,2 Millionen Tonnen, fast 20 Millionen Tonnen weniger, als die Branche herstellen könnte. Die hiesige Stahlnachfrage sank gar auf 24 Millionen Tonnen, laut Wirtschaftsvereinigung Stahl ein „historisches Tief“.
Um die Branche zu schützen, will die Kommission will nur ihre eigenen Schutzzölle verlängern, die ebenfalls bei 25 Prozent liegen. Die EU hatte sie als Reaktion auf die von den USA in der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle eingeführt.
„Die Verlängerung der Schutzzölle ist sinnvoll“, sagt Nils Naujok. Die aktuellen Regelung kann den Vorschriften der Welthandelsorganisation (WHO) zufolge nicht mehr verlängert werden, die EU muss daher nun eine kreative Lösung finden, die Schutzzölle WHO-konform zu verlängern.
Grüne Leitmärkte und CO2-Grenzzölle
Die EU will den CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) verbessern, um zu verhindern, dass CO2-intensive Unternehmen wie die Stahlindustrie abwandern. Zudem will sie Geld in die Hand nehmen, um grüne Leitmärkte zu fördern. Wenn Deutschland zum Beispiel neue Bahnschienen bauen will, könnte die Ausschreibung grünen europäischen Stahl zur Bedingung machen – so kann die Branche indirekt subventioniert werden, bis der Markt für grünen Stahl größer und wettbewerbsfähiger ist.
Die Stahlhersteller selbst haben mittlerweile einen harten Realitätscheck durchgeführt: Noch fehlt es an bezahlbaren und ausreichendem Wasserstoff, mit dem die Branche zukünftig Stahl herstellen will. Deswegen versuchen die Stahlkocher nun, flexibler zu sein, zum Beispiel indem sie stärker auf Recycling von Stahlschrott setzen. Auch die Abscheidung von CO2 wird in der Branche diskutiert, wenngleich die Technik in Deutschland noch nicht rechtlich umsetzbar ist und die Profitabilität umstritten.
Branchenkenner wie der ehemalige Salzgitter-Chef Heinz Jörg Fuhrmann fordern mehr Ausdauer und Pragmatismus: Es müsse CO2-reduzierter, nicht nur komplett CO2-freier, Stahl gefördert werden, sagte er auf der Handelsblatt-Tagung „Zukunft Stahl“. „CO2-reduzierter Stahl für Infrastrukturprojekte wie Träger, Spundwände oder Röhren ist bereits heute verfügbar“, sagt André Körner, Geschäftsführer ArcelorMittal Germany.
Stromkosten senken
Die Kommission will auch die Energiekosten der Branche senken. Gelingen soll das durch effizientere Netzentgelte und niedrigere Steuern. Für die Branche könnte es der entscheidende Punkt sein – wenn auch die Kommission dabei wenig konkret wird. Auch Union und SPD wollen laut Sondierungspapier die Stromsteuern senken und die Übertragungsnetzentgelte halbieren. „Hohe Energiepreise sind das drängendste Problem für die europäische Stahlindustrie", vermerkt der zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Kerner, in Reaktion auf den Stahlaktionsplan.
„Der Stahlbranche fehlt es weniger an Investitionsmitteln für Direktreduktion- und Elektrostahlerzeugung“, sagt Holger Stamm, ebenfalls Berater bei Oliver Wyman. „Stattdessen leidet sie daran, dass erneuerbarer Strom, Wasserstoff und Erdgas zu teuer sind.“
Darüber hinaus will die Kommission langfristige Stromlieferverträge, sogenannte PPAs, fördern. Sie bieten Abnehmern von Strom eine langfristige Preissicherheit, weil Menge, Preis und weitere Bedingungen klar festgelegt sind.
Auch wenn die Politik das verhindern möchte: Einen weiteren Rückgang der deutschen Stahlproduktion halten Experten dennoch für möglich. „Die Rohstahlerzeugung in Deutschland könnte wegen der hohen Energiekosten und bei fehlendem Außenhandelsschutz weiter zurückgehen“, sagt Berater Naujok. Das müsse noch nicht bedeuten, dass die Weiterverarbeitung von Stahlprodukten aber auch abwandere – es komme auf die Rahmenbedingungen an.
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