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EZB-VermögensberichtSind die Zyprer wirklich reicher als die Deutschen?

Die Daten sind brisant. Laut einer Vermögensstudie der EZB sind die Haushalte der südeuropäischen Krisenländer deutlich reicher als die Deutschen. Die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. 09.04.2013 - 18:25 Uhr

„Die Vorstellung, dass wir in Europa ein Liquiditätsproblem haben, ist komplett falsch“

Im August 2011 malte der Draghi-Vorgänger, Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet, die Lage schön. Denn wahr ist: Sowohl auf staatlicher Seite, als auch im Bankensektor fehlt es vielerorts an liquiden Mitteln.

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„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versicherte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juli 2010, dass die Rettungsschirme nicht von Dauer sein werden. Inzwischen ist klar: Der Euro-Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.

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„Wir werden jeden Cent zurückzahlen. Deutschland bekommt sein Geld zurück - und zwar mit hohen Zinsen“

Griechenlands Ex-Regierungschef Giorgios Papandreou betonte im März 2011, dass sein Land nicht dauerhaft alimentiert werden braucht. Bei den Rettungspaketen handele es sich lediglich um Kredite, die das Land mit hohen Zinsen zurückzahlen werde. Doch: Wenige Monate später brauchte Griechenland einen Schuldenschnitt. Der betraf zwar zunächst nur private Gläubiger. Allerdings: Mehrere Milliarden musste mit dem Schuldenschnitt auch die deutsche Hypo Real Estate abschreiben, die Griechenland-Anleihen im Wert von rund acht Milliarden Euro besaß. Durch die Verstaatlichung der Bank im Jahr 2009 trägt diese Lasten der deutsche Steuerzahler.

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„Wenn Griechenland pleitegehen würde, wäre das schlimmer als Hypo Real Estate und Lehman Brothers zusammen“

Wolfgang Schäuble warnte bei einem Treffen der Unionsfraktion vor den unkontrollierbare Folgen einer Griechenland-Pleite. Doch nach dem Schuldenschnitt für Athen blieben die Horror-Szenarien aus. Ansteckungseffekte auf Portugal oder Spanien gab es nicht.

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„Ich bin fest davon überzeugt, dass Griechenland diese Hilfe nie wird in Anspruch nehmen müssen, weil das griechische Konsolidierungsprogramm in höchstem Maße glaubwürdig ist“

Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker war sich noch im März 2010 sicher, dass Griechenland die Wende schaffen würde und nannte die Sparvorhaben der griechischen Regierung „in höchstem Maße glaubwürdig“. Schon längst mussten die europäischen Geldgeber feststellen, dass die Politiker in Athen ihren Worten nur sehr spärlich Taten haben folgen lassen. Der Internationale Währungsfonds droht bereits, seine Hilfen einzustellen, wenn Griechenland nicht endlich seine Konsolidierungsversprechen einlöst.

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„Wir können Zinsen nicht sozusagen künstlich herunterrechnen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte diesen Satz im März 2011. Dabei versuchte die EZB mit ihren Anleihekäufen seit 2010, die Märkte auszutricksen. Durch den Kauf von Schuldpapieren in Milliardenhöhe versucht die Zentralbank, die Renditen für die Euro-Pleitekandidaten zu drücken. Kritiker sprechen von einer direkten Staatsfinanzierung, die der Notenbank verboten ist.

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„Spanien wird sein Defizit-Ziel von 4,4 Prozent erreichen“

Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy beteuerte noch im Januar 2012, dass Griechenland die Maastricht-Kriterien nur um 1,4 Prozent reißen wird. Schon damals hielten Ökonomen dieses Ziel für unrealistisch. Heute wissen wir: Spanien wird dieses Jahr nach Schätzungen der EU-Kommission ein Haushaltsdefizit von mindestens 6,4 Prozent aufweisen. Im Juli musste das Land bereits Finanzhilfen für seinen maroden Bankensektor anfordern.

Foto: REUTERS

„Italien ist kein Risikoland“

EZB-Chef Mario Draghi erklärte am 15. Februar 2011, dass sein Heimatland stabil ist. Darstellungen, Italien sei ein Euro-Sorgenkind, seien falsch. Inzwischen ist der Zinsdruck auf Italien so hoch, dass der Notenbank-Präsident mit Anleihekäufen seinem Landsmann, Ministerpräsident Mario Monti, zur Seite springen muss.

Foto: dpa

Deutschland kann sein Veto einlegen, wenn die Voraussetzungen für Hilfen nicht gegeben sind – und davon werde ich Gebrauch machen“

Bundeskanzlerin Angela Merkel beschrieb im März 2011 die „strikten Auflagen“ unter denen ein Euro-Sorgenland Geld von den europäischen Partnern bekommen kann. Die Realität ist eine andere. Griechenland hat die Auflagen aus dem ersten Rettungspaket nicht erfüllt, wie die Troika festgestellt hat. Trotzdem bekam Griechenland per zweitem Rettungspaket neue Milliardenkredite.

Foto: dapd

„Dieses Geld wird eine große Zukunft haben“

Helmut Kohl, Bundeskanzler von 1982 bis 1998, prophezeite der Gemeinschaftswährung in seiner Rede zur Einführung des Euro 2001 eine rosige Zukunft. Die kann noch kommen, keine Frage. Aktuell gilt aber eher, dass der Euro die Ressentiments gegenüber Brüssel und den europäischen Nachbarn verstärkt haben. Gegenüber dem Dollar hat der Euro in den vergangenen Jahren an Wert verloren, die Währungen der Nicht-Euro-Länder (Schweiz, Schweden) haben massiv aufgewertet.

Foto: AP

Ist ein Land fast pleite, sagt das wenig über den Reichtum seiner Bewohner aus. Das zeigt die am Dienstag veröffentlichte Vermögensstudie der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn die Menschen in europäischen Krisenländern wie Zypern oder Spanien sind demnach deutlich reicher als Bürger in Deutschland. Während deutsche Haushalte im Schnitt auf ein Vermögen von rund 51.400 Euro netto kommen, haben Zypern und Co. stattliche Summen aufzuweisen. Die Bürger des bankrotten Inselstaates haben es sogar auf Platz 2 in Europa geschafft - reicher sind nur die Einwohner Luxemburgs. Das mediale Nettovermögen eines Zyprioten liegt immerhin bei rund 266.900 Euro.

Zusammen mit den nationalen Notenbanken wollte die EZB herausfinden, wie die Haushalte in der Euro-Zone leben und welche finanziellen Möglichkeiten sie haben. Da Vermögen sehr ungleich verteilt sind, geben die Werte nicht den Durchschnitt an, sondern den Median. Dafür wird das Vermögen der einzelnen Haushalte der Höhe nach sortiert, der Median liegt dann genau in der Mitte. Bei Berechnung des Durchschnittsvermögens wären die wenigen Haushalte mit hohen Vermögen überproportional gewichtet worden, auch besonders niedrige Vermögen wären stärker berücksichtigt worden. Für die Studie wurden Daten von mehr als 62.000 Haushalten in 15 Euroländern untersucht. Bereits im März hatte die Bundesbank den deutschen Teil der Studie vorab veröffentlicht.

Doch warum sind die Bewohner der Peripheriestaaten im Süden so viel vermögender als die Deutschen? Ein Blick in die Statistiken der EZB gibt ein paar Hinweise.

Demnach liegt das mediale Nettovermögen in der Euro-Zone insgesamt bei 109.200 Euro. Deutschlands Haushalte liegen weit abgeschlagen auf dem letzten Platz, nur die Bevölkerung der Slowakei verfügt mit 61.200 Euro über ein ähnlich niedriges Nettovermögen. Gleichzeitig verdeutlichen die Zahlen, dass die Höhe des Vermögens in Deutschland stark von der Haushaltsgröße abhängt. Während sowohl Zwei- als auch Vier-Personen-Haushalte auf ein mediales Nettovermögen von knapp über 100.000 Euro kommen, sind es bei fünf oder mehr Personen nur 79.300 Euro, bei drei Personen gar nur 56.100 Euro. In Zypern dagegen steigt das Nettovermögen der Haushalte mit zunehmender Personenzahl an.

Experten kritisieren, dass die unterschiedliche Haushaltsgröße in den Ländern der Euro-Zone verzerre. Nirgendwo in Europa leben so wenige Menschen in einem Haushalt wie in Deutschland. Hierzulande teilen sich im Schnitt zwei Menschen ein Haushaltseinkommen. In Spanien (2,7), Zypern (2,8) und Malta (2,9) sind es deutlich mehr: In Deutschland verteilt sich das Haushaltsvermögen daher auf weniger Menschen als in Malta. Auffällig ist auch, dass in Deutschland das durchschnittliche Nettovermögen mit rund 195.200 Euro deutlich über dem medialen liegt. Das deutet auf eine ungleiche Verteilung der Vermögen hin.

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Noch entscheidender für die unterschiedliche Vermögenslage in Europa ist die jeweilige Wohnsituation. Denn neben finanziellen Vermögenswerten wie Einlagen auf Konten oder anderen Geldanlagen ist es vor allem der Immobilienbesitz, der das Vermögen der Haushalte in die Höhe treibt. Während die Deutschen Weltmeister im Mieten von Wohnungen und Häusern sind, wohnen vor allem Südeuropäer in der Regel im Eigenheim.

Der EZB zufolge wohnen gut 60 Prozent aller Privathaushalte im Euroraum in den eigenen vier Wänden, ein Drittel davon zahlt eine Hypothek ab. Die regionalen Unterschiede sind aber enorm: Mit nur 44,2 Prozent leben nirgendwo in Europa weniger Menschen im Eigenheim als in Deutschland - in Spanien sind es fast 83 Prozent, in der Slowakei 90 Prozent. „Wir haben in Deutschland einen gut funktionierenden Mietwohnungsmarkt und dadurch eine entsprechend geringe Wohneigentumsquote“, sagt Christoph Schröder vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Auch in Deutschland ist das Vermögen der Hausbesitzer naturgemäß deutlich höher als das der Mieter. Eigentümer, die keine Hypothek mehr bedienen müssen, kommen immerhin auf ein mediales Nettovermögen von rund 255.600 Euro. Bei den deutschen Mietern sind es dagegen nur 10.300 Euro. Die enorme Bedeutung der Wohnsituation für die Vermögensverteilung in Europa führt allerdings auch zu einem der Probleme der Haushalts-Studie.

Denn die jüngsten Daten für die Studie stammen von 2010, viele sind noch aus dem Jahr 2008. Zu dem Zeitpunkt war von einer Euro-Schuldenkrise noch nicht die Rede. Seit dem sind vielerorts die Immobilienpreise gepurzelt, während die Arbeitslosigkeit zunahm. „Besonders für Spanien ist es kritisch, das Erhebungsjahr 2008 zu wählen. Denn die Immobilienpreisblase ist dort erst später geplatzt“, sagt Schröder. „Das Durchschnittsvermögen ist in Spanien daher heute geringer als im Jahr 2008.“

Das die Kräfteverhältnisse in der Euro-Zone ohne eine Berücksichtigung von Immobilien anders aussehen könnten, dass lassen die Haushaltseinkommen erahnen. Beim mittleren Brutto-Haushaltseinkommen liegt Deutschland mit 32.500 Euro auf Rang 5 - weit hinter Luxemburg mit 64.800 Euro, aber auch weit vor der Slowakei mit 11.200 Euro.

Zudem: Die Daten für die Studie wurden im Rahmen von Umfragen erhoben. Das ist kritisch, da sich die Befragung der Haushalte nach territorialen Aspekten richtet, nicht nach nationalen. In Zypern kann dementsprechend auch das Vermögen von reichen russischen Auswanderern die Zahlen in die Höhe getrieben haben. Gleichzeitig ist es möglich, dass Befragte den Wert ihrer Immobilie überschätzen. Außerdem kritisieren Experten, dass etwa Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung, Betriebsrenten oder kostenlose Bildung in der Studie nicht berücksichtigt wurden. „Wir haben eine recht gute soziale Absicherung“, betonte Schröder. Deshalb werde weniger für die Altersvorsorge oder die Arbeitslosigkeit gespart. Gerade für ältere Deutsche dürften Betriebsrenten und andere Ansprüche einen nicht unerheblichen Teil des Vermögens ausmachen.

Besonders vor dem Hintergrund weiterer Rettungsschirme werden die Daten der EZB sicherlich für einige Diskussionen sorgen - zu genießen sind sie allerdings nur mit Vorsicht.

lit, dpa
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