Grönland-Konflikt: Grönland, Macht und Strategie – warum Europa den Hebel aus der Hand gibt

US-Präsident Donald Trump erhöht durch die Zolldrohungen gegen Deutschland und weitere europäische Länder den Druck im Streit um Grönland. Die Amerikaner sitzen hier an einem langen Hebel und Europa hat sich durch eine vorschnelle, empörte Reaktion unnötig exponiert und vermutlich Handlungsoptionen geraubt. Eine moralisch nachvollziehbare Empörung ersetzt keine Strategie – und genau darin liegt Europas zentrales Problem.
Es wird in der europäischen Diskussion zumindest öffentlich sehr schnell verworfen, dass die geopolitische Dimension bei der Grönlandfrage eine große Bedeutung hat. Das verkennt, dass sicherheitspolitische Fragen nicht primär normativ, sondern macht- und interessengeleitet entschieden werden. Es ist keineswegs abwegig, dass es geostrategisch große Herausforderungen rund um Grönland gibt. In der aktuellen Verfassung der Europäer ist zumindest fraglich, ob effektiv verhindert würde (oder werden kann), dass China und Russland sich Zugänge rund um die Arktis sichern. Wenn sie erst einmal installiert wären, stiege das Risiko für einen großen Konflikt bei dem Versuch, sie zurückzudrängen.
Derartige Überlegungen könnten die Strategie der Amerikaner begründen, die möglicherweise nicht daran glauben, mit den Europäern gemeinsam eine effektive Abschreckung umsetzen zu können. Selbst wenn man aus gutem Grund auf die Einhaltung völkerrechtlicher Prinzipien innerhalb des westlichen Bündnisses besteht, muss man möglicherweise anerkennen, dass Abschreckung ohne glaubwürdige Fähigkeiten nicht funktioniert. Bei den Verteidigungsausgaben haben die Europäer lange eine Hinhaltetaktik verfolgt. Die Koordination der vielen europäischen Akteure ist traditionell schwierig.
Und natürlich geht es um Ressourcen, aber die sind eng mit dem Aufbau von wirtschaftlicher und damit auch geopolitischer Macht verbunden. Alle zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklungen deuten darauf hin, dass der Westen mittelfristig massiv in die Defensive gerät – schon allein, weil die großen Märkte und damit das Wertschöpfungspotenzial außerhalb der westlichen Einflusssphäre liegen, in Asien und langfristig auch in Afrika. Mit der zunehmenden Wirtschaftskraft der Schwellenländer werden sicherheitspolitische und geoökonomische Interessen untrennbar miteinander verbunden. Europa und die USA hätten also zahlreiche Gründe, die Konflikte nicht öffentlich auszutragen, sondern für beide Seiten gesichtswahrende Lösungen zu suchen, die die Sicherheit und die geoökonomischen Interessen des Westens nachhaltig bewahren.
Trumps unkonventionelle Methoden sind eine Belastung, aber die Europäer zwingen durch die Strategie der großen Ansagen bei gleichzeitig fehlenden Taten die Amerikaner zum geopolitischen Alleingang. Die Europäer haben die geostrategischen Themen immer vernachlässigt und tun es noch. Deutschland zweckentfremdet seine großen Schuldenspielräume, um Reformen hinauszuschieben oder zu vermeiden. Man setzt eher auf Bestandswahrung als auf Wachstum und Innovation. Die Fortschritte bei der Verteidigungsfähigkeit sind nicht ambitioniert genug. Die Koordination einer europäischen Verteidigungsstrategie gelingt weiterhin nicht.
Wer strategische Erwartungen formuliert, ohne selbst zu liefern, verliert Einfluss und Handlungsspielräume. Das ist eine brandgefährliche Entwicklung, wie richtig analysiert wird.
Die nun drohenden Zölle werden Europas Wirtschaft schwächen und uns weitere Hürden in den Weg legen, wenn es darum geht, Wirtschaft und Wehrhaftigkeit zu stärken. Europas richtige Reaktion wäre deshalb, eine Einigung mit den Amerikanern in vertraulichem Rahmen zu versuchen, anstatt die Eskalation rhetorisch voranzutreiben. Vor allem aber gilt es, endlich die eigenen strukturellen Defizite anzugehen.
Dazu braucht es wachstumssteigernde Reformen, den Abbau von Regulierung sowie eine Koordination in der militärischen Beschaffung in Verbindung mit einem klaren Fokus auf Hightech und Innovation. Ohne wirtschaftliche Stärke und militärische Fähigkeiten bleibt Europa ein normativer Akteur ohne Machtbasis.
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