Arbeitgeberranking: Die Zeiten der Ingenieur-Schwemme sind vorbei
In Deutschland fehlen mehr als 170.000 Ingenieure.
Foto: imago imagesViele Industriefirmen sehnen sich wohl nach den Zeiten, als in Deutschland noch über eine „Ingenieurschwemme“ diskutiert wurde. In den 1990er-Jahren waren die Jobaussichten von Ingenieurinnen und Ingenieuren dürftig: In einer Veröffentlichung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dieser Zeit heißt es, dass vor allem zu Beginn des Jahrzehnts „beim Maschinenbau und bei der Elektrotechnik ein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit“ zu verzeichnen war.
Diese Zeiten sind lange vorbei. Heute manifestieren sich die Personalsorgen von Autoherstellern und Maschinenbauern, Energiefirmen und Chemieproduzenten in einer Zahl: 170.300. So viele Stellen für Ingenieure und Ingenieurinnen waren im vierten Quartal 2022 unbesetzt – 21,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl stammt aus einer Untersuchung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Erkenntnis des Verbands: „Es fehlt an allen Ecken und Enden.“ Und so ist die Gunst der so gefragten Zunft für Unternehmen zentral.
Aktuell können sich allen voran Rüstungsfirmen über einen Beliebtheitsschub unter angehenden Ingenieuren freuen. Das zeigt sich im aktuellen Arbeitgeberranking der Employer-Branding-Beratung Universum, das der WirtschaftsWoche vorliegt. Dafür werden Jahr für Jahr mehr als 30.000 Studenten und Studentinnen gefragt, bei welchen Unternehmen sie besonders gern arbeiten würden. Außerdem geben sie darin Auskunft, welche Faktoren für sie bei der Auswahl bedeutsam sind (Hier finden Sie die Ergebnisse im Überblick).
Dabei fällt auf, dass vor allem Rheinmetall deutlich an Ansehen gewinnt: Bei den Ingenieuren klettert das Unternehmen von dem 34. auf den 20. Platz. Auch andere Konzerne, die zumindest teilweise im Rüstungsgeschäft tätig sind, wie etwa Thyssenkrupp oder Airbus, steigen im Ansehen von Studenten. Seit eine militärische Bedrohung in Europa kein theoretisches Szenario, sondern ein konkretes ist, avanciert die Industrie zum unverzichtbaren Element zur Verteidigung unserer Werte.
Das spürt auch der Mittelständler MBDA: „Wir stellen durchaus fest, dass sich die Wahrnehmung unserer Branche bei den Kandidatinnen und Kandidaten positiv verändert hat“, sagt Marc Zizmann, Personalchef des deutschen Unternehmens. Zizmanns Arbeitgeber fertigt den Marschflugkörper Taurus und Lenkflugkörpersysteme. In Deutschland will das Unternehmen die Belegschaft in den kommenden zwei bis drei Jahren „deutlich erhöhen“. Der Großteil der 1000 Mitarbeiter arbeitet am Hauptsitz in Schrobenhausen in Oberbayern.
Und doch gilt für MBDA wie für viele andere Unternehmen, die aktuell in der Gunst der jungen Generation aufsteigen: Der Fachkräftemangel ist durch einen Beliebtheitsschub noch lange nicht gelöst. Zizmann kann zwar von sich behaupten, die Rekrutierungsziele für 2023 pünktlich zur Mitte des Jahres schon zur Hälfte erreicht zu haben. „Das zeigt, dass wir auf einem guten Weg sind und unsere Maßnahmen greifen.“ Allerdings: „Wir werden uns auch noch stärker im Bereich der Nachwuchsgewinnung engagieren, um Fachkräfte selbst für das Unternehmen ausbilden zu können.“ Für 2024 plant Zizmann 25 duale Studenten und acht Auszubildende einzustellen, „zusätzlich zu den rund 30 Stellen für Praktikanten, Werkstudenten und Abschlussarbeiten“, wie der Personalchef sagt. Ohne mehr Anstrengungen ist der Ingenieurmangel nicht zu lösen.
Krise der Autoindustrie
Während die Rüstungsunternehmen aufsteigen, verlieren beinahe alle Autohersteller und Zuliefererbetriebe ein Stück ihrer Beliebtheit. Porsche und Mercedes, Audi und BMW, Tesla und Volkswagen, Continental und ZF Friedrichshafen, Volvo und Schaeffler sind nicht mehr so beliebt wie noch im Vorjahr. Besonders für Tesla und Volkswagen ging es weit nach unten. Porsche und Mercedes konnten trotz der Verluste die beiden Spitzenpositionen im Ranking verteidigen.
Im Zuge der Energiewende erfreuen sich Stromversorger und Anlagenbauer über mehr Beliebtheit. EnBW und RWE, E.On und SMA Solar verbesserten ihre Positionen aus dem Vorjahr.
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