ChatGPT: Mensch oder Maschine: Wer schreibt die bessere Bewerbung?
Hebelt KI den Bewerbungsprozess aus?
Foto: Getty Images, Marcel ReyleChatGPT gibt sich bescheiden. „Ich würde nicht behaupten, dass ich zwangsläufig bessere Bewerbungen schreiben kann als ein Mensch“, antwortet der Chatbot des US-Unternehmens OpenAI auf die Frage, wer denn nun bessere Bewerbungen schreibt: Mensch oder Maschine? Schließlich fehle der künstlichen Intelligenz (KI) „emotionale Intelligenz, die persönliche Note und das tiefgehende Verständnis für individuelle Lebensgeschichten, die ein Mensch in seine Bewerbung einbringen kann“. Präzise Informationen verarbeiten, komplexe Zusammenhänge verstehen, klare Formulierungen vorschlagen – ja, das seien Stärken des Chatbots. Doch die Vorschläge, die ChatGPT macht, sollten nur ein „Ausgangspunkt“ für die Bewerbung sein.
Ganz schön tiefgestapelt, liebe KI. Tatsächlich nutzen zahlreiche Bewerber generative KI genau dafür. Wer ChatGPT mit alten Anschreiben, Infos zum gewünschten Job plus Arbeitgeber, ein paar persönlichen Informationen und einem akkuraten Befehl (Prompt) füttert, erhält ein verblüffend authentisches Anschreiben. Anwendungen wie die des US-Unternehmens Teal berechnen, wie gut der eigene Lebenslauf auf eine Stellenanzeige passt, und formuliert Lebenslauf und Anschreiben zielgerichtet. Auf der Videoplattform TikTok kursieren etliche Videos, die zeigen, wie KI-Tools aus belanglosen Schnappschüssen die perfekten Bewerbungsbilder zaubern.
Wie verbreitet KI inzwischen im Bewerbungsprozess ist, zeigt eine Umfrage der Personalberatung PageGroup unter 3344 Personen – 421 davon aus Deutschland. Die Ergebnisse der Befragung lagen der WirtschaftsWoche vor der Veröffentlichung vor. Demnach hat fast die Hälfte der Befragten in Deutschland KI schon mal bei der Jobsuche oder im Bewerbungsprozess genutzt. Vor allem um Zeit zu sparen. Aber auch, um die Bewerbung effizienter zu gestalten und den Lebenslauf zu verbessern (siehe Grafiken unten).
Zwar ist ein Anschreiben heute in etlichen Unternehmen nicht mehr nötig. Auch als Reaktion auf den Personalmangel genügt vielen HR-Abteilungen mittlerweile der Lebenslauf. Und doch geben Bewerber es noch häufig ab. Auch um ihre Chancen vermeintlich zu verbessern. Um Engagement zu signalisieren. Und einige der größten Unternehmen der Republik freuen sich noch immer über das klassische Anschreiben.
Und so stellt sich die Frage, ob KI nicht den gesamten Bewerbungsprozess aushebelt? Wie blicken Personaler auf Bewerbungsunterlagen, die Kandidaten mit KI angefertigt haben?
Der Moment der Wahrheit
„Das Potenzial von KI ist riesig - sicher auch, wenn es darum geht, ein Anschreiben zu generieren oder das perfekte Bewerbungsfoto zu erstellen“, sagt Goran Barić, Deutschlandchef der PageGroup. „Aber der Moment der Wahrheit kommt ja.“ Wenn die Realität sehr weit von dem entfernt sei, was die Personalberater in der Bewerbung sehen, „dann ist das schon ein schlechtes Zeichen für den Bewerber“.
Für Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin beim Bundesverband der Personalmanager, ist die die Nutzung von KI „etwa zum Check der Rechtschreibung oder Satzkonstruktion“ grundsätzlich „nichts Schlechtes“, sagt sie. „Vor den technischen Hilfsmitteln hätten auch Freunde die Bewerbung verfassen können, ohne dass wir es herausgefunden hätten.“ Die Personalmanagerin hält „eine Sensibilisierung und Schulung von Mitarbeitenden“ für sinnvoll. Wer selbst häufiger mit ChatGPT gearbeitet habe, bekomme ein Gefühl dafür, „wie die KI schreibt und welche Formulierungen und Satzkonstruktionen häufig genutzt werden“. Andere Vorkehrungen stünden allerdings „in keinem angemessenen Verhältnis zum Nutzen. Weil das persönliche Gespräch „entscheidend“ sei. Nicht das Anschreiben.
Den Personalern beim Duft- und Aromaunternehmen Symrise sind KI-generierte Bewerbungsunterlagen vermehrt „insbesondere bei Anschreiben für Praktika und Einstiegspositionen aufgefallen“, wie es von dem Dax-Konzern aus Holzminden auf Anfrage der WirtschaftsWoche heißt. Solche Bewerbungen fallen den Personalern „insbesondere dann auf, wenn Textpassagen sehr generisch klingen“. Oder wenn etwa noch Platzhalter im Text stehen, „die Kandidatinnen oder Kandidaten versäumt haben, anzupassen“. Wie etwa: „[Hier Name des Personalers]“. Diese „mangelnde Sorgfalt“ steigert nicht gerade die Chancen des Bewerbers.
Kein bleibender Eindruck
Auch in Göttingen, beim Laborausrüster Sartorius, erhalten sie „oft offensichtlich KI-generierte Unterlagen, die zeigen, dass sich Bewerber kaum mit uns als Unternehmen, der Stelle und oder sich selbst beschäftigt haben“, sagt Otto Vazquez Dominguez, der die Personalbeschaffung beim Dax-Konzern leitet. Solche Dokumente hinterlassen bei ihm „keinen bleibenden Eindruck“. Wichtig seien den Personalern bei Bewerbungen „die kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Wünschen sowie der ausgeschriebenen Stelle und ihren Anforderungen“.
Inga Dransfeld-Haase weiß, dass „generische Formulierungen und unspezifische Angaben ein Hinweis darauf sein“ können, dass eine KI die Bewerbung formuliert hat. „Wenn Bewerbende die KI-geschriebene Vorlage anpassen und individualisieren, wird es schwer zu erkennen, ob KI zu Hilfe genommen wurde“, sagt sie.
Das Bewerbungssystem der Allianz hat „keinen KI-Detektor“, heißt es von dem Versicherungskonzern. „Insofern mag es durchaus sein, dass wir bereits mittels KI erstellte oder bearbeitete Bewerbungen erhalten haben. Das spielt für unseren Entscheidungsprozess allerdings keine Rolle.“ Entscheidend seien Persönlichkeit, Potenzial und Gesamtbild der Bewerber – und wie gut sie in die Unternehmenskultur passen. Der sogenannte „Cultural Fit“.
Die Allianz gibt Bewerbern auf der eigenen Karrierewebseite sogar Empfehlungen zur Nutzung von ChatGPT im Bewerbungsprozess. „Mit diesem leistungsstarken Tool können Sie Ihre Anschreiben und Lebensläufe an die jeweiligen Stellenbeschreibungen anpassen“, heißt es dort. Arbeitserleichterung unter Anleitung also. „Personalverantwortliche schätzen im Allgemeinen Bewerber, die ChatGPT nutzen, um ihre Bewerbungsunterlagen zu verbessern. Es ist jedoch wichtig, dieses Tool mit Bedacht und sparsam einzusetzen.“ So sollten Bewerber ein „Gleichgewicht zwischen der Unterstützung durch die KI und Ihrem eigenen Beitrag“ finden und nicht zulassen, dass „künstliche Intelligenz Ihre Individualität wegnimmt“. Obendrein warnt die Allianz vor Plagiaten. Wenn Bewerber KI-Texte in der Bewerbung verwenden, sollten sie stets ChatGPT als Urheber angeben. So transparent dürften sich allerdings nur wenige Bewerber geben.
Beim Triebwerksbauer MTU schätzen sie Bewerber, die KI nutzen, ebenfalls: „Es spricht nach unserem Dafürhalten sogar für Bewerberinnen und Bewerber, wenn sie sich damit auseinandersetzen und so die Qualität von Unterlagen verbessern.“ KI könne bei der Erstellung der Bewerbung inspirieren und unterstützen.
Beim Laborausrüster Sartorius behält das Anschreiben „bei bestimmten Positionen seine Bedeutung“, wie Recruitingleiter Otto Vazquez Dominguez sagt. „Es ist individueller als der Lebenslauf und kann Einblicke in Beweggründe und Wertesysteme geben. So hilft es uns, die Person hinter den Dokumenten schon vor dem persönlichen Gespräch kennenzulernen“, sagt Vazquez Dominguez - und erzählt eine Anekdote: Ein Bewerber für eine Marketing-Stelle habe eine „herausragende Bewerbung“ eingereicht – „hervorragendes Design, schlüssige Struktur“. Im Bewerbungsgespräch habe er gestanden, dass er die Unterlagen unter anderem mit Hilfe von KI erstellt hatte. „Das war für uns in Ordnung, denn er hatte das kreative Konzept entwickelt, die Inhalte definiert und sich intensiv mit der Stelle auseinandergesetzt; alle Angaben entsprachen der Wahrheit und waren konsistent mit seinem Auftreten im Gespräch“, sagt Vazquez Dominguez. Im Marketing sei die Fähigkeit, „KI gezielt und sinnvoll einzusetzen, heute schon eine wichtige Kompetenz, die der Bewerber mit seinen Unterlagen direkt unter Beweis gestellt hat“.
Ähnlich sieht das Inga Dransfeld-Haase. Schließlich könne KI ja auch später im Job unterstützen. Wenn sich Bewerber schon vorab damit befasst hätten, „ist dies eher ein Vorteil, denn um die Technologie kommen wir nicht herum und wir sollten sie bestmöglich für uns nutzen.“
Personalmangel sorgt für KI-Akzeptanz
Die Unternehmen zeigen sich also überraschend offen gegenüber Bewerbern, die KI nutzen, um ein Anschreiben zu formulieren oder um Lebenslauf und Bewerbungsfoto zu pimpen. Einen Grund dafür sieht Personalberater Goran Barić im „eklatanten Bewerbermangel“ hierzulande. 1,7 Millionen Stellen waren im vierten Quartal 2023 laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung unbesetzt. In etwa so viele wie in den drei übrigen Quartalen des vergangenen Jahres. „Wenn Sie einen Lebenslauf auf den Tisch bekommen, der annähernd auf die Stelle passt, die Sie zu besetzen haben, dann stellt sich die Frage der Motivation gar nicht“, sagt Barić. „Dann sind Sie froh über den Lebenslauf und gehen direkt ins Gespräch. All das, was potenziell in einem Anschreiben stehen würde, prüfen wir im Gespräch mit den Kandidaten.“
Außerhalb Deutschlands ist das anders, weiß Barić. „In Spanien bewerben sich auf eine Anzeige, die wir schalten, im Schnitt 200 Kandidaten. In Deutschland sind es zwei bis drei. Ähnlich wie in Spanien sieht es in Portugal und Frankreich aus.“ Die Märkte, so Barić, seien kaum zu vergleichen. Das Potenzial für KI sei dort deutlich größer, da viele Bewerber ihre Chancen mit dem Einsatz von KI vergrößern wollen. Das zeigt sich auch in der Befragung der PageGroup: In Portugal und Spanien gaben deutlich mehr Befragte als in Deutschland an, dass sie KI nutzen, um ihre Bewerbung effizienter zu gestalten und den eigenen Lebenslauf zu verbessern.
In Deutschland sieht Goran Barić den größeren Nutzen für KI aktuell für Kandidaten, die auf der Suche nach einer neuen Stelle sind. „Wenn ich auf der Suche nach einem neuen Job bin, ist die Fülle an Angeboten erdrückend. KI-Tools können da helfen, das Angebot zu ordnen und die passendste Ausschreibung zu finden.“ Und so gaben in Deutschland fast zwei Drittel der Befragten an, dass sie dank KI-Anwendungen mehr relevante Stellen finden. In Portugal sagten dies nur 56,1 Prozent der Befragten, in Spanien 58,8.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 8. März 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des hohen Leserinteresses erneut.