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Fachkräftemangel bei Bestattern„Wir haben keine großen Nachwuchssorgen“

Die Bevölkerung in Deutschland altert. Bald könnte es zu Engpässen bei den Bestattern kommen. Eine Bestattermeisterin erklärt, warum das nicht am fehlenden Nachwuchs liegt.Anabel Schröter 28.10.2025 - 12:15 Uhr
Bis 2030 könnten 60 Prozent der Stellen im Bestattungswesen unbesetzt bleiben. Foto: FUNKE Foto Services

Bestatter begleiten Menschen auf ihrem letzten Weg. In der zunehmend alternden Bevölkerung spiegelt sich der steigende Bedarf in den Beschäftigungszahlen wider. Vor allem junge Menschen interessieren sich für den Beruf. Zum Jahresende befanden sich 890 Auszubildende in Deutschland in dem Job. 2014 waren es noch 390. Damit erreichen die Ausbildungszahlen einen neuen Rekordwert.

WirtschaftsWoche: Frau Ahrens, Sie sind Bestattermeisterin und Inhaberin eines Bestattungsunternehmens. Die Branche verzeichnet hohe Nachwuchszahlen, dennoch verschärft sich durch den demografischen Wandel der Fachkräftemangel. Wie passt das zusammen?
Mareike Ahrens: Wir haben zwar viele Azubis in der Branche, allerdings bleiben sie nicht unbedingt nach der Lehre. Zudem gibt es starke regionale Unterschiede. In strukturschwächeren Regionen haben Bestatter viel größere Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, als in Städten. Und in den Städten sind die Gehälter höher.

Was verdienen Bestatter?
Das variiert bei uns in der Branche sehr, sehr stark. Neben den regionalen Unterschieden spielt die Betriebsgröße eine Rolle. Wir sind eine Branche, in der es viele kleine Unternehmen und Familienunternehmen gibt. Im Schnitt verdienen Bestattungsfachkräfte direkt nach der Ausbildung zwischen 2500 und 3000 Euro brutto.

Mareike Ahrens Foto: Privat
Zur Person
Mareike Ahrens ist Bestattermeisterin und Inhaberin des Bestattungsunternehmens Eggerstedt in Pinneberg. 2023 übernahm sie das damalige Familienunternehmen und führt es nun fort.

Wie sieht es mit dem Ausbildungsgehalt aus?
Auch das unterscheidet sich je nach Betrieb. Der Bundesverband empfiehlt eine Ausbildungsvergütung im ersten Jahr von 750 Euro im Monat. Im zweiten sind es dann 905 Euro und im dritten geht es hoch auf 1021 Euro.

In Deutschland beträgt das durchschnittliche Ausbildungsgehalt 1100 Euro. Dennoch erlebt die Bestattungsbranche einen regelrechten Nachwuchsboom. Woran liegt das?
Dazu muss man wissen, dass es den Ausbildungsberuf Bestattungsfachkraft erst seit 2003 gibt. Demnach musste es sich erstmal rumsprechen, dass es diesen Lehrberuf überhaupt gibt. Anders als in vielen anderen Handwerksberufen haben wir keine großen Nachwuchssorgen. Oft können wir unsere Ausbildungsstellen sehr schnell vergeben – so viele offene Stellen haben wir gar nicht. Die hohe Nachfrage liegt wahrscheinlich auch daran, dass die junge Generation gar nicht mehr nach finanziellen Anreizen schaut, sondern lieber etwas macht, was Sinn stiftet. Außerdem ist es ein sehr abwechslungsreicher Beruf – jeder Tag verläuft anders.

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Es wird Personal gesucht, dennoch gibt es zu wenig Ausbildungsplätze. Wie kann das sein?
Als Bestattermeisterin könnte ich ausbilden, allerdings kostet mich die Ausbildung sehr viel Geld. Auszubildende im Bestattungswesen haben Blockunterricht und in ganz Deutschland gibt es nur drei Berufsschulen für sie. Für mich heißt das, ich muss meinem Azubi die Fahrtkosten nach Bayern plus Unterbringung zahlen. Hinzukommen überbetriebliche Lehrgänge, bei denen ebenfalls Kosten anfallen. Das schreckt viele Betriebe ab.

In der Branche lässt sich ein Strukturwandel erkennen. Immer mehr Frauen kommen in das Feld. Womit hängt das zusammen?
Der Beruf war früher eher männerdominiert, da er aus dem Tischlerhandwerk kommt und in Verbindung mit starker körperlicher Arbeit stand. Im Laufe der Zeit wurde es durch technische Hilfsmittel einfacher, Verstorbene zu überführen, zu waschen und den Sarg vorzubereiten. Frauen haben vor allem einen großen Vorteil in dem Bereich Angehörigenbetreuung und -beratung. Es wird Frauen nachgesagt, dass sie empathischer, einfühlsamer und organisierter sind als Männer. Und das sind ganz wichtige Attribute für einen Bestatter.

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Wie sieht der Arbeitsalltag konkret aus?
Grundsätzlich beginnt der Tag mit einer Besprechung im Büro. Dann schaut man, welche Termine anstehen. Das können Beratungsgespräche im Vorsorge- oder Sterbefall sein, Trauerfeiern oder Beisetzungen. Oft ist es eine schmale Gratwanderung bei den Gesprächen mit den Angehörigen, dass einem die Schicksale nicht mitnehmen. Wir waschen die Verstorbenen, ziehen sie an und betten sie in den Sarg. Dennoch müssen wir immer damit rechnen, dass noch etwas Aktuelles im Laufe des Tages reinkommt. Dann gibt es viele Formalitäten.

Welche sind das?
Wir kümmern uns um die Sterbeurkunden, die Abmeldung und die Rentenzahlungen. Zudem organisieren wir die Trauerfeiern: Wir suchen einen Termin, den Friedhof, einen Pastor, bestellen Blumen und alles, was noch im Hintergrund passiert. Dann gibt es in der Regel eine Überführung eines Verstorbenen vom Sterbeort zu uns oder zum Krematorium. Der Verstorbene wird gewaschen, angezogen und in den Sarg gebettet. Und es gibt sehr viele Buchhaltungsaufgaben. Wir bekommen ganz viele Rechnungen, die wir schließlich für den Kunden zusammenführen, damit die Angehörigen möglichst wenig Arbeit haben. Wichtig ist es dabei, die nötige Distanz zu wahren, um nicht mit jeder Familie mitzutrauern. Mir hilft es dabei, mit meinen Kollegen über Fälle, zu sprechen. Ein Thema ist beispielsweise das Sterben von Kindern.

Von den einzelnen Familien, die wir begleiten, bekommen wir sehr viel Wertschätzung. Aber in der Regel merken wir das erst, wenn wir gebraucht werden.
Mareike Ahrens
Bestattermeisterin

Bekommen Bestatter genug Wertschätzung?
Von den einzelnen Familien, die wir begleiten, bekommen wir sehr viel Wertschätzung. Aber in der Regel merken wir das erst, wenn wir gebraucht werden. Sonst hat man uns in der breiten Gesellschaft nicht auf dem Zettel. Man bedenke mal die Zeit vor Corona. Wir waren nicht systemrelevant, waren ursprünglich nicht in der Impfpriorisierung – man hat uns schlichtweg vergessen.

Was hat sich durch die Coronapandemie noch verändert?
Ich habe das Gefühl, wir sind sichtbarer geworden. Zudem sind wir seitdem besser vernetzt. Bei Notlagen wie der Naturkatastrophe im Ahrtal können wir nun kurzfristig handeln. Denn durch die Pandemie wurde uns bewusst, dass wir Bestatter uns besser mit anderen Organisationen wie der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk vernetzt sein müssen.

Durch die Babyboomer werden in den nächsten 30 bis 40 Jahren die Auftragszahlen steigen.
Mareike Ahrens
Bestattermeisterin

Wie sieht es mit der Auftragslage aus? Die deutsche Bevölkerung altert. Das bedeutet auch, dass in den kommenden Jahrzehnten viele Menschen versterben werden. Was erwarten Sie in den kommenden Jahren?
Da liegt unser Vorteil, da wir unsere Auftragslage für die kommenden Jahre gut abschätzen können. Wir wissen nicht, wie viele Mitbewerber es geben wir, aber wir können anhand von alten Statistiken planen. Ich kann dadurch entweder mehr Personal einstellen, wenn ich mit einer hohen Nachfrage rechne oder eben Stellen nicht nachbesetzen, wenn Angestellte in Rente gehen. Durch die Babyboomer werden in den nächsten 30 bis 40 Jahren die Auftragszahlen steigen. Die Umsätze werden aber nicht im gleichen Maße steigen.

Woran machen Sie das fest?
Man merkt bei Beerdigungen, wie zahlungsfähig die Gesellschaft ist. Wir haben immer mehr Kunden, die zu Lebzeiten bereits Geld für die Bestattung zur Seite legen, weil es eben nicht mehr so locker sitzt. Wir erleben auch, dass Familien gerne mehr Geld ausgeben würden, aber es eben finanziell nicht möglich ist. Dann gibt es aber eben auch die Menschen, bei denen der finanzielle Aspekt keine Rolle spielt. Da merken wir, dass die Schere immer weiter auseinandergeht.

Haben Sie da keine Sorge, dass trotz des steigenden Auftragsvolumens die Umsätze dann doch nicht stimmen?
Bestattungen sind immer noch etwas, wofür die Bevölkerung bereit ist, Geld zu investieren. Das liegt daran, dass viele Menschen gerne dafür Geld ausgeben, um nochmal die letzte Ehre zu erweisen. Deshalb werden wir da die Abstriche wahrscheinlich nicht so merken wie in anderen handwerklichen Berufen. Dennoch steigen bei uns auch die Kosten – vor allem fürs Personal.

Das Thema Tod wird durch Social Media auch für junge Menschen nahbarer. Bestatter berichten zum Beispiel auf TikTok von ihrem Arbeitsalltag. Macht sich das bei der Bestattungsvorsorge bemerkbar?
Grundsätzlich haben wir zwar mehr Bestattungsvorsorgen als früher, aber nicht durch jüngere Menschen. Es fängt so bei den Mitte-60-Jährigen an. Aber erst ab 80 beschäftigen sich die meisten aktiv damit. Was wir bemerken, ist, dass wir viel mehr Schulklassen oder Konfirmandengruppen haben, die uns besuchen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 20. Mai 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben ihn aktualisiert und zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.

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