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Nadine hat sich vorgenommen, noch mehr Zeit mit ihrem Sohn zu verbringen (Symbolbild). Foto: Canva

Kinder, Küche, Karriere #15„Wenn du länger als ein Jahr nicht arbeitest, bist du weg vom Fenster“

Nadine meistert den Alltag als voll berufstätige Alleinerziehende. Sie wünscht sich mehr Präsenz von Kindern und Eltern in der Gesellschaft.Nora Sonnabend 13.08.2025 - 11:25 Uhr

In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren. 

Nadine ist alleinerziehende Mutter. Sie lebt mit ihrem vierjährigen Sohn in Heiligenhaus im Kreis Mettmann. Die 43-Jährige ist Gleichstellungs- und Gesundheitsbeauftragte der Stadt Ratingen.

WirtschaftsWoche: Nadine, wie würdest du dein Leben als berufstätige Mutter mit drei Worten beschreiben?
Nadine: Spannend. Spontan. Flexibel.

Dein Sohn ist jetzt vier Jahre alt. Ist das Muttersein so, wie du es dir vor seiner Geburt vorgestellt hast?
Ich glaube, in Deutschland kannst du dir als Mutter oder auch alleinerziehender Mensch viele Gedanken machen, wie du es gerne hättest – aber in der Realität läuft es dann anders. Mein Sohn wurde im März 2021 geboren und ich wollte eigentlich ab Dezember wieder anfangen zu arbeiten. Ich hatte für diesen Zeitpunkt auch schon einen Platz in der Kindertagespflege für ihn. Aber dann wurde ich angerufen und habe mitgeteilt bekommen, dass der Platz schon ab August frei wird. Ich musste ihn nehmen, weil er sonst weg gewesen wäre. So bin ich bereits nach viereinhalb Monaten wieder in Vollzeit in meinen Job eingestiegen. Mein Sohn war von 7 bis 15 Uhr in der Tagespflege. Es kam also anders als geplant. Aber man wächst mit seinen Aufgaben.

Hättest du unter anderen Umständen – zum Beispiel als Nicht-Alleinerziehende – gerne länger Elternzeit genommen?
Dann hätte ich vielleicht ein Jahr Elternzeit gemacht. Meine persönliche Wahrnehmung ist: Wenn du länger als ein Jahr lang nicht arbeitest, bist du weg vom Fenster, was Führungspositionen und Jobs angeht, in denen man gutes Geld verdient. Wir reden uns das in Deutschland schön, aber Fakt ist: Du musst sichtbar sein, darfst den Kontakt zu deinem Arbeitgeber nicht verlieren und musst dir selbst ganz viele Gedanken machen, was du erreichen willst.

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Und andererseits berichten viele Frauen davon, dass sie sich merkwürdige Kommentare anhören müssen, wenn sie „zu früh“ aus der Elternzeit zurückkehren …
Ja, genau! Ich habe auch Fragen gestellt bekommen wie: „Sie arbeiten wieder Vollzeit? Und wo ist Ihr Kind?“ Das bekommen nur Mütter zu hören, nie Väter. In anderen Ländern, zum Beispiel Schweden, ist es selbstverständlich, dass Alleinerziehende arbeiten, auch Vollzeit. Und in Frankreich sind Kitas von sechs bis 22 Uhr geöffnet. So können auch Schichtdienste und Abendveranstaltungen abgedeckt werden. Da gibt es eine ganz andere Flexibilität als in Deutschland. Generell ist Deutschland nicht besonders kinderfreundlich …

Woran machst du das fest?
Wenn ich mit Kind unterwegs bin, sind es immer Menschen mit Migrationshintergrund, die ihre Hilfe anbieten. Sie haben einen Blick dafür und schauen mich nie komisch an. Auch im Urlaub im Ausland erlebe ich, dass Kinder besser ankommen. Es heißt dort: „Sie sind unser Reichtum“. In Deutschland wird immer erst auf die älteren Menschen geschaut. Kinder kommen nicht an erster Stelle.

Wie wirkt sich deine Rolle als Alleinerziehende auf die Art, wie du arbeitest, aus?
Ich glaube, wer in seinem Privatleben viel organisieren muss, kann das auch im Job. Ich bin es gewohnt, schnell zu reagieren und schnelle Ergebnisse zu liefern. Ich habe nicht viel Zeit und deshalb konzentriere ich mich bei der Arbeit darauf, alles im vorgesehenen Zeitraum zu schaffen.

Ist es schwer, finanziell alleine für dich und deinen Sohn zu sorgen?
Ich verdiene als Gleichstellungs- und Gesundheitsbeauftragte in Vollzeit ganz gut und komme gut zurecht. Aber ich weiß, dass es nicht viele Alleinerziehende gibt, denen es ähnlich geht. Das muss besser werden. Wir müssen den Alleinerziehenden in Deutschland mehr Betreuungsmöglichkeiten bieten.

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Kinder, Küche, Karriere – wie Eltern Job und Familie vereinbaren

Wie läuft ein Tag bei euch ab?
Mein Sohn ist ein Frühaufsteher, er hat viel Energie, und die Kita fängt – Gott sei Dank – schon um 7 Uhr an. Er hat einen Vollzeit-Kitaplatz, 45 Stunden pro Woche. Ich hole ihn gegen 16, 17 Uhr ab und unternehme dann etwas mit ihm. Manchmal, zum Beispiel wenn ich in Stau gerate und das von meiner Arbeitszeit abgeht, reicht der Kita-Vollzeitplatz nicht. Aber ich kann zum Glück auch zuhause arbeiten. Wenn wir Veranstaltungen abends und am Wochenende haben, nimmt die Oma den Kleinen. Sonst wäre es echt schwierig. Du brauchst ein gewisses Netzwerk, sonst ist es nicht leistbar. Auch wenn die Kita mal wieder ausfällt, weil Erzieherinnen und Erzieher krank sind, brauche ich die Oma. Natürlich melde ich mich auch mal bei der Arbeit ab. Aber wenn ich zum Beispiel eine Veranstaltung moderiere, kann ich nicht fehlen. Deshalb braucht es eigentlich mindestens ein, zwei Leute im Background – Verwandte, Ehrenamtliche oder bezahlte Betreuungspersonen.

Hilft dir noch eine zweite Person außer deiner Mutter?
Für Notfälle haben sich noch Freundinnen angeboten, aber bisher haben wir sie noch nicht gebraucht. Was man natürlich auch sagen muss: Ich arbeite im Öffentlichen Dienst. Da ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gut möglich. Manchmal fangen wir auch ein bisschen später an und ich kann mit den Terminen jonglieren.

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Hast du noch irgendeine externe Unterstützung?
Ich habe keine Reinigungskraft, aber bin sehr dankbar für alle Supermarkt-Lieferservice-Angebote. Es gibt bei manchen Geschäften ja auch die Möglichkeit, bereits gepackte Tüten abzuholen. Ganz viele Menschen im Handel helfen dabei mit, dass man seinen Einkauf schneller erledigen kann.

Insgesamt kann man also sagen, Sorgearbeit und Mental Load liegen allein bei dir.
Genau. Zum Glück sind Kitas ja heutzutage gut ausgestattet. Die Kinder frühstücken alle zusammen. Es wird frisch für sie gekocht und sie bekommen nachmittags noch einen Snack. Deshalb bin ich nur noch für eine Mahlzeit zuständig. Und zur Not hole ich etwas Fertiges oder nutze Essen aus der Tiefkühltruhe. Wie soll man das sonst alles schaffen? Ich glaube, wir müssen nicht in allen Bereichen perfekt sein. Von dieser Belastung müssen wir loskommen. Auch in anderen Ländern, in denen mehr Alleinerziehende Vollzeit arbeiten, sind die Kinder nicht schlechter gebildet als unsere oder haben andere sichtbare Nachteile.

Wir müssen nicht in allen Bereichen perfekt sein. Von dieser Belastung müssen wir loskommen
Nadine

Wie behältst du im Alltag den Überblick?
Ich trage alles, was ich zu tun habe, in den Kalender ein. Wenn es terminiert ist, habe ich es erstmal aus dem Kopf. Und ich versuche auch, vieles sofort zu erledigen, wenn ich gerade Zeit habe – wer weiß, was morgen ist.

Würdest du gerne etwas an deinem Alltag ändern?
Ich versuche, mir noch mehr Zeit fürs Kind zu nehmen. Das habe ich im letzten Jahr schon besser hinbekommen, aber da bin ich weiter dran – es kann nie genug sein.

Wie machst du das?
Ich habe ein Diensthandy und gehe nach Feierabend nicht immer dran und höre später die Mailbox ab. Ich arbeite mittlerweile auch nicht mehr so viel am Wochenende. Ich verplane es bewusst, um rauszukommen. Wir fahren also weg, gehen in den Freizeitpark und in den Zoo. Ich lasse im Urlaub den Laptop zuhause und bin nicht immer erreichbar. Es ist gut zu lernen: Ja, ich setze mich gerne ein, aber es ist auch kostbare Lebenszeit und ein Engagement über 100 Prozent wird nicht mehr bezahlt. Das ist ein Prozess. Ich habe es nach und nach durch das Muttersein gelernt.

Hast du auch mal Zeit für dich?
Ja, ich nutze zum Beispiel Überstunden für Freizeit tagsüber unter der Woche und gehe zum Friseur oder ins Nagelstudio und lasse es mir dort gut gehen. Bei unserem Arbeitgeber haben wir auch Gesundheitsförderungsprogramme, da mache ich einen Sportkurs pro Halbjahr. Das muss ich dann nicht mehr nach Feierabend machen. Generell wäre es schön, wenn in Deutschland nachmittags mehr Eltern-Kind-Kurse angeboten würden, damit auch Berufstätige daran teilnehmen können.

Hast du auch mal Zeit mit Freunden?
Ja, das bekommen wir schon hin. Ich habe Freundeskreise mit Kindern und ohne Kinder. Bei Treffen ohne Kinder ist das Zeitfenster natürlich kleiner. Wir kennen inzwischen auch viele Restaurants und Cafés mit Spielecken und -zimmern. Das ist praktisch. Schwer für mich ist, mich spontan zu verabreden. Das muss ich kinderlosen Freunden manchmal erklären. Aber sie meinen es nicht böse.

Du berätst auch Bürgerinnen und Bürger. Kommt da das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch zur Sprache?
Ja, das ist in den letzten Jahren nach der Pandemie wieder vermehrt Thema geworden, weil wir die Kitakrise haben. Das Problem ist: Kirchliche Kitas oder Kitas von Verbänden achten bei ihren Schließzeiten nicht darauf, wer arbeiten muss. Städtische Kitas schauen erstmal, welche Eltern nicht vom Arbeitsplatz wegkönnen. Andere schließen einfach komplette Gruppen. Das ist eine sehr große Ungerechtigkeit. Man müsste erstmal die arbeitende Bevölkerung versorgen. Wenn man ohnehin zuhause ist, kann man auch mal auf sein Kind aufpassen.
Es wird bei der Kitaplatz-Vergabe aber gar nicht berücksichtigt, wer arbeitet und wer nicht. Ich finde, die vakanten Plätze sollten erst der arbeitenden Bevölkerung und dann allen anderen Eltern angeboten werden. Der Rechtsanspruch wurde eigentlich eingeführt, um mehr Frauen in Arbeit zu bekommen. In Dänemark teilen sich zum Beispiel auch mal zwei in Teilzeit arbeitende Mütter einen Platz. Das kenne ich aus Deutschland nicht. 2026 kommt ja nun auch der Anspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen. Aber: Schulen haben wegen der Ferien zwölf Wochen geschlossen. Wer kann denn zwölf Wochen Ferien überbrücken? Das ist ja für zwei Eltern schon schwierig ohne Oma, Freunde und Ferienfreizeiten.

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Du setzt dich auch dafür ein, dass sich Frauen mehr Finanz-Know-how aneignen.
Es ist wichtig, dass Frauen sich mit dem Thema auseinandersetzen. Armut ist in Deutschland weiblich. In Asien und Amerika gehen viel mehr Menschen auch mit wenig Geld an die Börse. Jeder Euro zählt ja eigentlich. Aber in Deutschland ist das immer noch ein Männerthema. Gerade in ländlicheren Regionen geht es noch sehr konservativ zu und heißt oft: Mein Mann, sein Haus, sein Auto, seine Firma, sein Aktiendepot … Wenn es dann zur Scheidung kommt, sieht es für die Frau schlecht aus.

Warum ist das zu so vielen Menschen noch nicht durchgedrungen?
Weil es kein schönes Thema ist. Und in Deutschland sagt man: „Über Geld spricht man nicht.“ Das sind alte Strukturen, die noch nie durchbrochen worden sind. Es gibt zwei Lager: Die, die auf einem guten Weg sind, und die, die sich gar nicht damit beschäftigen. Es gibt wenig dazwischen. Wenn ich in Gesprächskreisen mit Frauen sitze, die nicht arbeiten, schauen mich manche an, als würde ich von einer anderen Welt reden. Ich bin irgendwie anders aufgewachsen. Ich hatte eine Oma, die immer gearbeitet hat, und eine Mutter, die Geld angelegt hat. Für mich war das normal. Wenn du zuhause bleibst und den Haushalt machst, verlierst du auch sehr viel, hast kein Netzwerk und Schwierigkeiten, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen. Mir fällt das auch manchmal beim Thema häusliche Gewalt auf: Wenn Frauen kein Netzwerk haben, keine Arbeit, kein Ehrenamt, keinen Freundeskreis, wissen sie gar nicht, wo sie sich Hilfe holen sollen.

Du sagst also, Arbeiten hat nicht nur die Funktion, dass man der Altersarmut entkommt, sondern auch eine soziale, eine Netzwerk-Funktion.
Genau, es geht auch um Lebensqualität. Auch wenn wir auf Einsamkeit schauen: Irgendwann sind die Kinder aus dem Haus. Und dann? Wenn es keine anderen Anker gibt, wird es schnell einsam.

Glaubst du, in Sachen Vereinbarkeit hakt es eher im Privaten oder an der Politik?
Eher an der Politik. Ich glaube auch, wir sind nicht divers genug und brauchen mehr Menschen, die es selbst betrifft, in politischen Gremien. Dann kommen die Themen eher auf den Tisch.

Du bist CDU-Mitglied und neben deinem Job engagierst du dich auch gewerkschaftlich. Hast du schon mal überlegt, aktiv in die Politik zu gehen?
Ja, mir wurden auch schon öfter Optionen angeboten, zu kandidieren. Ich habe das aber abgelehnt. Mit einem Ratsmandat muss man zum Beispiel immer montags Zeit haben. Da habe ich mir gedacht: „Wovon träumt ihr? Ich kann nicht jeden Montag von 17 bis 21 Uhr mit euch zusammensitzen.“ Politik ist auf ältere Männer ausgelegt, die Zeit haben. Das muss sich ändern.

Was würdest du anderen Eltern gerne sagen?
Ich glaube, Eltern in Deutschland müssen wieder sichtbarer werden. Wir haben ganz viele Menschen in der Bevölkerung, die nicht gesehen werden – in den Medien, im Netz, in der Politik, in Gewerkschaften und am Arbeitsplatz. Viele Eltern sind unzufrieden. Sie müssen laut sein und dürfen die Themen nicht anderen überlassen. Nur, wenn sie selbst mitreden und mitgestalten, können sie auch die Bedingungen verändern. Das braucht Zeit, aber es lohnt sich.

Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals im Mai 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.

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