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Gründerszene Wie sich Scheitern wirklich anfühlt

Was machen wir, wenn das Geschäft nicht läuft? Sich der Sinnfrage zu stellen, ist für Gründer alles andere als leicht. Quelle: dpa

Ein Start-up zu gründen, ist immer ein Wagnis. Und eine Pleite gilt hierzulande als Makel. Dabei lässt sich einiges daraus machen.

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Eigentlich stimmte alles: eine Idee, die verschiedene Preise gewonnen hatte und über die in den Medien begeistert berichtet wurde; ein Business Angel, der 100.000 Euro in das Unternehmen gesteckt hatte; ein Gründer, der mit seiner Begeisterung und seinem Know-How die potenziellen Geschäftspartner für sich gewinnen konnte und der auf zahlreichen Konferenzen über seine Erfindung sprach und sie so immer bekannter machte.

„Ich habe wirklich an den Erfolg geglaubt und ging davon aus, dass ich mit dieser Erfindung Milliardär werde“, sagt Carsten Detzer heute. Er hatte einst die Idee zu einem Spiegel, mit dem man sich in verschiedenen Kleidungsstücken betrachten konnte, ohne eine Umkleidekabine betreten zu müssen. 2015 gründete er Vantastec, um aus der Idee ein Geschäft zu machen.

Nur zwei Jahre später war alles vorbei. Vantastec steckte in der Insolvenz. Eine Anschlussfinanzierung durch eine Gruppe österreichischer Business Angels war geplatzt. Der Spiegel wurde nie in Serie produziert. Die Idee, die in der Szene für Aufregung gesorgt hatte, war Geschichte. „Ich hatte keine Kraft mehr, weiter um eine Finanzierung zu kämpfen. Die Entwicklung zog mir den Boden unter den Füßen weg“, erzählt der Detzer, heute 35 Jahre alt, „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen.“

Detzer ist einer der wenigen in der hiesigen Start-up-Szene, der bereit ist, über sein Scheitern zu berichten. Deutschland ist eben nicht das Silicon Valley. Was in den USA als Erfahrung gilt, das ist hierzulande meist noch immer ein Makel. „Ich verstehe, dass die meisten dieses Kapitel lieber abschließen wollen, denn es trifft einen doch sehr“, sagt Carsten Detzer. 

Laut dem jüngsten Start-up-Monitor musste jeder fünfte Seriengründer in Deutschland schon mal ein Unternehmen liquidieren oder Insolvenz anmelden. Darunter waren in den vergangenen Jahren auch einige, die einst mit großen Ambitionen starteten: Dawanda, Lesara, Wimdu, Brickvest und Move24 sind in die Insolvenz gegangen. Die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Zu selten an die Kunden gedacht

Zu den Start-ups, die in den vergangenen Jahren aufgeben mussten, gehört auch Tollabox. Das 2012 gegründete Unternehmen bot Bastelboxen für Kinder an. Business Angels steckten Hunderttausende in das Start-up, im Mai 2013 konnte Tollabox bei einem Crowdfunding 600.000 Euro einsammeln. Die Kunden jedoch waren nicht komplett überzeugt, nur die wenigsten ließen sich auf ein Abo ein. 2015 zog das Gründerteam um Béa Beste, die zuvor erfolgreich eine Privatschul-Kette an den Start gebracht hatte, die Reißleine – und zeigte beim zuständigen Gericht die Zahlungsunfähigkeit an.

Ein schwerer Schritt. „Ich hatte mich lange geweigert, das Ende von Tollabox zu akzeptieren, weil es nicht nur ein Unternehmen, sondern mein Baby war. Dabei habe ich mich zu stark auf meine eigene Überzeugung konzentriert und zu wenig auf die Bedürfnisse der Kunden geachtet.“

Drei Monate versuchte sie, Lösungen zu finden, wie sie das Start-up weiterführen könnte, suchte gleichzeitig nach potenziellen Käufern und sprach mit ihren Mitarbeitern – auch über die Aussicht, Tollabox endgültig aufgeben zu müssen. „Wir haben unsere Kollegen immer offen und transparent über alle Höhen und Tiefen des Start-ups auf dem Laufenden gehalten, so dass die Insolvenz für sie nicht völlig überraschend kam.“

Nach dem endgültigen Aus fanden alle von ihnen schnell einen neuen Job. Für Béa Beste war indes klar: Ich starte noch mal durch: „Schließlich hatte ich nur ein Unternehmen in den Sand gesetzt und nicht meine Existenz. Und schon gar nicht mein Hirn.“

Beste kaufte aus der Insolvenzmasse von Tollabox die Marke und den Blog heraus, den sie bis heute als Tollabea erfolgreich betreibt. Zusätzlich berät sie mit HeadHackers zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Unternehmen in Sachen Branding und Innovation und investiert in andere Start-ups. Für Beste eine ideale Lösung – und die einzige. „Ich bin durch und durch Gründerin und Unternehmerin.“

So sieht sich auch Carsten Detzer. Noch während das Insolvenzverfahren lief, bekam er einen Job in München bei einer Agentur, die Kataloge für BMW herstellt. Eine neue Stadt, ein schickes Büro, nette Kollegen. „Die Firma hatte Start-up-Charakter und der Job war spannend – aber ich habe mich trotzdem nicht wohlgefühlt. Ich war Teil einer großen Maschinerie, ein kleines Rad, mir fehlte die Möglichkeit etwas zu bewegen und mich selbst zu verwirklichen.“

Mit dem Nebenjob über Wasser halten

Nach nur drei Monaten beendete er seine Tätigkeit mit dem Ziel ein neues Start-up zu gründen. Sein Umfeld, allen voran seine Eltern, zwei Beamte, reagierte darauf alles andere als verständnisvoll. „Sie waren unglücklich, dass ich diese Sicherheit freiwillig wieder aufgab.“ Detzer ließ sich davon nicht beeinflussen, auch wenn seine Kündigung bei der Münchner Agentur bedeutete, dass er sich vorerst mit einem Nebenjob als Lieferant bei einem Catering-Unternehmen über Wasser halten muss.

Bei einem Pitch des Gründungszentrums der Hochschule München stellte er im vergangenen Sommer schließlich die Idee zu Aroma Filter vor, einem Start-up, das aromatisierte Filter für Kaffeemaschinen in den Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade und Karamell herstellt. „In der Jury saßen Vertreter von Bionade, Veltins und Symrise“, erinnert sich Carsten. „Die waren angetan, schließlich ist der Filterkaffee-Markt riesig – 63 Prozent der Menschen weltweit konsumieren ihn.“

Für Carsten Detzer war die Rückmeldung der Experten sein „Moment der Neuzündung, ein Aha-Moment, in dem ich verstand, dass ich das Ende von Vantastec als ein Vorwärtsscheitern begreifen muss. Ich hatte verstanden, was ich alles falsch gemacht hatte. Zukünftig sollten meine Ideen einen höheren Wirklichkeitsbezug haben, die Umsetzbarkeit sollte besser sein.“

Ob aus Aroma Filter ein erfolgreiches Unternehmen wird, das wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Spätestens im April soll der Shop für die Filter online gehen. Detzer ist zuversichtlich. Angst vor einer Niederlage hat er nicht mehr. „Ich weiß ja jetzt, was im schlimmsten Fall passiert.“ Und wenn erneut etwas schief geht, hat er bereits einen Plan B in der Tasche. „Dann“, sagt er, „werde ich einfach wieder gründen.“ Ideen hat er genug.

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