Bildungsökonomie: Vergesst die OECD!

Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote.
Foto: dpaLaut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent).
Foto: dpaAls besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen.
Foto: dpa/dpawebViele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger.
Foto: dpa/dpawebUnd eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder.
In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation.
Foto: dpaDoch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent.
Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt.
Foto: dapdBei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben.
Foto: dpaDie OECD lobt aber nicht nur die akademische Ausbildung in Deutschland. Der Bericht weist darauf hin, dass Deutschland auch bei den Erwerbstätigen mit abgeschlossener beruflicher Lehre diesmal gut abschneidet. Mit einer Erwerbslosenquote von 5,8 Prozent liegt die Bundesrepublik hier noch deutlich unter dem Schnitt der 30 weltweit wichtigsten Industrienationen (7,3 Prozent). Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) resümierte: „Ein abgeschlossenes Studium oder eine erfolgreiche Ausbildung sind immer noch die besten Voraussetzungen gegen Arbeitslosigkeit.“ Bund und Länder würden weiterhin auf dieses „zweigleisige Bildungssystem“ setzen.
Foto: dpaEreignisreiche Tage liegen hinter der Bildungsrepublik Deutschland. Die Nachrichten wurden weniger von Politikern produziert, als von den so genannten Bildungsökonomen. Da war unter anderem der "Chancenspiegel" der Bertelsmann-Stiftung und vor allem der alljährliche Bericht "Bildung auf einen Blick" der OECD.
Deren Botschaft ist seit einigen Jahren stets dieselbe, und durch dauernde Wiederholung hat sie sich offenbar auch vielen Nachrichtenjournalisten so sehr eingeprägt, dass sie sie ohne jede Distanz weiterverbreiten: "Deutschland hinkt bei der Zahl der Hochschulabsolventen vielen Industriestaaten hinterher", meldet zum Beispiel Reuters. Die Pressestelle der OECD und deren Bildungsökonomen um Andreas Schleicher werden sich freuen. Wenn Nachrichtenagenturen in ihren Meldungen den Spin der eigenen Verlautbarungen übernehmen, ist das der größte annehmbare PR-Erfolg. Wer hinterherhinkt, muss sich sputen. Genau das ist die Agenda der OECD und der meisten anderen Vertreter der Bildungsökonomik, ob Bertelsmann-Stiftung oder Stifterverband: Steigert den Anteil der höheren Bildungsabschlüsse!
Das Argument des obersten Bildungsökonomen der OECD, Andreas Schleicher, ist simpel und daher scheinbar überzeugend: Menschen mit Studienabschluss verdienen mehr und sind - zumindest in Deutschland - kaum arbeitslos. Ein Hochschulabsolvent verdient im Leben durchschnittlich 145.000 Euro mehr als jemand ohne Studium, nach Abzug aller direkten und indirekten Kosten. Also mehr davon! Wie ein Investor beim Aktienkauf, so solle auch der Staat seine Bildungsinvestition am Ertrag bemessen: "Für den deutschen Steuerzahler … gilt, dass er von jedem Hochschulabsolventen 156.000 Euro mehr an Steuern bekommt, als er an Steuergeldern in dessen Studium investiert. Es lohnt sich also für den Staat, in bessere Bildung zu investieren."
Ähnlich vereinfachend argumentiert auch der "Chancenspiegel: Als wichtigste Belege dafür, dass die "Chancengerechtigkeit … in den vergangenen zwei Jahren tendenziell verbessert" habe, nennen die Bertelsmann-Autoren: "Das Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen, ist gesunken und die Chancen, die Hochschulreife zu erwerben, sind in fast allen Bundesländern gestiegen." Ob hinter der formalen Studienberechtigung eine tatsächliche Studienbefähigung steht, ist den Autoren ganz offensichtlich egal.
Wenn alle jungen Menschen in Deutschland Abitur machten, wäre nach dieser absurden Logik der Bertelsmannschen Bildungsökonomen die absolute Gerechtigkeit erreicht. Tatsächlich kommen wir diesem Ziel mit großen Schritten näher: Die deutsche Studentenquote, also der Anteil der Studienanfänger an der gleichaltrigen Bevölkerung ist in nur fünfzehn Jahren von 28,1 (1996) auf 54,7 Prozent (2012) gestiegen. Wenn das so weitergeht, studieren in fünfzehn Jahren drei von vier jungen Menschen - und in dreißig Jahren alle.
Baden-Württemberg
Stärken: Der Chancenspiegel präsentiert ein sehr ähnliches Ergebnis wie vorangegangene Pisa-Tests: Was Leistung angeht, sind die Schüler in Baden-Württemberg spitze: Die Lesekompetenz von Neuntklässlern ist überdurchschnittlich, 50,3 Prozent machen das Abitur, nur 5,7 Prozent der Schüler machen keinen Abschluss (Bundesdurchschnitt: 7 Prozent)
Schwächen: Zu den Topschülern gehören leider nur die mit wohlhabendem Elternhaus, Schüler aus sozial schwachen Strukturen haben wenig Chancen, das Gymnasium zu besuchen: Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 6,6 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten (Bundesdurchschnitt: 4,5). Einem Aufwärts- stehen 3,1 Abwärtswechsel gegenüber (Bundesdurchschnitt: 1:4,3). Heißt: Pro Schüler, der von der Realschule aufs Gymnasium wechselt, gehen mehr als drei Schüler den umgekehrten Weg.
Foto: dpaBayern
Stärken: Auch die Bayern sind bei der sogenannten Kompetenzförderung in der Spitzengruppe: Sowohl Viert- als auch Neuntklässlern sind außerordentlich gut in Deutsch. Von den Schülern, die mindestens einen Hauptschulabschluss machen, finden 51,8 Prozent einen Ausbildungsplatz - auch das ist im Ländervergleich sehr gut. Nur sechs Prozent gehen ohne Abschluss von der Schule.
Schwächen: Benachteiligte Jugendliche erreichen in puncto Leistung 72 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche. (Bundesdurchschnitt: 67 Kompetenzpunkte Unterschied). Eine entsprechende fördernde Schulform wie die Ganztagsschule ist dafür kaum verbreitet: Nur 8,5 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Genauso schlecht sind die Chancen eines Kindes aus sozial schwachen Strukturen, aufs Gymnasium zu gehen: Akademikerkinder haben eine 6,5 mal höhere Chance auf den Gymnasiumbesuch. Die Konsequenz: Nur 37,6 Prozent der jungen Erwachsenen machen Abitur - im Bundesdurchschnitt sind es 46,4 Prozent. Außerdem bleiben 4,7 Prozent der Schüler bis zur zehnten Klasse einmal sitzen.
Foto: dpaSaarland
Stärken: Im Saarland machen 51,9 Prozent das Abitur. Das ist über Bundesdurchschnitt und befördert das Land damit in die Spitzengruppe im Ländervergleich. Auch in puncto Integration ist das Saarland weit vorne: Nur 4,3 Prozent aller Schüler sind vom Regelschulsystem ausgeschlossen und werden in speziellen Förderschulen unterrichtet.
Schwächen: Wirkliche Schwächen haben die Schulen beziehungsweise das Bildungssystem im Saarland laut dem Chancenspiegel nicht. In den einzelnen Bereichen der Kategorien Durchlässigkeit und Kompetenzförderung bewegt sich das Bundesland immer im Mittelfeld. So hat ein Kind auf einer sozial starken Familie eine dreimal höhere Chance, aufs Gymnasium zu gehen als ein Kind aus einer schwächer gestellten Familie. Das ist unschön, aber immer noch überdurchschnittlich gut. 15,9 Prozent aller Schüler in der Primar- und Sekundarstufe 1 besuchen eine Ganztagsschule (Bundesdurchschnitt: 26,9 Prozent). Ländervergleich: Untere Gruppe. Auch das Verhältnis 1:3,3 beim Wachsel der Schulform (pro Schüler, der von der Real- oder Hauptschule "aufsteigt", wechseln 3,3 Schüler vom Gymnasium auf die Realschule beziehungsweise von Real- zu Hauptschule) liegt noch unterhalb des Bundesdurchschnitts von 1:4,3. Auch im Lesen sind saarländische Schüler aud den vierten und neunten Klassen mittelmäßig.
huGO-BildID: 25450255 ARCHIV - Schüler und Schülerinnen schreiben am 28.02.2012 in einem Gymnasium in Frankfurt am Main ein Diktat. Zu den Ergebnissen der Koalitionsrunde vom Wochenende gehört das Ziel, noch in dieser Wahlperiode eine Grundgesetzänderung zu erreichen, die das Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildungspolitik aufhebt. Foto: Frank Rumpenhorst dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Foto: dpaHessen
Stärken: An hessischen Schulen gibt es eine sehr gute Integrationsquote: Nur 4,4 Prozent aller Schüler gehen auf sogenannte Förderschulen anstatt auf Haupt- und Realschulen oder Gymnasien. Mit diesem Wert gehört Hessen zur Spitzengruppe. Außerdem ist etwas mehr als ein Drittel der hessischen Schüler in einer Ganztagsschule - im Bundesdurchschnitt sind es nur 26,9 Prozent. Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, aufs Gymnasium zu gehen, ist 2,8 mal höher als die eines Kindes aus unteren Sozialschichten - auch das ist im Ländervergleich spitze. Durchschnittlich liegt die Quote bei 4,5. Außerdem bekommen fast 45 Prozent der Hauptschüler einen Ausbildungsplatz.
Schwächen: Nur beim Lesen sind die Hessen maximal im Mittelfeld. Die Grundschüler aus der vierten Klasse schafften es im puncto Lesen sogar nur auf einen der hinteren Ränge. Beim letzten Pisa-Test belegten die Schüler der neunten Klasse beim Lese- und Hörverstehen noch jeweils den 4. Platz unter 16 Bundesländern. Allerdings landeten sie beim verstehenden Lesen und Hören nur auf dem 8. beziehungsweise 9. Platz. - Insofern deckt sich das Ergebnis mit dem Chancenspiegel.
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Berlin
Stärken: Wirklich gut ist das Berliner Bildungssystem nur bei der Ganztagsbetreuung und der Integration lernschwacher und körperlich behinderter Kinder. 45 Prozent der Schüler gehen auf eine Ganztagsschule und nur 4,4 Prozent der Schüler werden gesondert in Förderschulen unterrichtet.
Schwächen: Wie auch die letzten Pisa-Tests zeigten, sind die Schüler in Berlin nicht sonderlich leistungsstark. Sowohl Viert- als auch Neuntklässler haben bloß unterdurchschnittliche Lesekompetenzen und auch die Differenz der Leistungen privilegierter und benachteiligter Kinder ist mit 70 Punkten erschreckend hoch - der durchschnittliche Wert beträgt 40 Punkte. Bei den Schülern der Klasse neun liegt der Wert 22 Punkte über Durchschnitt. 10,4 Prozent der Jugendlichen verlässt in Berlin die Schule ohne Abschluss.
Foto: dpaRheinland-Pfalz
Stärken: 3,8 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen, alle anderen besuchen gemeinsam die Regelschulen. Das beschert Rheinland-Pfalz im Ländervergleich einen Platz in der oberen Ländergruppe. Außerdem schnitten die Neuntklässler bei der Lesekompetenz mit 497 Kompetenzpunkten gut ab. (Bundesdurchschnitt: 496 Kompetenzpunkte)
Schwächen: In Rheinland-Pfalz besuchen nur 18,5 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule, das ist ziemlich wenig. Ansonsten sind die Schulen des Bundeslande mittelmäßig: Die Chancen eines Kindes aus sozial schwachen sind 3,2 mal niedriger, dass es ein Gymnasium besucht, als die eines Kindes aus den oberen Sozialschichten. Fast 40 Prozent der Schüler, die mindestens einen Hauptschulabschluss haben, bekommen auch einen Ausbildungsplatz und rund sieben Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss. Das ist Durchschnitt.
Foto: dpaNiedersachsen
Stärke: Die gute Nachricht: Die Leistung der Schüler ist in Niedersachsen nicht so stark vom sozialen Umfeld der Kinder abhängig, wie in anderen Ländern. Die Viertklässler aus bildungsnäheren Elternhäusern erreichen nur 30 Kompetenzpunkte mehr als Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern - im Schnitt sind es 40 Punkte Unterschied. Auch in Klasse neun liegt der Unterschied zwischen benachteiligten und privilegierten Schülern zehn Punkte unter Durchschnitt. Außerdem funktioniert die Integration der Schüler in das Regelschulsystem sehr gut. Nur 4,4 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen.
Schwäche: Bei den Niedersachsen hapert es bei der Durchlässigkeit des Systems - das Land schaffte es nur in die untere Gruppe der Bundesländer. So gehen 5,8 mal mehr Kinder aus wohlhabendem Hause aufs Gymnasium als Arbeiterkinder und einem Wechsel in eine höhere Schulform stehen 11,8 Abstiege entgegen. Außerdem bleiben überdurchschnittlich viele Schüler sitzen. Einen Ausbildungsplatz bekommen 34,8 Prozent der Schüler - auch das ist unterdurchschnittlich.
Foto: dpaSachsen-Anhalt
Stärke: Gerade die Viertklässler aus Sachsen-Anhalt sind besonders gut in Deutsch, die Schüler der neunten Klassen sind immerhin im Mittelfeld. Auch beim Zusammenhang Leistung und Elternhaus schneidet Niedersachsen gut ab: Viertklässler, die zuhause entsprechend gefördert werden, sind nur 32 Kompetenzpunkte besser als benachteiligte Mädchen und Jungen - das ist acht Punkte unter Bundesdurchschnitt. Bei den Schülern der neunten Klassen beträgt der Unterschied 55 Punkte, der Durchschnitt liegt bei 67 Punkten Differenz.
Schwäche: Gar nicht gut schneidet das Bundesland in den anderen Kategorie ab: Nur 38,8 Prozent der Schüler machen Abitur, 12,3 Prozent bekommen gar keinen Schulabschluss. Mit vier Prozent ist auch die Quote derer, die eine Klasse wiederholen müssen, recht hoch und auch bei der Durchlässigkeit des Schulsystems bekleckert sich Sachsen-Anhalt nicht mit Ruhm.
Foto: dpaSchleswig-Holstein
Stärken: Im Norden Deutschlands werden Kinder besonders gut integriert. Nur 2,9 Prozent der Schüler gehen in Förderschulen (Bundesdurchschnitt: 5 Prozent). Das ist die geringste Ausschlussquote im Vergleich. Auch die Quote der Schüler, die eine sonderpädagogische Förderung brauchen, ist mit 5,4 Prozent unterdurchschnittlich niedrig.
Schwächen: Schwer haben es Kinder aus einfachen Strukturen: Die Chance eines Kindes aus den oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 5,6 mal höher. Auch finden nur 35,2 Prozent nach der Schule eine Ausbildungsstelle.
Foto: dapdHamburg
Stärken: Bei der Durchlässigkeit des Systems und den Abiturquoten ist der Stadtstaat Hamburg besonders gut aufgestellt: 52,5 Prozent erreichen die Hochschulreife, die Chancen eines Kindes aus einem wohlhabenden Elternhaus für einen Platz im Gymnasium sind nur 2,6 mal höher als die eines Kindes aus den unteren Sozialschichten. Beim Schulformwechsel stehen einem Aufwärts- stehen 1,7 Abwärtswechsel gegenüber.
Schwächen: Dafür sieht es bei den allgemeinen Leistungen der Schüler nicht gut aus: Lesekompetenz: Sowohl die Viert- als auch die Neuntklässler sind in Deutsch viel schlechter als der Durchschnitt. Und Neuntklässler aus bildungsfernen Elternhäusern sind ebenfalls deutlich leistungsschwächer als andere.
Foto: dapdSachsen
Stärke: Wie auch schon beim letzten Pisa-Test landet Sachsen in Sachen Leistung ganz oben (Platz 2 bei Pisa). Sowohl die Viert- als auch die Neuntklässler sind überdurchschnittlich gut in Deutsch, die Leistungen der Schüler aus bildungsfernen Haushalten sind nicht wesentlich schlechter als die der Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern. Die Differenz beträgt 30 Kompetenzpunkte. Auch bei der Durchlässigkeit des Systems haben sie Sachsen die Nase vorn: Die Chance eines Kindes aus oberen Sozialschichten, das Gymnasium zu besuchen, ist 2,8 mal höher als die eines Kindes aus unteren Schichten. Außerdem finden 52,4 Prozent der Schüler eine Ausbildungsstelle.
Schwäche: Weniger gut ist es in Sachsen um die Schulabschlussquote bestellt: 11,2 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss. die gleiche Zahl taucht in der Studie beim Schulformwechsel auf: Für einen Aufsteiger steigen 11,2 Schüler ab und müssen beispielsweise vom Gymnasium auf die Realschule wechseln. Der Aufstieg ist also in Sachsen weitaus schwerer als in den anderen Bundesländern. Das durchschnittliche Verhältnis beträgt 1:4,3
Foto: dapdBremen
Stärken: In keiner der überprüften Kategorien schaffte es das Bildungssystem des Stadtstaates Bremen in die Spitzengruppe der Länder. Sowohl bei der Integration als auch bei der Durchlässigkeit und einigen Kompetenzen der Schüler erreicht das Bremer Bildungssystem bloß Mittelmaß.
Schwächen: Gerade im Fach Deutsch hakt es in Bremen. Sowohl Viert- als auch Neuntklässler können unterdurchschnittlich schlecht lesen und Texte verstehen. Und die Bremer Neuntklässler - sowohl die leistungsstärksten als auch die schwächsten, sind schlechter als der Durchschnitt. Die schwachen Schüler sind sogar 46 Punkte unter dem Durchschnitt. Auch die Abhängigkeit von Leistung in der Schule und dem Elternhaus ist in Bremen besonders hoch.
huGO-BildID: 6183401 ** ARCHIV ** Eine Schuelerin einer dritten Grundschulklasse in Frankfurt am Main schreibt am 18. Jan. 2006 an einer Tafel. Die Foederalismusreform muss am Montag, 6. Maerz 2006, eine entscheidende Huerde nehmen. In parallelen Sitzungen wollen Ministerpraesidenten, Koalitionsfraktionen und Bundeskabinett der Entflechtung der Gesetzgebungskompetenzen von Bund und Laendern zustimmen. So sollen fuer die Bildungspolitik in Zukunft grundsaetzlich die Laender zustaendig sein. (AP Photo/Michael Probst)
Foto: APBrandenburg
Stärken: In Brandenburg ist die Durchlässigkeit des Systems besonders hoch: In keinem anderen Bundesland ist der Wechsel zu einer höheren Schulform einfacher. Pro Kind, das von der Haupt- auf die realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium wechselt, gehen 1,6 Schüler den umgekehrten Weg. Auch die Chancengleichheit ist in Brandenburg recht hoch: Akademikerkinder haben nur 2,4 mal bessere Chancen, aufs Gymnasium zu kommen als Kinder aus einfachem Hause. Bei den Jugendliche der neunten Klassen ist die Leistung in der Schule am wenigsten abhängig von der Bildung des Elternhauses: Benachteiligte Jugendliche erreichen 48 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte - das ist Spitzenwert. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 67 Kompetenzpunkten Unterschied. Ebenfalls sehr positiv: 70,4 Prozent der Schüler, die einen Abschluss haben, finden auch eine Ausbildung.
Schwächen: Gerade die Schüler der neunten Klassen schlossen unterdurchschnittlich ab. Beim Lesen haperte es bei den jugendlichen Brandenburgern, bei der Gesamtleistung waren sowohl die besten als auch die schwächsten Schüler schlechter als der Durchschnitt. Die Leistung von Grundschülern ist in Brandenburg stark abhängig vom Elternhaus, wie die Studie zeigt. Kinder, die zuhause gefördert werden, erreichen 55 Kompetenzpunkte mehr als Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern (Bundesdurchschnitt: 40 Kompetenzpunkte).
Foto: gmsNordrhein-Westfalen
Stärken: 54,1 Prozent der Schüler aus Nordrhein-Westfalen schaffen die Hochschulreife - das ist der höchste Abiturientenanteil im Vergleich der 16 Bundesländer. Außerdem hervorzuheben: Der Anteil derer, die keinen Schulabschluss machen, ist mit 6,5 Prozent vergleichsweise gering. Die Leistung der Schüler der Klassen vier und neun unterscheidet sich nicht sonderlich von den Ergebnissen des letzten Pisa-Tests: Die Schüler aus NRW sind mittelmäßig gut.
Schwächen: Nicht gut bestellt ist es um die Durchlässigkeit des Bildungssystems in Nordrhein-Westfalen: Ein Akademikerkind hat 5,5 mal bessere Chancen auf einen Platz im Gymnasium, nur 38,2 Prozent der Schüler bekommen einen Ausbildungsplatz. Und auch die Leistungen der Neuntklässler sind im Bundesvergleich nicht berauschend. Die leistungsstärksten Neuntklässler erreichen durchschnittlich 605, die leistungsschwächsten 376 Kompetenzpunkte - beides liegt unter dem Durchschnitt. Beim Wechsel der Schulform stehen einem Aufwärtswechsel 8,5 Abwärtswechsel gegenüber.
Foto: APThüringen
Stärken: In puncto Kompetenzförderung gehört Thüringen zur Spitzengruppe der Länder: Sowohl Viert- als auch Neuntklässler sind überdurchschnittlich gut beim Lesen und beim Leseverständnis. Die leistungsstärksten Neuntklässler erreichen durchschnittlich 611 Kompetenzpunkte, die leistungsschwächsten 387 Kompetenzpunkte. (Bundesdurchschnitt: 376 Kompetenzpunkte).Und benachteiligte Jugendliche haben im Vergleich 51 Kompetenzpunkte weniger als privilegierte Jugendliche - auch dieser Wert liegt oberhalb des Durchschnitts von 67 Kompetenzpunkten Unterschied.
Schwächen: Bei der Integration lern- und körperlich behinderter Kinder hinkt Thüringen hinterher: 6,6 Prozent aller Schüler sind gesondert in Förderschulen untergebracht (Bundesdurchschnitt: fünf Prozent). Das bedeutet im Ländervergleich einen Platz in der unteren Ländergruppe.Nach den landesspezifischen Diagnosestandards brauchen 8,4 Prozent aller Schüler eine sonderpädagogische Förderung. Der Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss liegt rund zwei Prozent über Bundesdurchschnitt - ansonsten liegen die Schulen in Thüringen im Mittelfeld.
Foto: dpaMecklenburg-Vorpommern
Stärken: In Mecklenburg-Vorpommern finden 66,9 Prozent der Schüler, die einen Abschluss haben, auch eine Lehrstelle. Das ist ein sehr guter Wert. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 41,5 Prozent. In allen anderen Kategorien ist das Bildungssystem des Bundeslandes maximal Mittelmaß.
Schwächen: Besonders trüb sieht es bei der Schulabschlussquote aus: 14,1 Prozent verlassen die Schule ohne einen Abschluss. 4,2 Prozent der Schüler bis zur Klasse zehn haben außerdem schon einmal eine Ehrenrunde gedreht. Auch bei der Integration behinderter oder lernschwacher Schüler hinkt Mecklenburg-Vorpommern hinterher. Fast neun Prozent aller Schüler gehen auf spezielle Förderschulen.
Foto: dpa/dpaweb
Nach der Argumentation von Schleicher müssten wir davon ausgehen, dass die Arbeitsagenturen dann dicht machen und die Finanzämter von einem gewaltigen Steuersegen erfasst werden, der alle unsere Sorgen beseitigt. Da behaupte noch mal jemand, Ökonomen seien nüchterne Analysten! Was die OECD, Bertelsmann und andere Brutstätten der Bildungsökonomie verbreiten, ist eine bildungspolitische Heilslehre, die umso absurder wird, je stärker sich die praktische Bildungspolitik an ihr orientiert und auf diesem Weg fortgeschritten ist.
In einem völlig unterentwickelten Land ohne flächendeckende Bildungsinfrastruktur, wo also nur eine dünne Oberschicht ihren Kindern den Zugang zu höherer Bildung ermöglichen kann, ist es naheliegend, unter anderem das Ziel höherer Bildung für einen größeren Teil der Bevölkerung zu verfolgen und die Zahl der Studenten zu steigern.
Doch in einem Land, wo seit Jahrzehnten auch so genannten Arbeiterkindern die Pforten der höheren Schulen und Universitäten längst nicht mehr verschlossen sind, liegen die Dinge anders. Längst klagen in Deutschland Handwerksbetriebe und andere Anbieter nicht-universitärer Ausbildungen über einen Mangel an Bewerbern. Während gleichzeitig für kaufmännische Aufgaben, die noch vor ein oder zwei Generationen jedem Realschulabsolventen offenstanden heute ein BWL-Studium erwartet wird. Bedeutet das, dass die unstudierten Kaufleute in den 1950er oder 1960er Jahren weniger fähig waren? Wohl kaum. Vermutlich wussten und konnten sie mit einem guten Realschulabschluss oder Abitur und kaufmännischer Lehre genauso viel, wie heute ein BWL-Uni-Absolvent.
Inflation der Bildungsabschlüsse
Die Aufforderung von Ökonomen an die Bildungspolitik, die Zahl der höheren Abschlüsse zu erhöhen, ist in etwa so wie die Aufforderung an Zentralbanken, mehr Geld beizuschaffen. Dafür ist leicht gesorgt, solange sein Wert nicht stabil zu bleiben hat. Wenn alleine die Steigerung des Studentenanteils zum Erfolgskriterium erklärt wird - wie es OECD und Co seit Jahren tun - dann ist die Versuchung für Bildungspolitiker unwiderstehlich. Denn mehr Abiturienten und Uni-Absolventen erzeugt man recht einfach. Schulen können Abiturzeugnisse drucken wie Zentralbanken Papiergeld. Indem sie die Vorgaben für Lehrer zur Benotung entsprechend aufweichen können sie eine Inflation der Abschlüsse ankurbeln. Dann wird Schülern eben die Benutzung zweisprachiger Wörterbücher gestattet oder der Fehlerquotient bei Klassenarbeiten abgeschafft, oder gleich das Sitzenbleiben. Wenn aber weniger reale Kenntnisse hinter den Zeugnissen stehen, verlieren sie genauso an Wert wie ungedecktes Papiergeld.
Der Anteil der Menschen mit akademischem Abschluss sagt fast nichts über die Bildungsstandards und die ökonomische Leistungsfähigkeit eines Landes aus. Beim stichprobenartigen Vergleich von nationaler Akademikerquote und BIP pro Kopf oder Lebenszufriedenheit (laut Happy Planet Index) lässt sich jedenfalls kein eindeutiger Zusammenhang feststellen. Es genügt aber auch die einfache Betrachtung der guten wirtschaftlichen Position Deutschlands und der katastrophalen volkswirtschaftlichen und Arbeitsmarktsituation in den Südländern der Europäischen Union, die laut OECD teilweise (zum Beispiel Frankreich, Spanien und Griechenland) viel höhere Akademikerquoten aufweisen als Deutschland.
Bildung sei die entscheidende oder gar einzige Ressource in technisch fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Dieses Mantra von Ökonomen, Politikern und Journalisten ist natürlich nicht falsch, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Denn nicht nur Bildung, sondern Bildung und Forschung zusammen sind der Schlüssel zum ökonomischen Erfolg einer Gesellschaft. In Griechenland und den anderen Südländern der EU zum Beispiel mangelt es nicht so sehr an Studenten, sondern an Forschungseinrichtungen, also dem Humus, aus dem technische Innovationen und damit wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit erwachsen. In den arabischen Staaten wird das noch sehr viel deutlicher. Sie züchten an ihren Universitäten alljährlich ein Heer von Akademikern heran, doch in den Autorenlisten der angesehensten Fachzeitschriften - dem wichtigsten Indiz für exzellente Forschung - kommt die gesamte islamische Welt kaum vor. Forschungsleistungen, nicht Akademikerquoten sind ein untrüglicher Indikator für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.
Die Forschungsstärke wiederum hängt unmittelbar mit der Qualität der Bildung in Schulen und Universitäten zusammen. Nur wenn Bildungs- und Forschungssysteme eng miteinander verwoben sind, gedeiht die Wissenschaft und am Ende meist auch die Wirtschaft. Diese weitsichtige Erkenntnis von Wilhelm von Humboldt gerät in der aktuellen Bildungspolitik immer mehr in Vergessenheit. Nur aus Abiturienten, die wirklich zu einem wissenschaftlichen Studium befähigt sind, kann das Wissenschaftssystem die geeigneten jungen Forscher rekrutieren, die sein Rückgrat bilden. An Universitäten, die die Hälfte eines Geburtsjahrganges durch ihre Hörsäle schleusen, und dabei möglichst wenige Abbrecher zurücklassen sollen, wird diese Aufgabe schnell vernachlässigt.
Nicht die Zahl der Menschen mit irgendwelchen Abschlüssen ist das entscheidende Kriterium für die Güte eines Bildungssystems, sondern die tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten, die junge Menschen in diesem System erlernen. Dass die Gesamtheit dieser Kenntnisse mit dem statistischen Handwerkszeug des Ökonomen nicht eindeutig messbar und kaum vergleichbar sind, liegt eigentlich auf der Hand. Man müsste sich in den Ministerien nur trauen, die OECD und andere Bildungserbsenzähler daran zu erinnern.
Wie erfolgreich ein Bildungssystem tatsächlich ist, können allenfalls im Nachhinein die Historiker beurteilen. Dafür dass das humboldtsche System in Preußen und Deutschland wohl nicht ganz so schlecht war, spricht der große Erfolg der deutschen Wirtschaft vor 1914 und nach 1945. Davon profitierten übrigens nicht nur, wie Bildungsreformer uns weismachen wollen, die etwa zehn Prozent Abiturienten und Studenten, sondern auch Real- und Volksschüler, denen oft berufliche Chancen offenstanden, für die ihre Enkel heute ein abgeschlossenes Studium benötigen.
Es liegt auch auf der Hand, dass das deutsche Bildungssystem vor dem PISA-Schock und dem Bologna-Reformwahn nicht so katastrophal schlecht gewesen sein kann. Schließlich manövrieren diejenigen, die es durchlaufen haben, derzeit recht erfolgreich deutsche Unternehmen durch die internationale Krise und erwirtschaften die Rettungsmilliarden für manch eine Volkswirtschaft, deren höheren Akademikerquoten wir nach Ansicht der OECD hinterherhinken.
Doch das Offensichtliche genügt orientierungslos gewordenen Bildungspolitikern immer weniger als Handlungsgrundlage. Sie verlangen zunehmend nach scheinbar handfesten Kriterien, also zählbaren Belegen für die Richtigkeit politischer Entscheidungen. So ist der OECD-Bericht als "Orientierungshilfe" auch beim BMBF willkommen. Die exakten Zahlenwerke, die die OECD und ähnliche Organisationen liefern, ändern aber nichts daran, dass man tatsächlichen Bildungserfolg nicht wirklich messen kann.
Eine gute, verantwortungsvolle Bildungs- und Wissenschaftspolitik würde sich dadurch auszeichnen, dass sie den Zahlenwüsten der OECD und den unablässigen Reformimpulsen der „empirischen Bildungsforschung“ sehr viel weniger Aufmerksamkeit widmete, und der unmessbaren Qualität der Bildungsgänge dafür umso mehr.
Dass das passiert, ist nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre leider höchst unwahrscheinlich. Der "Qualitätspakt Lehre", den Johanna Wankas Bildungsministerium heute auf einer eigens eingerichteten Programmkonferenz feiert, ist mit seinen 3.000 neu geschaffenen Stellen grundsätzlich zu begrüßen. Doch die Quantität der Dozenten allein ist eben gerade kein Garant für Qualität, wenn gleichzeitig die Prüfungsanforderungen für Abiturienten still und heimlich herabgesetzt werden. Aus Studenten, die nicht studierfähig von den Schulen kommen, machen auch neue Studienmodelle und Lehrformen keine Geistesgrößen.
Wenn von Qualität die Rede ist, führen meist "empirische Bildungsforscher" des "Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen" das Wort, die am Qualitätsverfall und der Inflationierung des Abiturs selbst großen Anteil haben. Deren Fetisch, nämlich die in den meisten Lehrplänen fixierte so genannte Kompetenz-Orientierung, ist die Grundlage dafür, dass die Anforderungen an Schüler stetig nach unten und damit die Zahl der Abiturienten nach oben reguliert wurden. "Kompetenz" bedeutet im Zweifelsfall die Fähigkeit des Schülers, in der Aufgabenstellung die verschlüsselt enthaltene Antwort zu finden. Im Geschichtsabitur in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel gibt es schon Punkte für das Abschreiben einer Jahreszahl.
Der Lackmustest für die Qualität des Abiturs wird die Umsetzung der Beschlüsse der Kultusministerkonferenz zur Einführung einer bundesweit gültigen Aufgabensammlung für die Prüfungen sein. Diese Standardisierung wäre eigentlich grundsätzlich zu begrüßen. Aber die Erfahrung lehrt, dass sich die KMK bei der Reform des Abiturs meist auf Kompromisse einigte, die allgemeine Qualitätseinbußen bedeuteten. Es ist also zu befürchten, dass das Abitur zwar einheitlicher, aber unterm Strich noch leichter werden wird.
In Hamburg und Bremen werden vermutlich nicht weniger Schüler Abi machen, sondern in Bayern und Sachsen-Anhalt mehr. Das vernünftige Ziel des Deutschen Philologenverbands - eine Angleichung der Standards nach oben - ließe sich nur erreichen, wenn sich die KMK zumindest auf stichprobenartige Überprüfungen der Einhaltung der Standards in allen Ländern einigen könnte. Das ist wünschenswert, aber unwahrscheinlich, weil es bedeutete, dass manche Länder eine niedrigere Abiturquote akzeptieren müssten. Für die OECD-gläubigen Kultusminister der Gegenwart eine undenkbare Zumutung.