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Homeoffice-Migranten Raus aus Deutschland – der große Brain Drain

One-Way-Ticket in die Heimat: Die Möglichkeiten zur Heimarbeit eröffnen vielen Hochqualifizierten die Chance, aus dem einmaligen Heimflug, wie hier vom Frankfurter Flughafen, einen dauerhaften Umzug zu machen. Foto: dpa Quelle: dpa

Je mehr sich Homeoffice etabliert, desto mehr zugewanderte Arbeitnehmer erwägen, ganz in ihre Heimat zurückzukehren. Droht Deutschland eine große Abwanderungswelle Hochqualifizierter?

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Das Szenario ist so naheliegend wie plausibel: Ein Informatikabsolvent aus Griechenland oder Portugal, der dort trotz bester Noten nach dem Studium keinen Job findet, bewirbt sich in Deutschland und fängt hier zu arbeiten an, etwa bei SAP. Als die Coronakrise beginnt, wechselt er ins Homeoffice in seine kleine Heidelberger Wohnung. Und denkt sich seither: Das was ich hier tue, könnte ich auch aus einem Haus in Thessaloniki oder Porto tun, wo ich nicht nur meine Freunde in der Nähe hätte, sondern ich für das gleiche Geld auch eine doppelt so große Wohnung bekäme.

„Reverse brain drain“ nennen Wissenschaftler die Ergebnisse solcher Überlegungen und viele Forscher vermuten, dass die Rückwanderung von in industrialisierten Ländern lebenden Migranten in ihre Heimat deutlich zunehmen könnte. Denn viele Unternehmen haben, so wie der für das fiktive Beispiel herangezogene Konzern SAP, die Möglichkeit der Heimarbeit von der Coronapandemie entkoppelt. Aus der vorübergehenden Sehnsucht nach der Heimat könnte deshalb prinzipiell die massenhafte Rückwanderung werden.

Wie viele Menschen das betreffen könnte, haben jüngst die Wissenschaftler Irina Bakalova und Yuri Dzjuba von der Wirtschaftshochschule Moskau und Ruxanda Berlinschi von der belgischen Universität Leuven untersucht. Ergebnis: Allein aus Deutschland könnte rund eine halbe Million Hochqualifizierte diesen Weg gehen, die meisten von ihnen würden dabei in andere Länder Süd- und Westeuropas abwandern.

Komplizierte Abschätzung

Die Grundlage der Studie bildete der European Labor Force Survey, eine repräsentative Befragung der Europäischen Union über die Arbeitsmärkte in Europa. Diese Daten nutzten die Forscher, um abzuschätzen, wie viele Arbeitnehmer in einem Land grundsätzlich für solche Ortswechsel infrage kämen. Aus der Gruppe der Migranten griffen sie dabei jene heraus, die in sogenannten „white collar jobs“ arbeiteten, also in nicht-produzierenden oder dienstleistenden Berufen, in denen eine physische Präsenz nicht unbedingt notwendig ist. Um dann abzuschätzen, wie viele dieser Angestellten tatsächlich dauerhaft von zu Hause arbeiten könnten, nutzten die Wissenschaftler zwei unterschiedliche Szenarien. In einem nahmen sie an, die Rate der Heimarbeiter könnte nach der Pandemie dauerhaft auf das Niveau der Länder steigen, die derzeit die höchsten Raten haben, Dänemark, Schweden und die Niederlande. Im zweiten, extremeren Szenario arbeiteten sie mit einer Studie der Forscher Jonathan Dingel und Brent Neiman von der Universität Chicago, die abschätzt, welche Jobs grundsätzlich gleichwertig von Zuhause erledigt werden könnten.

Die absolut höchste Zahl von Rückwanderern ergab sich dabei für Großbritannien, wo zwischen 560.000 und 730.000 zugewanderte Arbeitnehmer das Land wieder verlassen könnten. Auch in Frankreich (450.000 bis 610.000) und Deutschland (410.000 bis 580.000) ergab sich eine hohe Zahl. Im Verhältnis zur Bevölkerung am größten aber könnte der Effekt in der Schweiz ausfallen: Hier könnten 420.000 bis 550.000 Hochqualifizierte das Land verlassen, das wären rund 10 Prozent aller Erwerbstätigen.



So interessant diese Abschätzung ist, so ist es doch noch völlig unklar, ein wie großer Teil des Potenzials sich tatsächlich realisiert. Zum einen haben die Autoren natürlich keine Kenntnis, wie viele der Arbeitsmigranten überhaupt eine Rückkehr in ihre Heimat anstreben. Zum anderen ist noch völlig unklar, ob die erweiterten Möglichkeiten zur Arbeit von Zuhause auch einen Umzug in ein anderes Land einschließen.

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