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Weniger Miete, weniger Lohn? Die Homeoffice-Löhne sind sicher – noch

Auch wer dauerhaft im Homeoffice arbeitet, muss sich in Deutschland nicht um den eigenen Lohn sorgen. Quelle: imago images

Google will Angestellten im Homeoffice wegen niedrigerer Lebenshaltungskosten die Löhne kürzen. Kein Modell für Deutschland, sagen SAP und Deutsche Börse. Doch in Gehaltsverhandlungen könnte der neue Standortfaktor durchaus eine Rolle spielen.

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Weniger Lohn für alle, die weniger Miete zahlen? „Für uns in Deutschland ist so etwas natürlich undenkbar. Auf so eine Idee wären wir nicht gekommen“, sagt Cawa Younosi, Deutschland-Personalchef bei SAP. Er bezieht sich damit auf die in der vergangenen Woche bekannt gewordenen Modelle des amerikanischen Technologiekonzerns Google, das Gehalt seiner Mitarbeiter von den Lebenshaltungskosten am Wohnort abhängig zu machen, zumindest wenn diese dauerhaft aus dem Homeoffice arbeiten wollen. Der Vorstoß hatte auch in Deutschland für viel Diskussion gesorgt.

Man sei sich der regionalen Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten bewusst und habe daran angepasst daher auch „Gehaltsbänder“ für Angestellte an verschiedenen Standorten eingeführt, führt SAP-Mann Younosi aus. „Im Übrigen ist der Wohnort eine private Angelegenheit der Mitarbeitenden, die uns als Arbeitgeber nichts angeht!“

Auch die Deutsche Börse sieht keinen Grund für eine Diskussion um die Löhne von rein im Homeoffice arbeitenden Angestellten. „Wir gehen davon aus, dass unsere Mitarbeitenden auch weiterhin im Umfeld unserer Standorte leben werden“, sagt ein Unternehmenssprecher. Man wolle nach Ende der Corona-Einschränkungen ein hybrides Arbeitsmodell aus Anwesenheit und Homeoffice etablieren.

Auch sonst wollen nur wenige Unternehmen in Deutschland dauerhaft ganz auf die Präsenzarbeit verzichten.

Selbst wenn Angestellte vollständig aus dem Homeoffice arbeiten, gibt es in Deutschland fast keine Möglichkeit, ihren Lohn nachträglich zu kürzen. „Wenn der Vertrag einmal gemacht ist, kommt man da nicht mehr drunter“, erklärt Arbeitsrechtsanwalt Michael Fuhlrott. Das ginge nur über eine Änderungskündigung, die jedoch in einem solchen Fall vor keinem Arbeitsgericht standhielte.

Zumal der Lohn dann auch an den Wohnort gekoppelt wäre – und den dürfe der Arbeitgeber nicht vorschreiben.

Der Mittelstandsverband BVMW betont auf Anfrage der WirtschaftsWoche, dass der Staat damit nur die Rahmenbedingungen setze, die Löhne selbst seien Verhandlungssache. „Sollten Lebenshaltungskosten bei den zu zahlenden Löhnen berücksichtigt werden, dann müssen sich beide Vertragsparteien darauf einigen“, sagt BVMW-Chefvolkswirt Hans-Jürgen Völz. Er spricht sich für Differenzierungen beim Gehaltsniveau aus – die sollten „allerdings die Produktivität reflektieren, nicht Lebenshaltungskosten am Wohnort.“

Etwas offener formuliert er die Zukunftsaussichten: „Völlig unbenommen bleibt es dem Gesetzgeber, Entlastungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch ein innovations- und investitionsfreudiges Abgabesystem zu schaffen, das auf die geänderten Flexibilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes eingeht.“

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Die Arbeitswelt hat sich in eineinhalb Jahren deutlich verändert, dem Digitalisierungs- und Flexibilisierungsschub mit mehr „mobilem Arbeiten“ dürften irgendwann auch neue rechtliche Rahmenbedingungen folgen. Das könnte durchaus auch höhere Löhne für Präsenzarbeiter bedeuten, um die Angestellten ins Büro zurückzuholen und das gemeinschaftliche Arbeiten wiederzubeleben. Doch bevor es in Deutschland zu amerikanischen Google-Verhältnissen kommt, dürften auch Gewerkschaften und Betriebsräte noch ein Wörtchen mitreden wollen.

Mehr zum Thema: Google will Mitarbeiter im Homeoffice schlechter bezahlen als den Rest. Gut so, findet unser Redakteur Konrad Fischer. Ein Kommentar.

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