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Diversity „Wir müssen genauso vielseitig sein wie die Menschen, die Facebook nutzen“

Quelle: dpa

Die Störungen Anfang der Woche und die Enthüllungen einer Ex-Mitarbeiterin setzen Facebook zu. Doch die Vizechefin in Europa sagt: Die Diskussionen werden zu einseitig geführt, denn Facebooks Investitionen werden unterschlagen.

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Die Vorwürfe der Whistleblowerin Frances Haugen wiegen schwer: Sie zeigte der Welt, wie sehr die Plattform Facebook auf Profit ausgelegt ist und wie wenig sie sich um das Wohl ihrer Nutzer bemüht. Laut der ehemaligen Produktmanagerin weiß Facebook über den Hass auf ihrer Plattform Bescheid und darüber, wie sehr dieser bei den Nutzern im Newsfeed polarisiert, von dem nur Facebook weiß, wie er personalisiert wird. Ebenso sollen sie aus Studien wissen, wie toxisch die Foto-Plattform Instagram für junge Menschen ist. Deshalb appelliert Haugen an Politiker einzugreifen. Denn aus eigenem Antrieb werde Facebook weiter Entscheidungen treffen, die gegen das öffentliche Wohl seien.

Haugen wird Ende des Monats auch nach Europa reisen, in London vor dem Parlament aussagen, in Brüssel Politiker treffen und auf dem Web Summit in Lissabon auftreten. Europa ist nicht nur eine wirtschaftlich wichtige Region für Facebook, sondern auch von strategischer Bedeutung. Hier sehen Facebooks Kritiker derzeit den größten Spielraum für Regulierung. Es gibt also einiges zu tun für Angelika Gifford, die als Vice President Central Europe für den Konzern das Geschäft in 34 europäischen Ländern verantwortet.

„Wir lernen, wir hören zu, wir verbessern uns“, versprach sie im Gespräch WiWo-Redakteurin Varinia Bernau bei The Shift Summit von WirtschaftsWoche und Handelsblatt“. „Wir werden jetzt viel in die Kommunikation stecken.“ 

Auf die Frage, wie sie auf die anstehenden Aktionen von Haugen reagieren werde, betonte Gifford, ebenfalls den Austausch mit Politikern in Berlin und Brüssel zu suchen. Dieser werde vielleicht auch mal konfrontativ werden. „Aber wir sind an Lösungen und natürlich auch an Regulierungen, an einer fairen Regulierung, gerade für Europa, sehr interessiert.“

Angelika Gifford, Vice President Central Europe, Facebook & Supervisory Board Member

Facebook müsse besser vermitteln, „wofür wir stehen, was wir getan haben, welche Investitionen wir getätigt haben, wie wir die Firma umstrukturiert haben“, räumte Gifford ein. „Ich glaube, da sind wir noch nicht gut genug.“ All das, was Haugen in der Anhörung zur Sprache gebracht hat, ist nach Ansicht von Gifford aber nicht nur für Facebook eine Herausforderung, sondern für die gesamte Branche. „Kann ich Ihnen heute versprechen, es wird eine Google-Plattform, eine Facebook-Plattform, eine TikTok-Plattform ohne Hate Speech, ohne Diskriminierung geben? Das wird ihnen keiner versprechen können“, sagte Gifford. Allein bei Facebook würden täglich 150 Milliarden Nachrichten auflaufen. „Wir sind uns der Verantwortung sehr bewusst, mit 3,5 Milliarden Nutzern, aber auf diese Herausforderung gibt es keine einfachen Antworten.“

Gifford betonte: „Wir sind eine lernende Organisation.“ Sie selbst ist seit knapp zwei Jahren bei Facebook und hat zuvor für Microsoft und H-P gearbeitet. „Ich hatte einen anderen Eindruck von außen, als ich die Firma gesehen hab, als ich es jetzt von innen habe.“ Dabei haben sie bei Facebook, auch das sagte Gifford, schon viel investiert im Kampf gegen Hass und Hetze. Auf vieles werde nicht so sehr aufmerksam gemacht, die Kommunikation fehle. „Für mich ist wichtig: Wir sind sehr reflektiert, wir nehmen die Verantwortung wirklich ernst.“

Facebook hat 3,5 Milliarden Nutzer, und so verschieden wie sie sollen auch die Mitarbeiter sein. „Wir müssen genauso vielseitig sein wie die Menschen, die unsere Produkte nutzen.“ Das Ziel sei es, dass in den nächsten fünf Jahren die Belegschaft mindestens zur Hälfte aus unterrepräsentierten Gruppen bestehe. Das habe Konzernchef Mark Zuckerberg ganz klar gesagt und zu seinem Thema gemacht.

Und das beginnt schon mit dem Bewerbungsprozess und in der Recruiting-Kultur. Wie viele andere Firmen auch nutzt Facebook künstliche Intelligenz (KI), die Bewerber sortiert. Am Ende entscheide aber immer ein Mensch, betonte Gifford auf der Veranstaltung. „KI muss richtig eingesetzt werden. Denn bei aller Automatisierung und KI im Recruiting, darf niemals der Mensch im Prozess übertrumpft werden.“ Die Personalabteilung checke jede einzelne Bewerbung. Bei der Stellenausschreibung achte Facebook darauf, dass nicht nach Abschluss und Anzahl an Erfahrungsjahren, sondern nach Stärken und Schwächen gefragt werde.

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Es habe sich viel getan, so Gifford, aber noch nicht genug. Es reiche nicht Mitarbeiter einzustellen, die einen bestimmten Hintergrund haben oder der LGBTQ+-Community angehören. Sondern erst danach beginne die Arbeit. Dann erst stehe die Integration an, etwa wenn es darum geht, ob die Toiletten andere Zeichen bekommen oder es ein zusätzliches Badezimmer gibt. „Da müssen alle Unternehmen, die sich dem verschrieben haben, noch einen Weg gehen.“ Es sei eine Sache, die Talente an Board zu holen, aber eine ganz andere, „sie nachher zu integrieren und nach ein oder zwei Jahren zu fragen: Habt ihr hier eine echte Teilhabe? Werdet ihr fair behandelt?“
 

Mehr zum Thema: Neben der Enthüllung durch Frances Haugen hatte Facebook Anfang der Woche auch mit massiven Störungen zu kämpfen: Insgesamt waren Facebook, Instagram und WhatsApp sechs Stunden offline. Der Schaden beläuft sich auf fast eine Milliarde Dollar.

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