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Finanzvorstand Vom Chef-Controller zum Konzernlenker

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Strategen haben die steifen Buchhalter abgelöst

Zum anderen zeigt es aber auch, wie stark sich das Berufsbild verändert hat. „Der CFO von heute ist mit einem kaufmännischen Vorstand oder Geschäftsführer von früher nicht mehr vergleichbar“, sagt Tiemo Kracht, Geschäftsführender Partner der Personalberatung Kienbaum. Strategen haben die steifen Buchhalter abgelöst.

Da wäre etwa Joe Kaeser. Schon als Siemens-Finanzvorstand hat er durchblicken lassen, dass er es eigentlich besser kann, als sein Chef, Peter Löscher. Zum Beispiel stichelte Kaeser, Löscher und er seien wie Licht und Schatten – wen er dabei als Licht bezeichnete, war den meisten klar. Und so ließ er auch nicht viel Zeit verstreichen, um die von Löscher erst wenige Jahre zuvor mit großem Tamtam entworfene Konzernstruktur wieder abzuschaffen. Statt der vier großen Sparten Energie, Gesundheit, Industrie sowie Infrastruktur und Städte gibt es nun zehn Bereiche.

Einer jener ehemaligen Controller, die es nach ganz oben im Dax schafften, sagt: „Als CFO hat man heutzutage mehr und mehr Strategie-Aufgaben.“ Und Kienbaum-Partner Kracht findet: „Der Finanzvorstand hat den Helikopterblick über das ganze Unternehmen.“ Ein unschlagbarer Vorteil in immer verworreneren Unternehmensstrukturen, in denen oft die eine Hand nicht weiß, was die andere macht.

Finanzchefs mit Überblick

Denn meist arbeitete der Finanzvorstand zuvor schon jahrelang Seite an Seite mit dem Vorstandsvorsitzenden. So war es nicht nur bei Siemens, sondern auch bei der Telekom. Nach seinem Amtsantritt als Neu-CEO sagte Timotheus Höttges in einem Interview mit dem „Handelsblatt“, dass sich seine inhaltlichen Aufgaben „wenig bis gar nicht verändert“ hätten. Strategisches „habe ich mit meinem Vorgänger René Obermann schon jahrelang als Finanzvorstand besprochen und entwickelt“, sagt er.

CFO und CEO bewegen sich heute auf Augenhöhe und stehen im ständigen Austausch miteinander. Das verschafft dem Finanzer, der hierarchisch eigentlich eher neben Personal-, Technik- oder Vertriebsvorstand angesiedelt ist, einen für die Ebene ungewöhnlichen Überblick.

Und er hat Kontakt und das Vertrauen von einer Gruppe, die immer wichtiger wird: den Investoren. Matthias Zachert ist so ein Manager, der die Macher an den Märkten entzückt. Als Ende Januar 2014 bekannt wurde, dass der ehemalige Finanzvorstand des Pharmakonzerns Merck an die Spitze des Chemieriesen Lanxess wechselte, feierten die Handelsplätze eine Party: Der Lanxess-Kurs stieg um zehn Prozent, gleichzeitig fiel der Merck-Kurs um zehn Prozent.

Zachert hatte zuvor den größten Umbau in der fast 350-jährigen Unternehmensgeschichte vorangetrieben. Mit Erfolg: Der Kurs des Dax-Konzerns verdoppelte sich nahezu. Analysten sprachen sogar schon von der „Zachert-Prämie.“

Kraft der Zahlenmenschen

„Wir glauben, dass Lanxess unter der neuen Führung von Matthias Zachert die richtigen Schritte eingeleitet hat“, sagt etwa Christoph Ohme, Portfoliomanager beim Lanxess-Aktionär Deutsche Asset & Wealth Management. Die richtigen Schritte betreffen etwa Sparmaßnahmen. Bis 2016 will er jährlich rund 150 Millionen Euro bei der Verwaltung einsparen.

Nicht nur die Börsianer, auch andere Investoren setzen auf die Kraft der Zahlenmenschen. Reiner Winkler steht seit anderthalb Jahren an der Spitze des börsennotierten Triebwerkeherstellers MTU. Der 54-Jährige ist ein zurückhaltender Gesprächspartner. Fragen beantwortet er immer nur mit der gerade nötigen Anzahl von Wörtern. Kein großer Charismatiker, kein Schwätzer. So war eine seiner ersten Amtshandlungen als MTU-Chef, den von seinem Vorgänger versprochenen Sechs-Milliarden-Euro-Umsatz bis zum Jahr 2020 zurückzunehmen. Winkler wollte nichts versprechen, was er nicht halten kann. Der Triebwerkehersteller steht unter großem Druck: Lange Entwicklungszeiten und die Konkurrenz aus China drücken auf die Gewinne. Allein mit technischen Innovationen kann keiner der Hersteller mehr überleben. So fiel nach dem unerwarteten Abtritt seines Vorgängers die Wahl schnell auf Winkler; ein Diplom-Kaufmann folgte auf einen Luft- und Raumfahrtingenieur.

Sechs Tipps für Jobsucher

Die Neubesetzung passt zur Neuausrichtung des Unternehmens. Seitdem die ehemalige Daimler-Tochter MTU an den Finanzinvestor KKR verkauft wurde, hat sich der Fokus immer mehr von den technischen Innovationen auf das Ergebnis verlegt. Und auf die Frage: Verdienen wir damit auch Geld? „Im Moment ist in unserer Branche wenig Raum für Visionäres“, sagt Winkler. Die Märkte wird es freuen – schließlich ist ihnen eine ordentliche Marge wichtiger als die Entwicklung eines hoch technologisierten Bauteils.

Beispiele, die zeigen, wie sehr die Kapitalmärkte Einfluss auf Unternehmensentscheidungen nehmen. Das wissen auch Deutschlands Aufsichtsräte und berufen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten besonders oft den Finanzvorstand an die Spitze.

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