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Architekturkritik Wie unförmige Bauten Städte entstellen

Der Wettbewerb der Spektakelbauten nimmt immer groteskere Züge an. Höchste Zeit zur Rückbesinnung auf das Ensemble. Eine lebenswerte Stadt entsteht nicht durch solitäre Riesenplastiken.

Musée des Confluences in Lyon Quelle: Creative Commons - Bahnfisch

Wer vor drei Jahren die Schnellstraße durch Lyon Richtung Süden nahm, kam an einer Baustelle vorbei, die einem Trümmerfeld glich: wild durcheinander gewirbelte, dramatisch ineinander verkeilte Stahlträger, als habe hier soeben ein Tornado gewütet. Nähert man sich heute aus umgekehrter Richtung der französischen Metropole, reckt sich einem schon von Weitem ein furchteinflößendes Metallmonster entgegen, ein futuristisches Großinsekt, das den Trümmern entstiegen ist, um sich wie in einem Horrorstreifen der B-Klasse über die Landzunge am Zusammenfluss von Rhône und Saône herzumachen – das Musée des Confluences, ein Wissenschaftsmuseum mit den Schwerpunkten Technik und Natur, in einem Monat wird es eröffnet. Der mächtig ausgreifende Koloss, der erkennbar schwer an seinen Ambitionen trägt, ist das jüngste Mahnmal städteplanerischen Ehrgeizes. An der Spitze einer ehemaligen Industriebrache südlich der City erhält Lyon ein neues Entrée, ein skulpturales Supersymbol, umtost von Verkehr, das den Nicht-Ort zum Kult-Ort promovieren soll: Architektur von Coop Himmelb(l)au, typisch dröhnendes Stahl-Glas-Spektakel im Dienst des City-Branding.

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Tokyo Sky Tree Quelle: dpa

Feingeister mögen von Entertainment-Architektur sprechen, von gebauter Reklame. Doch die Strategie hat sich bewährt, spätestens seit Frank O. Gehry Mitte der Neunzigerjahre im nordspanischen Bilbao die Architektur zum Tanzen gebracht hat. Mit den schwingenden Formen des Guggenheim-Museums bewies der kanadische Baumeister, dass moderne Architektur ein glänzendes Marketinginstrument ist. Die ehedem kunstferne Provinzkapitale mit darniederliegender Schwerindustrie wurde zu einem Wallfahrtsort des Architekturtourismus – und Gehry, der Großmeister des biomorphen Bauens, zum Pionier eines Städtewettbewerbs um Aufmerksamkeit.

Stadtpolitik als Bildpolitik

Der sprichwörtlich gewordene „Bilbao-Effekt“ prämiert seither eine Bauproduktion, die auf demonstrativ verblüffende, unverwechselbare, überwältigende Wirkungen abzielt: wackelnde Wände, schiefe Ebenen, spektakuläre Karambolagen als architektonische „special effects“. Der Stadtplaner Georg Franck spricht vom „Funktionalismus der Auffälligkeit“. Eine Architektur, die im Dienst der Werbung steht, wird zum „Medium der Massenattraktivität“, muss „nicht nur Geld, sondern Aufsehen verdienen“. Ihre Aufgabe besteht darin, einprägsame Logos zu schaffen, die als Wunschbilder städtischer Identität fungieren: „Seht her, so bin ich!“

Längst gehört es zur Planungspraxis der Städte, im Schulterschluss mit „Star“-Baumeistern Architektur als unverwechselbare Marke einzusetzen, als visuelle Visitenkarte. Der „fotografische Blick“, resümiert die Stadtsoziologin Martina Löw, ist „zum dominanten Blick in der Stadtwahrnehmung geworden, für Investoren wie für Touristen“. Stadtpolitik sei heute „Bildpolitik“, weil der Tourismus sich durch die Allgegenwart der Bilder in Reisemagazinen und Prospekten verändert habe. Anders als früher bereisen Besucher heute Städte nicht mehr, um vor Ort ihre Attraktionen im Original zu bestaunen, sondern um sich das fotografisch und filmisch längst Bestaunte vor Ort und im Original bestätigen zu lassen. Jeder Tourist hat lange vor seiner Reise nach Bilbao das zu erlebende Gehry-Image der Stadt im Kopf – und reist nach Bilbao, um dessen Gültigkeit einzufangen.

Kein Wunder, dass selbst altehrwürdige Metropolen an ihrem Image bauen. In Paris ist soeben das Museum der Fondation Louis Vuitton eröffnet worden. Mitten im Bois de Boulogne spreizt sich der neueste Gehry-Bau mit seinen monumentalen Glasflügeln auf, als gehe es darum, aller Welt zu beweisen, dass Paris immer noch ewig junge, sprühende Avantgarde sei (und der Bauherr, LVMH-Chef Bernard Arnault, sich als Erbe der Monarchen verstehen dürfe).

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