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Gegen FachkräftemangelWarum die Regierung in London den Stopp eines Vier-Tage-Woche-Versuchs verlangt

Die Regierung in der Downing Street hat einen neuen Gegner ausgemacht: eine Kommunalverwaltung, die testweise auf die Vier-Tage-Woche umgestellt hat. Was steckt dahinter?Sascha Zastiral 05.07.2023 - 12:29 Uhr

Großbritanniens Premier Rishi Sunak will mit seinem Kampf gegen die Vier-Tage-Woche punkten

Foto: imago images

Geht es um Arbeit, polarisiert scheinbar kein anderes Thema in Deutschland so sehr wie die Vier-Tage-Woche. Jede Äußerung zu dem Thema in den sozialen Medien ruft sofort unzählige erbitterte Gegner des Konzepts auf den Plan, die sich wütend Luft machen. In Großbritannien, wo in Sachen Arbeit schon länger flexibel gedacht wird, werden Ideen wie die Vier-Tage-Woche entspannter aufgenommen. So wurde in dem Land im vergangenen Jahr die bislang größte Pilotstudie ihrer Art zur Vier-Tage-Woche durchgeführt. Und sowohl die Studie selbst als auch ihre (Spoiler: überwältigend positiven) Ergebnisse wurden in Ruhe aufgenommen. Warnung vor dem moralischen Niedergang des westlichen Abendlandes blieben weitgehend aus.

Für umso mehr Überraschung sorgt derzeit ein Vorstoß der Regierung in London: Denn die verlangt nun von der bislang einzigen Kommunalverwaltung im Land, die einen Versuch mit der Vier-Tage-Woche gestartet hat, diesen umgehen zu beenden. Lee Rowley, parlamentarischer Staatssekretär für Lokalverwaltung, forderte vor wenigen Tagen die Führung des Bezirks South Cambridgeshire in einem Schreiben dazu auf, ihr „Experiment unverzüglich einzustellen“. „Wie Sie sicher wissen, wird von allen Kommunen erwartet, dass sie sicherstellen, dass begrenzte und kostbare Steuergelder in einer Weise verwendet werden, die ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis liefern.“ Das sei nicht gewährleistet, wenn die Mitarbeiter einer Lokalverwaltung „für einen zusätzlichen Arbeitstag bezahlt werden, der nicht geleistet wird“, schrieb Rowley. Während es privatwirtschaftliche Unternehmen freistehe, auf eigene Rechnung mit der Vier-Tage-Woche zu experimentieren, „sollten Kommunalverwaltungen nicht dasselbe tun.“ Das zuständige Ministerium werde in Kürze diesbezügliche Richtlinien veröffentlichen, fügte er hinzu.

Bei den Adressaten stieß der unerwartete Vorstoß auf Unverständnis. Bridget Smith, die Leiterin des Bezirksrates, der von den Liberaldemokraten angeführt wird, erklärte dazu auf Anfrage, sie sei über Rowleys Brief „überrascht“ gewesen und habe um ein Treffen mit Regierungsvertretern gebeten. Der Versuch mit der Vier-Tage-Woche laufe bestens: „Das ist nur ein Versuch, aber wir sehen schon jetzt starke, unabhängig bewertete Belege dafür, dass die Leistung in den ersten drei Monaten erhalten geblieben ist und sich in einigen Fällen sogar verbessert hat.“ Zu Beginn der Studie habe die Kommunalverwaltung noch zwei Millionen Pfund im Jahr für Zeitarbeiter ausgegeben, fügte Smith hinzu. „In den ersten drei Monaten haben wir vier unbefristete Stellen besetzt, die zuvor nicht zu besetzen waren. Dadurch haben sich unsere jährlichen Kosten um 300.000 Pfund verringert.“ Der Versuch mit der Vier-Tage-Woche habe bei der Besetzung offener Stellen geholfen, und das „sowohl im Hinblick auf die Qualität und Anzahl der Bewerber als auch auf den daraus resultierenden Erfolg bei der Besetzung freier Stellen.“

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Der Vorstoß der Regierung sorgte auch andernorts für Befremden. Jolyon Maugham, Direktor der Notprofit-Organisation Good Law Project, bezeichnete die rechtliche Begründung des Staatssekretärs gegenüber dem Guardian als „Barstuhl-Juristerei par excellance“: „Falls Lee Rowley wirklich die Qualität der vom Steuerzahler finanzierten Arbeit verbessern möchte, würde ich vorschlagen, dass er in Zukunft vernünftige rechtliche Beratung einholt, bevor er sich zur Rechtslage äußert.“ Sollte die Regierung rechtlich gegen die Kommunalregierung vorgehen und gewinnen, „esse ich meine Perücke“, fügte er hinzu.

Das Vorgehen der Regierung kommt auch deswegen überraschend, weil die große Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche in Großbritannien im vergangenen Jahr eindeutig positive Ergebnisse hervorgebracht hat. Das Thema ist seitdem in den politischen Mainstream gerückt. Die möglichen Vorzüge der Vier-Tage-Woche werden breit und ohne großes Aufsehen diskutiert. Die Idee dahinter: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen in 80 Prozent der Zeit 100 Prozent der anfallenden Arbeit erledigen – und das bei vollem Lohn. Damit das gelingt, sollen die Unternehmen ihre Abläufe verbessern und so für mehr Effizienz sorgen. So sollen beispielsweise zeitaufwendige Treffen und Videokonferenzen wegfallen und durch Emails ersetzt werden. Im Gegenzug sollen sich sowohl das Wohlbefinden als auch die Motivation der Beschäftigten verbessern. Im günstigsten Fall soll auf diese Weise die Produktivität eines Unternehmens sogar noch steigen, obwohl weniger gearbeitet wird. Zu dem befürchteten Schlendrian, vor dem die Gegner des Verfahrens warnen, soll es auf diese Weise nicht kommen.



Die Ergebnisse der britischen Studie deuten darauf hin, dass das durchaus funktionieren kann. Daran teilgenommen haben 61 Unternehmen mit beinahe 3000 Beschäftigten. Die Organisationen 4 Day Week Global und Autonomy haben den sechsmonatigen Pilotversuch durchgeführt. Forscher vom Boston College und den Universitäten Oxford und Cambridge habe ihn wissenschaftlich begleitet. Nach dem Ende des sechsmonatigen Versuchs haben 56 der teilnehmenden 61 Unternehmen der Versuch verlängert. 18 von ihnen haben die Vier-Tage-Woche bereits dauerhaft übernommen. Von den Befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erklärten 39 Prozent, dass sie weniger gestresst seien, 40 Prozent gaben an, dass sie besser schlafen könnten. 54 Prozent erklärten, dass es ihnen einfacher falle, berufliche und private Verpflichtungen zu koordinieren.

Zugleich ging die die Zahl der Krankheitstage in den teilnehmenden Unternehmen um zwei Drittel zurück. 57 Prozent von ihnen erlebte zudem weniger Kündigungen. Ein Großteil der Unternehmen zeigte sich lauf Umfrage mit der Produktivität zufrieden. Bei runde einem Drittel von ihnen stiegen währende der Studie die Umsätze sogar. Juliet Schor, Professorin für Soziologie am Boston College und Forschungsleiterin der Studie, sagte: „Die Ergebnisse sind an Arbeitsplätzen unterschiedlicher Größe weitgehend konstant, was zeigt, dass es sich um eine Innovation handelt, die für viele Arten von Unternehmen funktioniert.“

Lesen Sie hier die ausführlichen Ergebnisse zur Vier-Tage-Woche-Studie: Sind 80 Prozent die neuen 100?

Aveek Bhattacharya, Forschungsdirektor beim Thinktank Social Market Foundation, warnte jedoch davor, angesichts der positiven Ergebnisse der Pilotstudie umgehend darauf zu schließen, dass die Vier-Tage-Woche in allen Gegebenheiten ein voller Erfolg werde müsse. In einem Gastbeitrag in der Financial Times schrieb er, dass nur eine vergleichsweise kleine Zahl an Firmen an der Studie teilgenommen habe, und dass diese Firmen auch von sich aus Interesse an der Studie angemeldet hätten. Die meisten Beschäftigten dieser Firmen arbeiteten zudem in Bürojobs. Elf von ihnen seien Notprofit-Organisationen gewesen. „Die Daten zum Wohlbefinden der Arbeitnehmer deuten auf ein echtes Transformationspotenzial hin, sind jedoch nicht aussagekräftig genug, um aus diesem Hinweis ein Versprechen zu machen“, schrieb Bhattacharya. Die Finanzdaten deuteten darauf hin, dass einige Unternehmen offenbar in der Lage gewesen seien, ihre Produktivität zu steigern. „Aber der Verdacht bleibt bestehen, dass der Rest von uns Kompromisse eingehen muss zwischen einem Rückgang bei den Einkommen oder bei der Produktivität.“

Das Konzept der Vier-Tage-Woche stößt unterdessen in immer mehr Ländern auf Interesse. In Belgien haben Arbeitnehmer seit dem vergangenen Jahr sogar ein Recht darauf, ihre wöchentliche Arbeit bei voller Entlohnung in vier Tagen zu erledigen – wenn sie die gleiche Arbeitsleistung erbringen. Weitere Versuche in den USA, Irland, Kanada, Australien und Neuseeland sind geplant. In Großbritannien wollen die Landesregierungen von Schottland und Wales Versuche mit der Vier-Tage-Woche starten. In Japan, wo es ein eigenes Wort für „Tod durch Überarbeitung“ gibt – Karoshi –, schicken einige Unternehmen ihre Angestellten seit 2019 in dreitägige Wochenenden.

Bleibt die Frage, was die Regierung im ansonsten in wirtschaftlichen Dingen so aufgeschlossenen Großbritannien dazu antreibt, gegen eine Kommunalverwaltung vorzugehen, die ebenfalls mit einer kürzeren Arbeitswoche experimentiert. Ein Blick auf die übrige Agenda von Premier Rishi Sunak gibt Hinweise darauf: Seine Regierung versucht derzeit offenbar, angesichts anhaltend katastrophaler Umfragewerte so viele rechtslastige Themen wie möglich zu besetzen. Einwanderung, innere Sicherheit, „Wokeness“: Teile der regierenden Tory-Partei erinnern immer mehr an Trump-nahe Republikaner in den USA. Der Vorstoß gegen eine Bezirksverwaltung, deren Angestellte nur an vier Tagen in der Woche arbeiten müssen, passt da bestens ins Schema.

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