Gesundheit: „Viele waren vorher noch nie beim Psychologen“
Immer mehr Depressionen und Angststörungen werden diagnostiziert.
Foto: picture alliance / dpaJeglicher Antrieb fehlt. Alles wird zu viel. Einfache Tätigkeiten, wie etwa das Ausräumen einer Spülmaschine, werden zu einer großen Herausforderung. In Deutschland leiden immer mehr Menschen an Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Fast ein Drittel der Deutschen ist jährlich davon betroffen, die Zahl der Fehltage aus diesen Gründen nimmt zu.
Eine Therapie kann helfen - wenn die Betroffenen denn einen Platz bekommen. Auf einen Termin bei einer Psychologin oder einem Psychologen aber müssen viele monatelang warten. Währenddessen schreiten die Angststörungen oder Depressionen weiter fort.
Kapital durch TV-Show
Online-Anbieter wie „Instahelp“ oder „pinga“ versprechen schnelle Hilfe. Die Anbieter werben meist damit, innerhalb von 24 Stunden einen therapeutischen Erstkontakt herzustellen. Die Klienten dürfen in der Regel zwischen einer Beratung via Textnachricht oder einem Videogespräch wählen. Können Online-Anbieter eine Alternative sein?
Einen Vorteil nennt Bernadette Frech, CEO von Instahelp: „Bei Online-Beratungen ist die Hemmschwelle viel niedriger. Viele unserer Klienten waren vorher noch nie beim Psychologen.“ Die Österreicherin hat Instahelp in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Das nötige Kapital besorgte sie sich vor allem über eine Präsentation in der österreichischen Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“, einem Pendant zur „Höhle der Löwen“. Frech sicherte sich durch ihren Auftritt sogar drei Millionen.
Über 10.000 Beratungen im Monat
Inzwischen zählt Instahelp zu den Marktführern in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ist zudem in Frankreich und dem Vereinigten Königreich vertreten. Zum Team gehören über 300 Psychologinnen und Psychologen, die im Monat mehr als 10.000 Beratungen durchführen. Auch knapp 200 Unternehmen buchen das „Mental Health“-Angebot für ihre Beschäftigten, darunter Mercedes Benz Österreich, die Beratung PwC sowie Austrian Airlines. Das Gros der Klienten sei zwischen 30 und 50 Jahren alt, sagt CEO Frech.
Mittlerweile habe ihr Unternehmen auch die Gewinnschwelle erreicht.
Eine Beratungseinheit bei Instahelp kostet 79 Euro. Oft müssen die Klienten die Kosten selbst übernehmen. Denn die deutschen Krankenkassen zahlen in der Regel nicht. Einige private Versicherungen übernehmen allerdings die Kosten. In Österreich soll ab dem 1. Januar 2025 ein Zuschuss durch die gesetzlichen Kassen möglich sein.
Branchenexperten sehen in den Online-Diensten durchaus eine gute Alternative. Allerdings könne es bei reinen Text-Chats leicht zu Missverständnissen kommen. Für komplexere Themen seien eher Videogespräche geeignet. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen hat schon vor Jahren das Gütesiegel „Beratung durch PsychologInnen“ eingeführt. Zuvor, so heißt es, hätten sich auch viele Heilpraktiker und Krankenschwestern zum Online-Coaching berufen gesehen. Eine genaue Prüfung des Anbieters sei in jedem Fall empfehlenswert.