Riedls Dax-Radar: Erst Rückschlag, dann Chance auf Sommer-Rally
Mit deutlichen Kursaufschlägen setzen die weltweiten Börsen ihre Erholung fort. An der Spitze stehen mit zweistelligen Prozentgewinnen amerikanische Hochtechnologieaktien wie Marvell, Analog Devices, NXP Semiconductors oder Micron Technology, dann Klassiker wie Alphabet, Microsoft oder Meta Platforms.
Selbst der gefallene Engel Tesla kann trotz schwacher Geschäftszahlen wieder Boden gutmachen. So wie die weltweiten Börsen durch den Einbruch der US-Indizes seit Ende Februar nach unten gezogen wurden, läuft unter amerikanischer Führung jetzt die Gegenbewegung.
Doch so dynamisch die Gewinne auch sind, verglichen mit den vorangegangenen Abschlägen haben US-Aktien bisher erst einen Teil der Verluste wieder ausgeglichen. Der S&P-500-Index, der durch seinen umfangreichen Mix aus klassischen und jungen Unternehmen hier das wichtigste Aktienbarometer ist, ging von 6144 Punkten am 19. Februar bis 4983 Punkte am 8. April in die Tiefe. Das waren 1161 Punkte Verlust in 34 Börsentagen. Die seitdem laufende Erholung ist bis 24. April auf 5485 Zähler gekommen, ein Plus von 502 Punkten. Bisher sind also 43 Prozent der Verluste ausgeglichen.
Selbst wenn der S&P noch in den Bereich knapp über 5700 Punkte käme, wären dies etwa zwei Drittel der Verluste und damit nach wie vor nur eine Gegenbewegung auf den vorherrschenden Abwärtsdruck. Trotz der Aufschläge ist die Gesamtlage am US-Aktienmarkt damit weiterhin fragil.
Deutsche Stärke trotz US-Zoll-Eskapaden
Im Dax sieht diese Relation wesentlich besser aus. Durch den jüngsten Anstieg auf über 22.000 Punkte hat der Aktienmarkt hierzulande schon zwei Drittel seiner gesamten Kursverluste, die seit Mitte März entstanden sind, wettgemacht. Auch das ist noch eine Gegenbewegung, spricht aber für die relative Stärke deutscher Aktien.
An der seit Jahresanfang bestehenden Favoritenstellung der deutschen Börsen hat sich also trotz Trumps Zollturbulenzen nichts geändert. Für den weiteren Jahresverlauf ist das ein gutes Signal. Wie substanziell diese Stärke untermauert ist, zeigt gerade SAP, mit 285 Milliarden Euro Marktkapitalisierung der wichtigste Dax-Wert. Nach einem deutlichen Anstieg des Nettogewinns auf 1,8 Milliarden Euro im ersten Quartal und hohen zweistelligen Margen steuert der Walldorfer Softwarekonzern in diesem Jahr auf rund sieben Milliarden Euro Gewinn zu. Da die USA für SAP der wichtigste Markt sind, würde ein schwacher Dollar dieses Ziel zwar schwierig machen; im Endeffekt sollte SAP 2025 aber auch dann ein Rekordergebnis erzielen.
Der Kursrückgang der SAP-Aktie, der sich wie bei den amerikanischen Hightech-Werten seit Mitte Februar vollzog, hat also nichts mit einer operativen Schwäche zu tun. Dahinter steckt vor allem der Abbau der zwischenzeitlich erreichten hohen Bewertung. Sollte sich dieser Prozess in den nächsten Monaten noch fortsetzen, könnte die Aktie durchaus noch in den Kursbereich um 200 Euro abdriften.
Allianz und Deutsche Börse AG Dauerfavoriten, Rheinmetall bei Rücksetzern
Auch die anderen Favoriten im Dax laufen gut: Die Allianz, Münchener Rück, Hannover Rück und Deutsche Börse sind schon wieder auf Höchstkurs; Deutsche Bank und Commerzbank haben ihre Verluste fast ausgeglichen, mit Infineon dürfte im internationalen Vergleich eine der günstigsten Chipaktien schrittweise Boden finden. Und selbst die Fahrzeugaktien – zwar keine Favoriten, aber wichtig für den Verlauf des Dax – signalisieren durch Aufschläge eine mögliche Bodenbildung auf tiefem Niveau.
Eine spezielle Entwicklung zeichnet sich bei Rheinmetall ab. Im Zuge der Verhandlungen über eine mögliche Beendigung des Ukrainekriegs sind nach den amerikanischen nun auch die europäischen Rüstungsaktien in eine Konsolidierung übergegangen. Nach einer Kursverdreifachung allein seit Herbst ist ähnlich wie von April bis November 2024 nun eine mehrmonatige Kurspause realistisch.
Sollte es hier zu vorübergehenden Rücksetzern bis in Richtung 1000 Euro kommen, könnten das Gelegenheiten zum Nachfassen werden. Der enorme Auftragsbestand von 55 Milliarden Euro und die anstehenden hohen Investitionen in die Wiederaufrüstung stützen den langfristigen Wachstumstrend der Aktie.
Fazit für den Dax: Die erratische Zollpolitik von Trump, die Schwäche des Dollars und die wieder vagen Aussichten der Konjunktur hierzulande steckt der deutsche Aktienmarkt bisher gut weg. Im Gegensatz zu den US-Indizes hält sich der Dax deutlich oberhalb der Durchschnittslinie der vergangenen 200 Börsentage, er behauptet damit seinen mittel- bis langfristigen Trend. Kurzfristig wäre es gut, wenn der Dax bei einem nochmaligen Rücksetzer etwa zwischen 20.500 bis 21.000 Punkten wieder Tritt fasst und dann von da aus bis in den Sommer hinein seine alten Höhen noch einmal ansteuert.
Zu einem solchen positiven Szenario würde im amerikanischen S&P der Wiederanstieg in die Zone 5600 bis 5800 passen. Das Umfeld dafür könnten Fortschritte im Zollkonflikt zwischen den USA und China sein, die den Druck vom Dollar und vom US-Anleihemarkt nähmen, und eine mögliche Beendigung des Ukrainekriegs.
Ein Warnsignal indes wäre es, wenn der S&P bei seiner Erholung zwischen 5600 und 5700 ins Stocken geriete. Dann könnte es nicht nur noch einmal einen Tiefentest bis unter 5000 Punkte geben; dann dürfte auch die Gefahr eines längeren Bärenmarkts wachsen. Im Dax könnte es dann zu einem Test der Trends von 2022 oder sogar von 2020 kommen, die im Sommer bei 20.000 beziehungsweise 18.000 Punkten verlaufen werden.
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