Börse: Dax rutscht ins Minus: Warum Anleger den Zolldeal nun doch abstrafen
Die Gefahr eines zermürbenden Handelskriegs mit immer neuen Zollandrohungen ist also vom Tisch. US-Präsident Donald Trump und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben sich am Sonntag nach wochenlangen Verhandlungen auf ein Abkommen zwischen den beiden Wirtschaftsmächten geeinigt.
Im Kern steht nun Folgendes fest: Für die meisten EU-Importe gilt fortan ein Zoll von 15 Prozent. Zuvor hatte ein Basiszoll von 30 Prozent im Raum gestanden. Außerdem sieht dieser Deal auch 15 Prozent etwa für die Autobranche vor, für die derzeit ein Zoll von 27,5 Prozent galt.
In Wirtschaftskreisen blickt man zweigeteilt auf die neuen Zölle. „Europas Exporte verlieren an Wettbewerbsfähigkeit“, meint zum Beispiel Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Chemieverbands VCI. Aber er sagt auch: „Wer mit einem Hurrikan rechnet, ist für ein Unwetter dankbar.“ Es herrscht endlich Klarheit – und das dürfte viele Marktteilnehmer aufatmen lassen.
Laut John Plassard, Leiter der Anlagestrategie bei Cité Gestion, verschwindet mit dem Deal ein „großer makroökonomischer Unsicherheitsfaktor“. Investoren brauchen sich nun nicht mehr darum zu sorgen, dass eine neue Zollandrohung Trumps die Aktienkurse erneut einbrechen lässt. „Für Anleger ist das nicht nur ein Seufzer der Erleichterung, sondern grünes Licht“, so Plassard.
Dax-Gewinne waren nur von kurzer Dauer
Zunächst hatten Anleger auf den Zolldeal auch mit Käufen reagiert. Europas Aktienindizes verzeichneten zum Handelsstart deutliche Gewinne. Der Dax startete mit einem Plus von gut einem Prozent. Doch am Mittag drehte sich die Stimmung an der Börse: Der Dax verlor im Tagesverlauf etwa 0,3 Prozent. In den USA starteten die Börsen mit leichten Gewinnen.
Unter Euro-Anlegern setze sich mehr und mehr die Meinung durch, dass der Deal das Hin und Her im Zollstreit zwar beenden, den Wirtschaftsstandort Europa und seinen Unternehmen aber viel kosten dürfte. „Das Positivste an dem Deal ist sicherlich, dass die in der EU ansässigen Unternehmen jetzt endlich wieder Planungssicherheit haben“, sagte etwa Thomas Altmann, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter QC Partners. „Es sollte aber auch berücksichtigt werden, dass der durchschnittliche Zoll auf deutsche Produkte vor dem Beginn der zweiten Trump-Ära bei nur gut einem Prozent lag.“
„Aus sektoraler Sicht gehören die europäischen Automobilhersteller zu den großen Gewinnern, da der 15-prozentige Zoll auch für Autoimporte in die USA gilt“, sagt Michael Brown, Senior Research Strategist bei Pepperstone. Die Hoffnung auf einen Deal hatte bereits in der vergangenen Woche die Kurse der Autobauer getrieben. Auch Autowerte wurden nach anfänglichen Kursgewinnen von Anlegern abgestraft. Am Mittag gehörten sie zu den großen Verlierern im Dax, vor allem wegen schlechter Unternehmensnachrichten. Der Gewinn der Volkswagen-Tochter Audi brach im ersten Halbjahr um mehr als ein Drittel ein. Außerdem hat China am Sonntag eine neue Luxussteuer eingeführt, die sich negativ auf die Geschäfte von Premiumherstellern wie Mercedes-Benz auswirken könnten.
Zu den Profiteuren im Dax zählen derweil Pharmakonzerne. Im Laufe des Handelstages gaben aber auch Sartorius und Merck Teilgewinne ab – wohl, weil Anleger verwirrt sind, wem sie nun glauben sollen. Laut EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gilt der Zoll von 15 Prozent auch für die Pharmabranche. Trump hingegen kündigte an, für die Branche bald neue Zölle einführen zu wollen.
Die Frage ist also: Wie nachhaltig sind die Entwicklungen an der Börse gerade? Manche Börsenbeobachter schlagen skeptische Töne an. „Der Teufel steckt im Detail, und es wird nicht alles gut für Europa sein, und es wird nicht alles gut für die USA sein“, meint etwa Neil Birrell, Investmentchef bei Premier Miton Investor mit Blick auf den Zolldeal.
Joachim Klement, Stratege bei Panmure Liberum, warnt zum Beispiel davor, dass die höheren Zölle die Preise für importierte Waren in den USA steigen lassen und die Inflation wieder anheizen könnten. Der Spielraum für die US-Notenbank Fed, die Zinsen zu senken und der Wirtschaft damit Wachstumsimpulse zu geben, würde kleiner.
Auch die Folgen des Zollabkommens für Europa sind bislang nicht klar. Mahmood Pradhan von Amundi Asset Management sagt dazu: „Langfristig wird dies das Wachstum in Europa gedämpft halten.“