Börsenwoche 465: Editorial: Ausblick für die Aktienmärkte: Die zweite Jahreshälfte wird spannend

Das Börsenjahr startet stark. Besonders bei Technologiewerten und japanischen Aktien kam Begeisterung auf. Der Nasdaq 100 ist seit Jahresanfang 18 Prozent im Plus, Japans Leitindex Nikkei kommt auf 19 Prozent. Der US-Index S&P 500 steht 16 Prozent höher, der Dax kommt immerhin auf 9 Prozent Zuwachs. In vielen Ländern reiht sich an den Börsen ein neues Allzeithoch an das nächste.
Der Rest des Jahres könnte aber schwieriger werden. Vor allem die US-Wahlen bringen viel Unsicherheit mit sich. Am 5. November wird gewählt. Die Stimmberechtigten in der größten Volkswirtschaft der Welt werden sich zwischen den Kandidaten Joe Biden und Donald Trump entscheiden müssen.
Schon auf politischer Ebene birgt das viel Sprengstoff. Trumps letzte Präsidentschaft endete mit dem Sturm auf das Kapitol. Egal, wer diesmal gewinnt: Danach könnten unruhige Zeiten anbrechen, viele Amerikaner dürften ihren Unmut über das Ergebnis nach außen tragen.
Die Börse interessiert sich oft weniger für Politik, als man denken würde. Immerhin erreichte auch der Dax in diesem Jahr neue Rekordhöhen, obwohl einige der Ampel-Koalition in Wirtschaftsfragen ein desaströses Zeugnis ausstellen. Irgendwann wird es aber auch den Aktienmärkten zu wild und sie reagieren auf politische Unsicherheit mit Kursrücksetzern. Oder zumindest mit starken Schwankungen. Die Pariser Börse war nicht begeistert von der Aussicht auf Neuwahlen.
Weltweit sind Anleger auf die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft angewiesen. Die USA sind der Wachstumsmotor und dominieren mit ihren Technologieriesen. Außerdem entscheidet das amerikanische Zinsumfeld über Wechselkurse und Finanzströme.
Ein weiterer Punkt wird aber häufig übersehen. Auch die Steuerpolitik könnte sich nach den US-Wahlen deutlich verändern. Biden steht höheren Steuern offen gegenüber. Trump hatte die Unternehmenssteuer von 35 auf 21 Prozent kräftig gesenkt. Biden will diese nun wieder auf 28 Prozent erhöhen, dagegen kann sich Trump sogar eine weitere kleine Senkung auf 20 Prozent vorstellen.
Für Anleger steht viel auf dem Spiel. Wenn sich die Unternehmenssteuern erhöhen, werden zwangsläufig die Gewinne der Unternehmen kleiner ausfallen. Das macht Aktien weniger wertvoll.
Mittelfristig sieht die Lage anders aus. Das Land muss dringend seine Staatsschulden in den Griff bekommen – und ein Weg wären höhere Steuern. Die Verschuldung beträgt bereits 122 Prozent der Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Seit der Finanzkrise hat sich dieser Wert verdoppelt. Außerdem sind die Steuern in den USA historisch gesehen sehr niedrig. Noch in den 1950er-Jahren lag der Satz der Unternehmenssteuer bei über 50 Prozent. Firmen wurden nach und nach immer weiter entlastet.
Auch Warren Buffett sieht die Situation ähnlich und hat auf der diesjährigen Hauptversammlung seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway steigende Steuern prognostiziert: „Angesichts der gegenwärtigen Ausgabenpolitik muss sich etwas bewegen. Und ich denke, dass höhere Steuern sehr wahrscheinlich sind“. Ob politische Verwerfungen oder Steuerhammer – es könnte ein heißer Herbst werden.
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