Börsenwoche 484: Editorial: Niederländer machen’s besser
Die Skyline von Amsterdam.
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Wenn Sie an florierende Börsenlandschaften denken, kommt Ihnen vermutlich nicht direkt die Niederlande in den Sinn. Völlig zu Unrecht! Zum einen hat die niederländische Börse eine lange Tradition – sogar die längste der Welt. 1602 wurde in Amsterdam die erste Börse überhaupt gegründet, um dort die Papiere der Niederländischen Ostindien-Kompanie zu handeln.
Aber auch in letzter Zeit haben die Niederlande Anlegern einiges zu bieten. Über die vergangenen zwanzig Jahre liefen niederländische Aktien, gemessen am MSCI-Index für die Niederlande, die meiste Zeit sogar besser als amerikanische Werte (siehe Grafik). Und das, obwohl der US-Markt enorm von den starken Tech-Werten profitierte und so etwa den gesamteuropäischen Markt weit hinter sich gelassen hat.
Weniger eindeutig ist der Vergleich, wenn anstelle des MSCI-Index der Leitindex der Niederlande herangezogen wird. Der AEX 25 lief in der Vergangenheit nicht so gut, wie der amerikanische S&P 500, aber immer noch viel besser als der Euro Stoxx 50. Wirklich aussagekräftig ist der AEX 25 aber nicht. Er besteht zu fast einem Drittel aus dem Konsumgüterhersteller Unilever und dem Ölkonzern Shell. Beide Unternehmen haben niederländische Wurzeln, sind aber heute in Großbritannien angesiedelt.
Der niederländische Aktienmarkt wird gezogen von einem anderen Börsenschwergewicht: dem Halbleiterzulieferer ASML. Dieser ist selbst nach seinem empfindlichen Kursrückgang in den letzten Monaten noch gut 250 Milliarden Euro wert. Seine komplexen Lithografiesysteme sind einmalig auf der Welt, und gleichzeitig unverzichtbar für die Herstellung moderner Chips. Der Konzern hat seinen Sitz in Eindhoven und gehörte früher zu Philips.
Sein Monopol bringt hohe Gewinne und über die Jahre Renditen, wie man sie vor allem von den US-Techriesen kennt.
Mit ASML endet die Liste attraktiver Unternehmen aber nicht. Das kleine Land hat mit der ING eine viel wertvollere Bank als Deutschland zu bieten. An der Börse ist die ING aktuell gut 48 Milliarden Euro wert, die Deutsche Bank nur 31 Milliarden und die Commerzbank trotz beflügelnder Übernahmefantasie seit dem Einstieg der italienischen Bank Unicredit gerade einmal 19 Milliarden.
Außerdem bietet die Amsterdamer Börse einen innovativen Zahlungsabwickler. Adyen ist weltweit erfolgreich, gut 43 Milliarden Euro wert und musste für seinen Börsengang nicht einmal nach Amerika, sondern sammelte Kapital an der Euronext Amsterdam ein. Ebay, Uber und Booking.com setzen alle auf die Technologie von Adyen.
Die gesunde niederländische Börse profitiert auch von einer starken Wirtschaft. Spaniens Wirtschaft ist gerade einmal 42 Prozent größer als die der Niederlande, obwohl die Südeuropäer fast dreimal so viele Einwohner haben. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ist in den Niederlanden um ein Fünftel höher als in Deutschland.
Breit auf den Aktienmarkt können Anleger nur mit ETFs setzen, die den Leitindex AEX oder den Nebenwerteindex AMX abbilden. Beides keine ideale Lösung für eine Abdeckung des dortigen Markts. Wer sich aber für einzelne Aktien interessiert, sollte sich einmal umschauen. Die Niederlande haben spannende Aktien zu bieten, heute wie vor 400 Jahren.
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