Dax rutscht weiter ab: Panikstimmung an den Börsen
Der Dax rutscht weiter ab, die Lage an den Märkten bleibt angespannt.
Foto: APImmer mehr Anleger entziehen europäischen Banken das Vertrauen: Nach einer Serie von Hiobsbotschaften rauschten erneut die Finanzwerte in den Keller und rissen Dax und Co. mit in die Tiefe. Auch an der Wall Street in New York war die Stimmung am Donnerstag schlecht. Viele Investoren fürchten, dass die Weltwirtschaft ins Straucheln gerät, sich Kreditausfälle häufen und Banken deshalb Probleme bekommen.
"Es herrscht Panikstimmung an den Börsen", sagte Andreas Paciorek vom Brokerhaus CMC Markets. "Investoren wollen nur noch raus aus Risikopapieren rein in sichere Häfen wie Gold und den japanischen Yen." Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versuchte die Anleger zu beruhigen. Er sorge sich nicht um die Stabilität der Banken, sagte er in Brüssel. "Ich glaube, dass das ein Stück weit auch Marktübertreibungen sind."
Politische Einflussnahme an den Finanzmärkten prägte das Börsenjahr 2015 – und löste Kurskapriolen zu Lasten der Anleger aus. Etwa im Sommer: Mit einer Hinhaltetaktik versuchte die neugewählte griechische Regierung von Alexis Tsipras, ihre Verhandlungsposition gegenüber der EU um neue Hilfskredite zu stärken. Leidtragende waren die Besitzer griechischer Staatsanleihen und die Sparer.
Quelle: Schwarzbuch Börse, Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK)
Foto: dpaAuf dem Höhepunkt der Verwerfungen schlossen die griechischen Banken vorübergehend und der Handel mit griechischen Wertpapieren war bis Anfang August ausgesetzt. Als der Handel wieder erlaubt war, stiegen Staatsanleihen des Krisenstaats auf neue Jahreshochs. Der griechische Aktienmarkt hingegen brach weiter ein und erreichte Ende August den tiefsten Stand seit Mitte 2012.
Foto: dpaDoch nicht nur in Griechenland, auch in China bekamen Börsianer die Kraft staatlicher Einflussnahme zu spüren: So war der Schanghai Index der Aktien aus der ersten Reihe von Mitte 2014 bis Mitte 2015 zunächst um 150 Prozent gestiegen, unter anderem weil Chinas Führung über einen Staatsfonds sehr viel Geld in den Aktienmarkt gepumpt hatte. Die Blase platzte dann jedoch, als die Zentralbank die extrem lockeren Regeln für Wertpapierkredite verschärfte und Sparer darüber hinaus einen Rückzug der staatlichen Stützungskäufe fürchteten.
Foto: REUTERSVon Mitte Juni an verlor der Schanghai-A-Index in nur drei Wochen ein Drittel an Wert. Der Versuch, über staatliche Verordnungen die Börsenkurse zu stabilisieren, schlug zunächst fehl. Es folgte eine zweite Ausverkaufswelle. Peking setzte daraufhin zwischendurch rund zwei Drittel aller Aktien vom Handel aus. „Die mangelnde Transparenz der chinesischen Politik hinsichtlich des wahren Zustands der heimischen Wirtschaft wird im Börsenjahr 2016 zu den größten Unsicherheitsfaktoren zählen“, heißt es im Schwarzbuch.
Foto: dpaAnders als im Vorjahr haben einige einzelne Dax-Werte an der Börse ordentlich Wert vernichtet. So etwa die Versorger. Nach der politisch gewollten Abkehr von der Atomenergie ringen alle großen Energieunternehmen in Deutschland um eine neue Strategie. 2015 hagelte es Rekordverluste, vor allem für Eon und RWE.
Foto: dpaFür die größten Vermögensverluste für Anleger sorgte jedoch Volkswagen mit dem Eingeständnis, die Abgaswerte seiner Dieselmotoren manipuliert zu haben. Am 21. September verlor der Wolfsburger Autokonzern ein Drittel seines Börsenwerts. Der Sippenhaft-Effekt verursachte auch zweistellige Kurseinbrüche bei den anderen Autokonzernen im Dax sowie den zahlreichen Zulieferern in MDax und SDax. Vorstandschef Martin Winterkorn musste seinen Hut nehmen.
Foto: dpaUnd es wird teuer für VW: Analysten beziffern die Gesamtkosten aus drohenden Gerichtsverfahren auf 30 bis 45 Milliarden Euro. „Noch offen ist dabei eine vermutete Schadensersatzpflicht gegenüber Anlegern, da Volkswagen aus Sicht vieler Anwälte und der SdK den Kapitalmarkt möglicherweise zu spät über die Manipulationen informierte“, heißt es im Schwarzbuch.
Foto: dpaMassiver finanzieller Schaden droht auch den Gläubigern der Hypo Alpe Adria. Die Beinahe-Pleite der Kärntner Landesbank während der Finanzkrise ging als größter Finanzskandal Österreichs in die Geschichte ein. Um die drohende Insolvenz abzuwenden, hatte die Regierung in Wien das Finanzinstitut im Dezember 2009 verstaatlicht und 2014 endgültig zerschlagen. Jetzt kämpfen die Gläubiger mit rechtlichen Schritten gegen ihre Enteignung durch fragwürdige gesetzliche Maßnahmen.
Foto: REUTERSAuch im Segment der Mittelstandsanleihen gab es 2015 neue Ausfälle, Beispiel ATU. Obwohl die Rückzahlung einer Anleihe 2014 fällig war, wurde sie ohne Begründung aus den Anlegerdepots ausgebucht. Später erfuhren die Privatanleger dann, dass die ihnen zustehenden Rechte nach englischem Recht ausgehebelt und sie ungefragt um eine Insolvenzquote gebracht wurden.
Foto: dpaWie Aktionären ein Investment madig gemacht werden kann, beschreibt das Schwarzbuch am Fall Celesio: Nachdem eine Abfindung der Streubesitzaktionäre nur auf geringen Anklang stieß, begann der neue Großaktionär, der US-Pharmakonzern McKesson, mit seiner Zermürbungstaktik. Zunächst wurden die IR-Aktivitäten heruntergefahren. Am 11. März 2015 wurde ein Delisting-Beschluss gefasst, seit Oktober ist die Aktie nur noch im Freiverkehr handelbar. Fallen Aktienkurse und Handelsvolumina sind die schlimme Folge für die verbliebenen Privatanleger.
Foto: dpaAn der Frankfurter Börse sackte der Dax bis zu 3,5 Prozent auf unter 8700 Punkte ab, schloss am Ende so niedrig wie zuletzt im Oktober 2014. Der EuroStoxx50 fiel zeitweise sogar um 4,2 Prozent und lag mit 2673 Zählern auf dem tiefsten Stand seit Juli 2013. Zur Eröffnung des US-Handels verloren Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 bis zu 1,5 Prozent.
Ein Ende der Talfahrt sei nicht in Sicht, warnte Aktienhändler Markus Huber vom Brokerhaus City of London. "Es bedarf einer ganzen Menge positiver Nachrichten und Notenbank-Hilfen, um die Stimmung zu drehen." Bei der Schweizer Großbank UBS gingen laut Händlern so viele Verkaufsaufträge ein wie seit fünfeinhalb Jahren nicht.
Mit einem Minus von 6,5 Prozent gehörte die Deutsche Bank zu den größten Verlierern in Europa. Damit hat das Geldhaus, das Ende Januar einen Rekordverlust von fast sieben Milliarden Euro bekanntgegeben hatte, binnen drei Wochen rund 30 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt. Im Sog der Deutschen Bank verbilligten sich Anteilsscheine der Commerzbank um 5,4 Prozent. Mit Enttäuschung reagierten Investoren auch auf die Quartalsergebnisse der französischen Großbank Societe Generale. Die Folge: ein Minus von 15 Prozent.
In Italien schreckte die Nachricht von einem dünner als erwarteten Finanzpolster der Ubi Banca die Anleger auf. An der Züricher Börse waren die Titel der Credit Suisse mit 12,23 Franken so billig wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Parallel stieg der Preis für die Absicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets von Verbindlichkeiten europäischer Banken gegen Zahlungsausfall auf 321.625 Euro. Damit waren diese sogenannten Credit Default Swaps (CDS) so teuer wie zuletzt vor drei Jahren.
Der von einer Serie schwacher Wirtschaftsdaten aus China und den USA befeuerte Konjunkturpessimismus spiegelte sich auch im Ölpreis wider. Die richtungsweisende Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um bis zu 2,5 Prozent auf 30,08 Dollar je Barrel (159 Liter).
Wegen der Kursturbulenzen an den Aktien- und Ölmärkten griffen Investoren verstärkt zum Gold. Das Edelmetall verteuerte sich um bis zu 3,7 Prozent auf 1240,90 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) - der größte Kurssprung seit gut einem Jahr. "Angesichts des schwierigen Konjunkturumfelds wird sich dieser Trend wohl fortsetzen", schrieb James Butterfill, Chef-Analyst des Brokerhauses ETF Securities an seine Kunden. Die Nachfrage nach den ebenfalls als sicher geltenden Bundesanleihen hievten den Bund-Future auf ein Rekordhoch von 166,16 Punkten. Sein US-Pendant, der T-Bond-Future, notierte mit 170-26/32 Zählern ebenfalls so hoch wie nie zuvor.
Am Devisenmarkt rissen sich Investoren um den japanische Yen. Dies drückte den Dollar um zwei Prozent auf ein Eineinhalb-Jahres-Tief von 111,02 Yen. Auch Schweizer Franken und schwedische Krone waren gefragt. Die Stockholmer Zentralbank zog deshalb die Reißleine und senkte den Leitzins überraschend stark auf ein Rekordtief von minus 0,5 Prozent. Damit schürte sie Spekulationen auf Interventionen von Notenbanken zur Stabilisierung der Wechselkurse.