Dax-Unternehmen: Gewinn der Dax-Konzerne schrumpft
Mehr Klasse, weniger Masse
Eine schwache Weltkonjunktur und das Entsetzen nach dem Brexit-Votum setzen Deutschlands Konzernen zu. Hinzu kommt ein starker Euro, der gegenüber dem britischen Pfund und dem chinesischen Renminbi in den vergangenen Monaten zugelegt hat. Das schmälert die Gewinne und Umsätze, wenn deutsche Unternehmen ihre im Ausland erzielten Erträge in Euro umrechnen. Doch die großen Konzerne trotzen den Wirren. Insgesamt steigerten die 30 Dax-Konzerne im ersten Halbjahr ihren operativen Gewinn geringfügig um 38 Millionen Euro auf 65,8 Milliarden Euro. Gleichzeitig sank der Gesamtumsatz um gut zwei Prozent auf 661,5 Milliarden Euro. Also ein ganz klein wenig mehr Klasse und etwas weniger Masse.
Foto: DPAAdidas
„Wir sind in Topform, 2016 wird ein Jahr der Rekorde sein" frohlockte Adidas-Chef Herbert Hainer, der nach mehr als 15 Jahren an der Konzernspitze ausscheidet. In nur sechs Monaten hat Adidas viermal seine Prognose erhöht. Das ist Rekord. Im ersten Halbjahr 2016 stieg der operative Gewinn um fast 60 Prozent auf 904 Millionen Euro. In allen großen Märkten legten die Umsätze zu - in China, Nordamerika und Westeuropa um mehr als 30 Prozent. Noch mehr frohlocken die Aktionäre: Wer vor einem Jahr Adidas-Aktien kaufte, hat seinen Einsatz glatt verdoppelt. Kein Dax-Wert ist so erfolgreich.
Foto: DPADaimler
Auf Auto ist in Deutschland Verlass. Jahrelang fuhr Volkswagen die höchsten Gewinne ein, jetzt ist es Daimler. Unter Konzernchef Dieter Zetsche verdienten die Stuttgarter im abgelaufenen Quartal vor Steuern und Zinsen 3,26 Milliarden Euro. Das ist Spitze.
Foto: DPADeutsche Telekom
Jahrelang stöhnten Aktionäre über schlechte Kurse und maue Gewinne. Doch die lange Krise ist vorbei. Die Deutsche Telekom verdiente im abgelaufenen Halbjahr 6,1 Milliarden Euro vor Steuern und Zinsen. Vor allem das US-Geschäft läuft gut. Wer vor fünf Jahren T-Aktien kaufte, darf sich heute über einen Gewinn von gut 70 Prozent freuen.
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Europas größter Softwarehersteller wächst rasant und die Gewinne explodieren geradezu: SAP verdiente im abgelaufenen Quartal operativ 1,27 Milliarden Euro. Das waren 81 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Adidas folgt mit einem Plus von 77 Prozent knapp dahinter.
Foto: DPADeutsche Bank
Schlechter geht immer. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 leiden die Aktionäre des größten deutschen Bankhauses. Die Aktie kostet nur noch 12,60 Euro. Das sind gut 80 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Im zweiten Quartal 2016 brach das Ergebnis vor Steuern um 67 Prozent auf nur noch 408 Millionen Euro ein. Nicht nur die extrem niedrigen Zinsen setzen der Deutschen Bank zu. Hinzu kommen Rechtsstreitigkeiten und der langwierige Konzernumbau.
Foto: APCommerzbank
Kaum besser geht es dem zweiten großen Bankhaus, der immer noch teilverstaatlichten Commerzbank. Im zweiten Quartal sank der Vorsteuergewinn um 18 Prozent auf nur noch 342 Millionen Euro. Besserung ist angesichts des Niedrigzinsumfeldes kaum in Sicht. Aktionäre wenden sich entnervt ab. In den vergangenen fünf Jahren ist die Aktie um 60 Prozent eingebrochen – so stark wie kein anderer Wert im Dax.
Foto: dpaMitarbeiter
3,8 Millionen Angestellte beschäftigen die 30 Dax-Konzerne. Das sind nach Angaben der Unternehmensberatung EY gut 45.000 mehr als vor einem Jahr. Die meisten Beschäftigten zählt Volkswagen mit 592.000, gefolgt von der Deutschen Post. Beim Logistikriesen arbeiten weltweit 451.000 Mitarbeiter. Erfreulich: Seit Jahren steigen bei den Dax-Konzernen die Beschäftigtenzahlen – und das im In- und Ausland.
Foto: DPADer Dax jagt von einem Hoch zum Nächsten: Auf dem Höhepunkt der deutschen Bilanzsaison kletterte der Leitindex am Donnerstag um 0,9 Prozent auf 10.742,84 Punkte - das war der höchste Stand in diesem Jahr. Experten machten für die Rally nicht nur unerwartet gute Bilanzzahlen wie die vom "Persil"-Hersteller Henkel verantwortlich. Vor allem die Aussicht auf langanhaltend niedrige Leitzinsen lasse Anleger zu Aktien greifen.
Die 30 Dax-Konzerne verdienten im zweiten Quartal 2016 zwar nicht mehr ganz so viel wie im vergangenen Rekordjahr 2015, aber immer noch ordentlich. Rund eine Milliarde Euro strich jeder Dax-Konzern im Schnitt ein – insgesamt summieren sich die Gewinne auf 29,8 Milliarden Euro. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Unternehmensberatung EY zu den jüngsten Finanzberichten. Damit verdienten die Unternehmen der ersten Börsenliga zwar deutlich weniger als im zweiten Quartal 2015. Die erreichten 29,8 Milliarden sind aber immer noch der zweithöchste Wert der vergangenen zehn Jahre.
Auch beim Umsatz legten die Unternehmen ein ordentliches Quartal hin. Er sank nur leicht um gut ein Prozent. EY-Geschäftsführer Meyer stellt den Unternehmen ein gutes Zeugnis aus: „Die Dax-Konzerne haben sich im zweiten Quartal wacker geschlagen – trotz des konjunkturellen Gegenwinds und ungünstiger Wechselkurseffekte.“ Zurückzuführen sei der stabile Geschäftsverlauf vor allem auf die wirtschaftliche Erholung in Europa und die weiterhin gute Marktlage in Nordamerika, so Meyer. In Europa erzielten die Dax-Konzerne demnach zwei Prozent mehr Umsatz.
Starker Euro drückt Umsätze
Gegenwind spüren die hiesigen Unternehmen hingegen durch den seit Jahresbeginn etwas stärkeren Euro. Der Euro legte im zweiten Quartal verglichen mit der Vorjahresperiode gegenüber vielen Währungen zu; etwa gegenüber dem Schweizer Franken, dem chinesischen Renminbi oder dem US-Dollar.
Für die Unternehmen ist das ein Problem. Wertet der Euro gegenüber anderen Währungen auf, sind die im Ausland erzielten Umsätze in Euro gerechnet weniger wert. Ein Beispiel: Angenommen, Daimler verkauft in diesem Jahr genauso viele Autos zum selben Preis in den USA wie im vergangenen; der Umsatz in Dollar bleibt also gleich. Sinkt aber der Wert eines Dollars in Euro („der Euro steigt“), fällt der Umsatz in Euro gerechnet trotzdem. 800 Millionen Euro gingen Daimler dadurch allein im zweiten Quartal durch die Lappen. Im vergangenen Jahr hatten die exportorientierten deutschen Firmen noch vom gegenteiligen Effekt profitiert. Damals notierte der Euro verglichen mit dem Vorjahr deutlich schwächer, die Umsätze wuchsen – auch durch Wechselkurseffekte – deutlich.
Zu spüren bekamen die relative Stärke der heimischen Währung in diesem Jahr aber nicht nur die Autobauer, sondern zum Beispiel auch Kosmetikhersteller Beiersdorf. Ohne Wechselkurseffekte hätte der Hamburger Nivea-Produzent im ersten Halbjahr gut drei Prozent mehr Umsatz erzielt. Rechnet man den negativen Effekt durch den Euro aber mit ein, steht ein hauchdünnes Umsatzminus – wie im gesamten Dax.
Gewinne durch Sondereffekte beeinflusst
Während der Umsatz also in etwa gleich blieb, verzeichneten die Unternehmen deutlich weniger Gewinn. Vor Steuern und Zinsen verdienten die Dax-Konzerne von April bis Juni sieben Prozent weniger als im Vorjahresquartal. Auch das verbuchen die Macher der EY-Auswertung angesichts der schwierigen Bedingungen als Erfolg. „Die Rahmenbedingungen sind zurzeit alles andere als ideal“, sagt Meyer. „Wirtschaftliche und politische Turbulenzen sorgen für Verunsicherung und erschweren die langfristige Planung von Investitionen.“
Dass das Gewinnminus im zweiten Quartal trotzdem verhältnismäßig moderat ausfiel, lag jedoch auch an einigen Sondereffekten, etwa beim Dax-Sorgenkind E.On. Der Düsseldorfer Energiekonzern steigerte sein Betriebsergebnis um 122 Prozent auf 734 Millionen Euro und legte damit den größten Gewinnsprung hin. E.On verbuchte dabei einen außerordentlichen Gewinn, weil Derivate, mit denen sich der Konzern gegen Marktschwankungen absichert, deutlich im Wert stiegen. Ohne diesen Sondereffekt wäre der operative Gewinn zurückgegangen.
Adidas
Der Dax-Konzern hatte seinen Impairment-Test auf den Goodwill auf einer Ebene durchgeführt, die größer war als die im Geschäftsbericht ausgewiesenen Segmentgrenzen.
Das verstößt gegen die Regeln. Zudem wurden nur eingeschränkte Angaben zur Marke Reebok gemacht, die nicht erkennen lassen, dass dort ein operativer Verlust von 160 Millionen Euro anfiel.
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Immaterielle Vermögensgegenstände wurden zu niedrig ausgewiesen. Geschäfts- und Firmenwerte nach Übernahmen wurden Quotal statt vollständig erfasst.
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Beim im SDax notierten Münchner Agrarhändler waren unter anderem Leasinggeschäfte falsch bilanziert. Das führte zu jeweils 90 Millionen Euro zu hoch ausgewiesenen Eigenkapital und Konzernüberschuss.
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Weder im Konzernanhang noch im Konzernlagebericht wurden das Ausmaß von nicht unwahrscheinlichen Ressourcenabflüssen aus Rechtsstreitigkeiten und der Einfluss der Rechtsrisiken auf die Ertrags- und Vermögenslage hinreichend deutlich.
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Der Dortmunder Halbleiterbauer hatte Eigenkapital sowie Goodwill um jeweils 4,8 Millionen Euro überhöht angegeben und fehlerhafte Angaben zu latenten Steuern gemacht.
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Angaben über Leasinggeschäfte waren unvollständig. So fehlte eine Summe von 350 Millionen an künftigen Mindestleasingzahlungen für Ladenflächen und zehn Millionen Euro, die der Brillenfilialist als Leasinggeber zu verbuchen hatte. Zudem waren sonstigen betrieblichen Erträge und der Materialaufwand um jeweils 57,1 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen.
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Im Konzernabschluss zum 31. Dezember 2012 ist der Gewinn vor Steuern um mindestens 10 Millionen Euro zu niedrig und die Restrukturierungsrückstellung
um den entsprechenden Betrag zu hoch ausgewiesen
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In der Konzern-Gewinn- und Verlustrechnung waren Umsatzerlöse und damit das Ergebnis vor Ertragsteuern um 29,9 Millionen zu hoch ausgewiesen. Im Konzernabschluss waren der Geschäftswert und damit in der Gewinn- und Verlustrechnung das Ergebnis vor Ertragsteuern um 72,5 Millionen Euro zu hoch ausgewiesen.
Foto: dpaMaternus-Kliniken
Die Angabe über eine indirekte Mehrheitsbeteiligung des Aufsichtsratsmitglieds Sylvia Wohlers de Meie fehlte. Die Verlängerung eines Darlehens an die insolvente Schwester Ymos über 1,1 Millionen Euro wurde nicht genannt. Die Vergütungsstruktur wurde nur mangelhaft dargestellt und fälschlicherweise behauptet, das Unternehmen entspreche den Empfehlungen zum Corporate Governance Kodex. Wesentliche Angaben zum Impairment Test fehlten ebenso.
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Im Jahresabschluss 2009 fehlte eine Rückstellung über 1,6 Millionen Euro für eine anstehende Begleichung von Schadensersatzansprüchen. Zudem fehlten Angaben, welche wesentlichen Annahmen der Bewertung von Renditeliegenschaften über 596,7 Millionen Euro zugrunde liegen.
Foto: dpa
Den zweitgrößten Satz beim Betriebsgewinn schafften die Softwareentwickler von SAP. Bei den Walldorfern stieg das operative Ergebnis um 80 Prozent auf knapp 1,3 Milliarden Euro. Allerdings half auch hier ein Sondereffekt. Der Konzern hatte im vergangenen Jahr Mitarbeiter entlassen und deswegen im ersten Halbjahr 418 Millionen Euro Restrukturierungskosten verbucht. Dieser Posten fiel in diesem Jahr deutlich kleiner aus. Und da das Kerngeschäft weiter brummte, stieg der Gewinn deutlich an.
Verlierer VW, RWE und Deutsche Bank
Weniger gut sieht es dagegen bei VW, RWE und Deutscher Bank aus. Die drei verzeichneten die größten Gewinnrückgänge. Der Wolfsburger Autobauer verbuchte allein im zweiten Quartal Konzern 2,5 Milliarden Euro außerordentlichen Verlust – vor allem wegen der „Dieselthematik“, wie es dazu im Geschäftsbericht heißt. Bei RWE schlugen hingegen höhere Materialkosten negativ zu Buche. Die Deutsche Bank kämpft – neben allen unternehmensspezifischen Problemen – auch mit dem Niedrigzins. Der entwickele sich für die Banken und Versicherungen zunehmend zu einem existenziellen Problem, schreiben die Analysten von EY.
Tatsächlich knabbert das niedrige Zinsniveau aber nicht nur an den Erträgen von Allianz, Commerzbank und Co, sondern belastet auch handfeste Industrieunternehmen wie etwa BASF. Denn vor allem die Pensionsrückstellungen, die Unternehmen für die zukünftigen und aktuellen Pensionäre bilden müssen, schwanken mit dem Zins. Je niedriger er ist, desto mehr Vermögen muss das Unternehmen beiseitelegen, um die Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft auch leisten zu können. BASF musste im ersten Halbjahr 3,4 Milliarden Euro zusätzlich für Pensionen zurückstellen.
Niedrigzinsen knabbern am Eigenkapital
Aktionäre merken das zwar nicht in der Gewinn-und Verlustrechnung (GuV) des Konzerns und somit auch nicht am Gewinn. Denn die so genannte „Neubewertung leistungsorientierter Versorgungspläne“ ist nicht Teil des operativen Geschäfts und wird daher nicht in der GuV erfasst. Doch das Geld fehlt trotzdem – und zwar in der Bilanz beim Eigenkapital, also dem Teil des Unternehmensvermögens, das den Aktionären gehört. Auch BMW (eine Milliarde Euro), Deutsche Post (1,5 Milliarden) und Telekom (0,4 Milliarden) mussten im ersten Halbjahr ihre Pensionsrückstellungen erhöhen – zulasten der Anteilseigner.
Trotz dieser Probleme und rückläufiger Umsätze und Gewinne sieht Meyer die Dax-Konzerne auf einem guten Weg: „Die Neuausrichtung vieler deutscher Konzerne trägt teilweise bereits Früchte – einige Dax-Konzerne konnten im zweiten Quartal überraschend gute Zahlen vorlegen.“ Wie zum Beweis hat EY ausgerechnet, dass die Bargeldreserven in der ersten Börsenliga deutlich gestiegen sind, auf 92 Milliarden Euro Cash sitzen die 30 Konzerne. Daher seien die Unternehmen in der Lage, sich etwa mit Zukäufen auf die neuen Herausforderungen einzustellen.
Schon jetzt ist in dieser Hinsicht einiges im Gang: Der Pharmakonzern Bayer versucht sich gerade an der Übernahme des US-Agrargiganten Monsanto, die Deutsche Börse will mit der Londoner Konkurrenz fusionieren. Ob das für die Aktionäre aber tatsächlich gut ausgehen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.