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Geldanlage global
Der Bulle in der Nähe der New Yorker Börse, Symbol für steigende Kurse. Quelle: dpa

Drei Faktoren, die die Börse weiter antreiben

Maximilian Kunkel Quelle: PR
Maximilian Kunkel Chief Investment Officer, UBS Wealth Management Germany & Global Family Office Zur Kolumnen-Übersicht: Geldanlage global

Da die meisten Aktienmärkte mittlerweile weit über ihren Vor-Pandemie-Hochs liegen, sind viele Anleger skeptisch, ob noch viel Aufwärtspotenzial besteht. Trotz Bedenken um Inflation, Geopolitik und neue Coronavirus-Varianten sprechen drei Faktoren für weiter steigende Märkte in naher Zukunft.

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Der erste Faktor ist ein starkes (und in manchen Fällen noch unterschätztes) Gewinnwachstum. Nach der besten Quartalsberichtsaison seit mehr als zehn Jahren erwarten wir weiterhin positives Momentum. In der Eurozone beispielsweise gehen wir bei UBS Global Wealth Management von 50 Prozent Gewinnwachstum dieses Jahr, gefolgt von zwölf Prozent im nächsten Jahr aus. Dieses enorme Wachstum hat – nebst dem Basiseffekt dieses Jahres – drei Kerntreiber: Konsumenten, die durch die Lockerung der Mobilitätsrestriktionen vermehrt ihre Zwangsersparnisse aus der Lockdown-Zeit ausgeben dürften, Effizienzsteigerungsmaßnahmen vieler Unternehmen, die mit einem höheren Gewinnanstieg bei anziehenden Umsätzen einhergehen (operating leverage) sowie weitere fiskalpolitische Unterstützung, die sich jetzt vermehrt darauf konzentriert, den Aufschwung zu beschleunigen und zu verlängern, anstatt nur die Auswirkungen der Lockdown-Maßnahmen zu begrenzen. Ein Beispiel hierfür ist der 750 Milliarden Euro schwere EU-Wiederaufbaufonds, der wohl diesen Sommer mit den ersten Auszahlungen beginnen wird und vor allem für Wachstumsthemen wie Klimaschutz und Digitalisierung aufgewendet werden soll.

Der zweite Faktor sind niedrige Zinsen. Auch wenn ich davon ausgehe, dass die Federal Reserve angesichts einer boomenden US-Wirtschaft eine graduelle Reduktion ihres Anleihekaufprogrammes nächstes Jahr beginnen (und in den nächsten Monaten ankündigen) wird, hat sie zuletzt versucht klarzumachen, dass sie nicht plant, die Wirtschaft durch eine deutliche Erhöhung der Leitzinsen in den nächsten Monaten abzukühlen. Andernorts, etwa in Japan und der Eurozone, dürfte die Geldpolitik noch länger akkommodierend bleiben.

Der dritte Faktor sind Aktienmarktbewertungen, die immer noch kein nachhaltig niedriges Zinsumfeld widerspiegeln. Von einer Normalisierung des Zinsumfelds, die diesen Namen verdienen würde, ist aufgrund der erhöhten Verschuldung nach der Pandemie sowieso nicht auszugehen. Aktienmarktbewertungen reflektieren dies noch nicht, wie an der weiterhin erhöhten Differenz zwischen Gewinnrendite (Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses) und Anleiherendite weltweit zu erkennen ist. Für den MSCI All Country World Index liegt diese mit zirka 400 Basispunkten immer noch deutlich über dem langfristigen Durchschnitt von 274 Basispunkten. Allerdings bin ich mir auch bewusst, dass einige dieser guten Nachrichten mittlerweile eingepreist sind und derzeit größere Selektivität gefragt ist.

Bezüglich Branchen sehe ich unter den Zyklikern weiterhin Potenzial bei Finanz- und Energietiteln. Sie sind immer noch relativ günstig und profitieren überdurchschnittlich von einem Umfeld, das durch starkes Wachstum, höhere Inflation und steilere Zinskurven geprägt ist. Bei technologiebezogenen Bereichen würde ich nach den jüngsten Kursentwicklungen mögliche erhöhte Positionen bei den großkapitalisierten US-Technologieunternehmen durch Engagements bei kleineren und mittelgroßen Unternehmen – vor allem mit Bezug auf längerfristige Wachstumsthemen wie Greentech, Fintech oder Healthtech – ersetzen.



Regional sieht vor allem Japan auf dem derzeitigen Niveau interessant aus. Der japanische Aktienmarkt hinkte seit Jahresbeginn deutlich hinterher. Dies ist größtenteils auf die eher langsam anlaufende Impfkampagne im Land zurückzuführen. Mittlerweile nimmt diese jedoch an Fahrt auf. Ich gehe davon aus, dass bis Ende August 30 Prozent der Bevölkerung eine erste Impfdosis (von derzeit zirka vier Prozent) erhalten wird. Dies sollte es erlauben, die Wirtschaft nachhaltig wieder zu öffnen. Als international ausgerichteter (40 Prozent der Umsätze des MSCI Japan werden im Ausland generiert) und enorm prozyklischer Markt dürfte Japan von einer weiteren leichten Abschwächung des Yen und der globalen Wachstumsbeschleunigung ohnehin profitieren.

Die Bewertungen sind relativ zu anderen Regionen attraktiv und die Positionierung vieler Anleger lässt keine Euphorie vermuten. Internationale Investoren, die für 70 Prozent des Handelsvolumens japanischer Aktien verantwortlich sind, haben seit Beginn des vergangenen Jahres netto Aktien im Umfang von vier Billionen Yen verkauft. Zusätzlich weisen japanische Aktien eine positive Korrelation mit inflationsbereinigten Zinsen in den USA auf, was sich in den kommenden Monaten als hilfreich erweisen könnte.

Auch der chinesische Aktienmarkt dürfte sich aufgrund einer weniger restriktiven lokalen Geldpolitik besser entwickeln. Regulatorischer Druck könnte zwar weiterhin kurzfristig die Kurse drücken. Die derzeitigen Bewertungen, gerade bei den größeren Unternehmen, scheinen diesen aber bereits in vielen Fällen zu eskomptieren.

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In den USA bevorzuge ich kleine und mittelgroße Aktiengesellschaften (Small- und Mid-Caps). Sie dürften in naher Zukunft aufgrund ihrer größeren Konjunkturabhängigkeit ein höheres Ertragswachstum als großkapitalisierte US-Unternehmen aufweisen. Zusätzlich liegen ihre Bewertungen gegenüber Large-Caps nahe einem Zwanzigjahrestief.

Mehr zum Thema: Jürgen Callies und Maximilian Kunkel analysieren und kommentieren die konjunkturelle Entwicklung und Wirtschaftspolitik.

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