Start-up-Beteiligungen: Wie Privatanleger bei Start-ups einsteigen können
Kennen Sie das? Ein junges Unternehmen startet durch und Sie denken nur: „Ich wusste schon vor Jahren, das wird was!“ Doch wer nicht gerade für einen Risikokapitalgeber (englisch: Venture-Capital, kurz VC) arbeitet, oder als vermögender Business Angel eigenes Geld in Start-ups steckt, der muss sich mit einer Investition bis zum Börsengang gedulden.
Doch stimmt das überhaupt, oder können nicht auch Privatanleger ihr Gespür für gute Ideen zu Geld machen?
Die gute Nachricht ist: Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten, und dank der Digitalisierung wird es auch immer einfacher.
Die schlechte Nachricht: Wo der geregelte Börsenmarkt eine große Transparenz, Sicherungsinstrumente und Erfahrungswerte bietet, steigt das Verlustrisiko abseits davon exponentiell. Es ist daher ratsam, sich gut über die Chancen und Risiken zu informieren.
Im ersten Schritt muss sich jede Investorin und jeder Investor darüber im Klaren sein, worum es geht: den Kauf von (echten) Anteilen an Unternehmen. Das heißt, es wird weder in einen Fonds investiert, der Anteile an einem Unternehmen hält, noch in Anleihen, also Schuldverschreibungen, sondern es geht um Investitionen in das Eigenkapital des Unternehmens.
Während bei der Ausgabe von Aktien prozentuale Anteile am bestehenden Kuchen an Eigenkapital gehandelt werden, steigen Investoren bei Start-ups mit neuem eigenem Geld ein und vergrößern die Menge des dem jungen Unternehmen zur Verfügung stehenden Gelds.
Wie viel Anteil man an einem Start-up hält, verändert sich also je nach Zahl und Umfang der erfolgten Investitionen.
Wenige Börsengänge, weniger Möglichkeiten
Die Auswahl an unterschiedlichen Aktien an den Börsenmärkten ist zwar beachtlich, aber in den vergangenen Jahren auch sehr konstant. Die Zahl der Börsengänge (IPOs) dümpelt seit einigen Jahren vor sich hin. Zwar keimen immer wieder Hoffnungen auf, dass sich die Situation ändert, aber es kommt meist anders.
Auch aktuell drückt der von US-Präsident Donald Trump losgetretene Zollkrieg die Stimmung. „Die globalen Kapitalmärkte erleben derzeit unruhige und manchmal sogar disruptive Zeiten“, hieß es zuletzt von Martin Steinbach, Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Für Unternehmen auf dem Weg an die Börse sei es zunehmend schwerer, das richtige Timing zu finden.
Den Trend bestätigt auch Ulrike Hinrichs, Vorstandssprecherin des Bundesverband Beteiligungskapital BVK: „Es ist tatsächlich so, dass Start-ups und Wachstumsunternehmen heute nicht mehr den schnellen Börsengang anstreben.“ Das Alter der Börsenneulinge liege heute deutlich über dem der Nuller- oder Neunzigerjahre.
Nicht nur für willige Anleger, sondern auch für Business Angels, also beratend tätige Frühphasen-Investoren in Start-ups, ist das ein Problem. „Wünschenswert wäre es oft für Business Angels, frühzeitiger aus dem Unternehmen aussteigen zu können, um wieder frisches Geld für Investitionen in andere Start-ups zu haben“, sagt Roland Kirchhof, Vorstandsmitglied des Verbands Business Angels Deutschland (Band). Besonders wenn bereits VCs eingestiegen sind – die meist erst aufmerksam werden, wenn eine kritische Größe überschritten ist – sei das Wissen und das Netzwerk der Business Angels kaum mehr effektiv einzusetzen.
Aus seiner Sicht ist das aber nicht einmal der drängendste Fall: „Am schlimmsten für Investoren sind allerdings sogenannte Zombies, also Start-ups, die zwar leben, aber nicht reüssieren.“ Business Angels haben laut Kirchhof dann oft keine Chance, aus ihrer Beteiligung herauszukommen – „bis zum bitteren Ende“.
Laut Hinrichs ist das nicht nur für den einzelnen Investor ärgerlich, sondern beeinträchtigt das gesamte Ökosystem: „In einer illiquiden Anlageklasse wie Venture-Capital, aber auch Private Equity, ist die Option je nach individueller Situation den Exit zu vollziehen für die Funktionsfähigkeit des Marktes essenziell.“ Es lässt sich also schließen: Der Bedarf für Alternativen zum Aktienmarkt ist auf beiden Seiten vorhanden, den potenziellen Käufern und Verkäufern.
Finanzierungsrunde oder Sekundärmarkt?
Wenn ein Start-up Geld benötigt, das es nicht über eine staatliche Förderung bekommt, startet es in den meisten Fällen eine Finanzierungsrunde. Das heißt, es bewirbt sich bei Investoren wie Business Angels, VCs oder Banken um eine Investition. Dieser Prozess ist aufwendig, erfordert eine genaue Bewertung des Umsatzpotenzials und Wertes des jungen Unternehmens. Auch rechtlich ist es alles andere als trivial. Am Ende steht das Eigenkapital-Investment.
Eine zweite Variante, bei der Anteile eines Start-ups zum Verkauf angeboten werden, ist der sogenannte Sekundärmarkt. Hier verkaufen Gründer, bestehende Investoren, leitende Manager oder Mitarbeiter ihre Anteile weiter.
Beide Möglichkeiten standen bis vor wenigen Jahren nur Profis offen, doch das hat sich geändert. Sowohl in den USA als auch in Europa hat die Digitalisierung eine Liberalisierung nach sich gezogen. Auf Plattformen wie Forge Global oder EquityZen lassen sich Anteile an Unternehmen wie SpaceX, OpenAI oder dem Technologiedienstleister Stripe auch ohne Börsengang kaufen und verkaufen.
Beide Anbieter haben sich mit der Börsen-Einheit der Suchmaschine Yahoo zusammengetan, um dort Kurse für Anteile an privaten Unternehmen bereitzustellen. Diese basieren auf Käufen und Verkäufen einzelner Unternehmensanteile auf diesen Plattformen. Da im Sekundärmarkt nicht so häufig gehandelt wird wie an der Börse, kann es vorkommen, dass die dortigen Kurse nur auf einer Handvoll Transaktionen basieren: Der abgeleitete Kurs für einen Anteil an der KI-Firma OpenAI liegt aktuell beispielsweise bei rund 517 US-Dollar.
„So wenig?“, mag der eine oder die andere denken. Doch wer sofort einsteigen will, den erwartet eine Überraschung. Zwar liegt die Einstiegshürde nicht bei hunderttausenden Euro, wie bei der Investition in einen VC-Fonds. Aber beispielsweise auf der Plattform Forge bei immerhin bei 5000 Dollar. Das heißt, um in OpenAI zu investieren, müssten mindestens 10 Anteile gekauft werden.
Doch es gibt einen Haken, die Investition ist lediglich indirekt. Hierbei investiert der Anleger in einen von Forge aufgelegten Fonds, der wiederum den Unternehmensanteil hält. So wird der Umfang an rechtlichen und organisatorischen Erfordernissen reduziert, was letztlich Geld spart und Start-ups überhaupt dazu bringt, sich auf ein derartiges Kleinstinvestment einzulassen.
Und selbst diese Möglichkeit steht nur „akkreditierten Investoren“ offen, diese müssen ein Mindestvermögen mitbringen. Die Voraussetzung: Entweder man hat bereits über eine Million Dollar auf der hohen Kante, oder kann zumindest ein Einkommen von 200.000 Dollar über mehrere Jahre nachweisen. Wer Anteile unter seinem eigenen Namen halten will und diese Marke überspringt, der ist ab einem Mindesteinsatz von 100.000 Dollar dabei.
Europa muss noch wachsen
Dass es bisher nur um amerikanische Start-ups und Plattformen ging, hat einen Grund. Der Markt in Europa ist im Vergleich zu den USA bislang nicht derart entwickelt. „Der steigende Liquiditätsbedarf privater Wachstumsunternehmen und die Akzeptanz von Sekundär-Transaktionen sind Folgen des gereiften Marktes für Wagniskapital. Hier hat es in Europa in den vergangenen 15 Jahren eine positive Entwicklung gegeben, wenngleich wir noch mehrere Entwicklungsschübe von einem Niveau wie in den USA entfernt sind“, beschreibt Carsten Huth, Privatmarkt-Spezialist der Deutschen Börse, die Situation.
Der Finanzplatz-Betreiber aus Frankfurt arbeitet jedoch daran, dass sich das ändert. 2024 hat die Deutsche Börse ein Joint Venture mit Forge gegründet: Forge Europe. Damit sollen sich auch in Europa die Möglichkeiten erweitern. Das Ziel ist für Huth dabei ganz klar: „Eine höhere Liquidität für private Wachstumsunternehmen vereinfacht Rückflüsse für Investoren aus der Frühphase, die damit wiederum in neue Start-ups investieren können." Hierdurch werde der Finanzierungskreislauf im Startup-Ökosystem sowie die Pipeline für den öffentlichen Kapitalmarkt gleichermaßen gestärkt. Es schwingt also die Hoffnung mit, dass ein funktionierender Sekundärmarkt auch zu einer steigenden Zahl an IPOs führt.
Wer an dieser Stelle enttäuscht ist, weil Forge Europe bisher noch in den Kinderschuhen steckt und die Kapitalanforderungen ohnehin zu hoch sind, sollte jetzt weiterlesen. Denn neben den großen US-Playern haben auch hierzulande Gründer eigene Lösungen entwickelt. Eine davon ist die Plattform Companisto, die sich laut Gründer David Rothert selbst aber als Netzwerk sieht. Das betont er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche mehrmals. Und tatsächlich gibt es einige Unterschiede zu Forge und EquityZen.
Der größte: Es gibt sowohl die Möglichkeit für Start-ups und Anleger, Finanzierungsrunden zu starten, als auch auf einem Zweitmarkt Anteile zu handeln. Einfache Anleger (dort „Companisten“ genannt) können sich in einem ähnlichen Fonds-Konstrukt wie bei Wettbewerber Forge ab 250 Euro indirekt an Start-up-Finanzierungen beteiligen. Wer direkt investieren will, muss in den sogenannten „Angel Club“ und dort bereit sein, mindestens 10.000 Euro einzusetzen. Ab dieser Schwelle steht Investoren dann auch der staatliche Invest-Zuschuss für Wagniskapital offen.
Der Name ist ein wichtiger Hinweis: Hierbei handelt es sich nicht um Sekundärmarkt-Transaktionen, sondern eine Art Erstfinanzierung. Daneben bietet die Plattform laut Rothert seit 2022 aber auch einen echten Sekundärmarkt an, auf dem bestehende Investoren ihre Anteile handeln können.
Transparenz und Sicherheit
Doch egal, wofür sich Privatanleger auch entscheiden, das Risiko bleibt. Zwar wirbt Companisto mit Start-ups wie dem Additiv-Fertiger BigRep – die später einen Börsengang gewagt haben – oder dem Lebensmittelhändler KoRo – dessen Anteile später von einem Großinvestor zusammengekauft wurden. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele Start-ups pleitegehen. Die Schätzungen schwanken hier, aber grob gehen vier von fünf Start-ups in den ersten drei Jahren insolvent. Das investierte Geld ist dann meist weg.
Das in Erinnerung zu rufen, sei auch im Interesse von Companisto, sagt Rothert. Schließlich wolle man zufriedene Kunden. „Wir legen den Fokus erst mal darauf, das Risiko des Totalverlustes zu verstehen.“ Es soll nur Geld eingesetzt werden, bei dem der Anleger verschmerzen kann, wenn er es komplett verliert.
Ein weiterer Unterschied zum Aktienmarkt ist, dass Start-up-Investoren Transparenz bei den jungen Unternehmen erst einfordern müssen. Diese lassen sich hier meist ungern in die Karten schauen. Auch deshalb war das Investieren bisher größtenteils vermögenden Angel-Investoren vorbehalten, die entsprechenden Druck ausüben konnten. Companisto poolt diese Verhandlungsmasse sozusagen.
Hier ist Rothert auch selbstkritisch. Als Companisto vor 12 Jahren gegründet wurde, habe er und sein Partner Tamo Zwinge selbst sehr viel Wert auf Verschwiegenheit gelegt. „Tamo und ich haben das sehr im Verborgenen entwickelt. Im Nachhinein ist das eigentlich etwas witzig“, sagt er heute.
Auf der anderen Seite wollen Rothert und sein Team auch nicht alle Start-ups zulassen. Seinen Worten nach werden die Start-ups vorher durchleuchtet und müssen bestimmte Informationen wie Jahresabschlüsse, Beteiligungsdokumente und nach der Zulassung quartalsweise Informationen wie Gewinn- und Verlustrechnung, Strategiewechsel sowie Informationen zu Marketing und Vertrieb liefern.
Gründerkultur Deutschland
Für den Companisto-Chef Rothert ist der Ausbau des Geschäfts seinen Worten nach mehr als nur ein Job. „Ich habe den Wunsch, dass wenn meine Tochter 18 ist, es für sie und ihre Freundinnen und Freunde normal ist, sich an einem Start-up zu beteiligen“, das sei seine Vision. Daher arbeitet er auch mit Wettbewerbern zusammen, um eine gesellschaftliche Kultur des Investierens zu fördern.
Er sieht darin seinen Beitrag zu einem Wandel der Gesellschaft, der neu definiert, wie sich Menschen in Deutschland mit Problemen auseinandersetzen. Einfach gesprochen: Wer einen Verbesserungsvorschlag hat, der gründet ein Start-up. Wer diese Vision teilt, investiert.
Also doch alles rosiger als gedacht? Bieten Companisto und Co. also alle Möglichkeiten, die sich Investoren und Anleger wünschen können? Aus Sicht von Band-Vorstand Kirchhof ist durchaus noch mehr drin. Für Sekundärmarkt-Verkäufe, bei denen die Mehrheit der Gesellschaftsanteile verkauft wird, fehle in Deutschland bislang ein Markt und entsprechende Fonds.
„Solche Strukturen aufzubauen wird zurzeit versucht, ist aber nicht einfach, weil die neuen Instrumente im Markt erst ihre Bewährungsprobe erbringen müssen.“ Er fordert deshalb eine Anschubfinanzierung durch den Bund. Diese sei dringend erforderlich.
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