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Neuer AufsichtsratschefWarum Jens Weidmann bei der Commerzbank an die Grenzen des Wachstums stößt

Die Commerzbank-Aktionäre wählen am heutigen Mittwoch Ex-Bundesbanker Jens Weidmann in den Aufsichtsrat. Doch er hat ein Problem: Der Commerzbank fehlt eine Wachstumsperspektive. Sie dürfte nicht mehr lange vom Zinsanstieg profitieren.Lukas Zdrzalek 02.06.2023 - 21:10 Uhr aktualisiert

Dem Ex-Bundesbankchef Jens Weidmann droht eine holprige Amtszeit als Aufsichtsratschef der Commerzbank. 

Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

Jens Weidmann hat sich viel mit wirtschaftlichem Wachstum beschäftigt. Als er noch der Bundesbank als Präsident diente, prognostizierte Weidmann den Deutschen regelmäßig, ob und wie stark die hiesige Volkswirtschaft wachsen würde. Mal sprach er davon, sie werde „wieder Fahrt aufnehmen“, dann von einem „zeitlich etwas nach hinten“ verschobenen Aufschwung. In seiner künftigen Rolle kann sich Weidmann nicht darauf beschränken, Prognosen kundzutun: Der Ökonom muss selbst zu Wachstum beitragen. 

Weidmann dürfte am heutigen Mittwoch in den Aufsichtsrat der Commerzbank einziehen und gar den Vorsitz des Gremiums erklimmen. Zwar müssen die Aktionäre der Personalie auf ihrer Hauptversammlung noch zustimmen, allerdings gilt das Plazet als Formsache. Für Weidmann, den langjährigen und hoch angesehenen Staatsdiener, beginnt damit der zweite, nämlich der privatwirtschaftliche Teil seines Karriereweges. Und der könnte bald schon holprig werden. 

Wachstum der Commerzbank könnte einbrechen

Denn die Commerzbank ist zwar aus dem Krisenmorast herausgestapft, in dem das Geldhaus im vergangenen Jahrzehnt zu versinken drohte. Jüngst hat die Bank Zahlen vorgelegt, von denen selbst ihre glühendsten Anhänger vor Kurzem nicht einmal zu träumen wagten: Sie verdiente im vergangenen Jahr stolze 1,4 Milliarden Euro – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 230 Prozent.

Bloß: Ein Ende dieses Gewinntaumels ist absehbar. Womöglich übernimmt Weidmann den Posten als oberster Kontrolleur, kurz bevor die Commerzbank ihren wirtschaftlichen Höhepunkt erreicht.

Dass sich solche Gedanken auch die Aktionäre machen, zeigte der 17. Mai dieses Jahres: An dem Tag stellte die Commerzbank ihre Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres vor – und prompt sackte der Aktienkurs des Geldhauses ab: um bis zu sieben Prozent – ein echter Minicrash.  

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Dabei stellte die Bank abermals glänzende Zahlen vor: Der Gewinn stieg im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp 100 Prozent. Und trotz Inflation gelang es der Bank, kaum mehr Geld auszugeben als im Vorjahr. Ähnlich gute Zahlen dürfte das Institut auch für das Gesamtjahr ausweisen: Analysten rechnen mit einem Gewinn von 2,1 Milliarden Euro. Gegenüber den 2022er-Zahlen wäre das ein erneuter Anstieg um 50 Prozent. Und die Erträge – das sind die Umsätze einer Bank – könnten immerhin um weitere 12 Prozent zulegen.

Die Commerzbank profitiert von der Zinswende – noch

Dass es Mitte Mai dennoch zu dem heftigen Kursabsacker kam, hat zwei Gründe. 

Der erste Grund lautet: Die Commerzbank könnte, wie Finanzvorständin Bettina Orlopp bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen warnte, schon in diesem Jahr weniger stark wachsen als es die Analysten derzeit noch prognostizieren. Der zweite Grund ist: Die Wachstumsaussichten für die fernere Zukunft trüben sich ein. Die Analysten rechnen nämlich damit, dass die Erträge und der Gewinn 2024 gegenüber den prognostizierten 2023er-Werten nur noch um 4 beziehungsweise um 20 Prozent ansteigen. Und von 2024 auf 2025 könnte der Gewinn gar nur noch um sechs Prozent wachsen.

Die maue Perspektive hängt stark mit dem Umstand zusammen, der erst zu dem stürmischen Wachstum der jüngeren Vergangenheit geführt hat: Die Zahlen der Bank haben sich nicht gebessert, weil das Management um Vorstandschef Manfred Knof geniale Geschäftsideen entwickelt hat – sondern vor allem, weil die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen in den vergangenen Monaten mehrfach und in rascher Folge anhob: Die Leitzinsen betragen inzwischen 3,75 Prozent, vor einem Jahr lagen sie noch bei null Prozent.

Die Bank muss bald selbst mehr Zinsen zahlen

Geldhäuser wie die Commerzbank profitieren von dem Zinsanstieg, weil sie Kundengelder bei der EZB parken; die Notenbank zahlt ihnen dafür nun wieder Zinsen, anstatt von den Banken welche zu verlangen. Und die Commerzbank kann sich die gestiegenen Zinsen noch auf eine zweite und dritte Art zunutze machen: Einen weiteren Teil der Kundenguthaben investiert sie an der Börse in Anleihen, für die sie nun ebenfalls wieder höhere Zinsen erhält. Zudem haben die hiesigen Banken im vergangenen Jahr besonders viele Kredite zu den höheren Zinsen vergeben, weil sich die Unternehmen mit Geld vollgesogen haben – aus Sorge vor einem drohenden Abschwung. Allein: Unter Weidmann dürften diese Segnungen der Bank nicht noch einmal zuteilwerden. 

Die Unternehmen werden vermutlich nicht wieder so viele Kredite wie in den vergangenen Monaten benötigen, sie verfügen ja schon über reichlich Geld. Und die EZB wird die Zinsen zwar aller Voraussicht nach weiter erhöhen, allerdings wohl nicht mehr so stark wie in den vergangenen Monaten. Schließlich ist die Inflation, die die EZB mit ihren Zinserhöhungen bekämpfen möchte, immerhin schon von einem sehr hohen auf ein hohes Niveau gesunken. 

Und damit nicht genug: Anders als bislang, als die Bank ausschließlich von den höheren Zinsen profitiert hat, könnte sie unter Weidmanns Ägide sogar deren negative Folgen spüren. Diese treffen ein Geldhaus im Unterschied zu den Zins-Segnungen allerdings erst „zeitverzögert“, wie Dieter Hein, Bankenexperte des Analysehauses Fairesearch, erklärt.

Kunden zogen Gelder von ihren Konten ab

So führen steigende Zinsen oftmals dazu, dass mehr Privatleute und Unternehmen ihre Kredite nicht länger bedienen können. Zugleich müssen die Banken ihren Kunden früher oder später auch höhere Zinsen für deren Spar-Einlagen zahlen. Zwar sehen sich viele Banken noch nicht zu diesem Schritt gezwungen. Doch unter Weidmann könnte sich das sehr bald ändern, wenn das Institut verhindern will, dass die Kunden noch mehr Gelder abziehen.

Denn schon im ersten Quartal dieses Jahres sind 4 Milliarden Euro Einlagen von Privatkunden von Commerzbank-Konten geflossen. Das lag zwar auch daran, dass einige Verbraucher angesichts der weiterhin hohen Inflation Ersparnisse aufgezehrt haben. Aber zugleich investierten sie Guthaben in Anleihen, die eben inzwischen üppigere Zinsen abwerfen. Und: Die Kunden haben ihr Geld zu anderen Instituten gebracht, die bereits höhere Zinsen zahlen. So offeriert die Commerzbank nur Zinsen von 0,6 Prozent bei Tagesgeldkonten, Direktbanken dagegen bieten teils 3 oder mehr Prozent, etwa die ING und die Consorsbank. 

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Weidmann wird schon bald mit dem Vorstand überlegen müssen, wie die Bank mit ihrer bröckelnden Wachstumsperspektive umgeht. Im Herbst nämlich will das Institut unter Vorstandschef Knof eine Strategie für die kommenden Jahre vorlegen, deren Ausarbeitung Weidmann überwachen muss. 

Das Problem ist bloß: Der Bank bleiben kaum Optionen, um ihr Wachstum zu forcieren. Hierzulande rangelt sie nicht nur mit der Deutschen Bank, sondern ebenso mit den Sparkassen, den Volks- und Raiffeisenbanken sowie ausländischen Instituten um Kunden und um Wachstum. „Der Wettbewerb ist sehr hart“, meint Volker Brühl, Finanzprofessor und Leiter des Frankfurter Centers for Financial Studies. Und er ergänzt: „Hier Marktanteile zu gewinnen, ist deshalb schwierig.“ Das gehe nur, indem ein Institut wie die Commerzbank seine Produkte günstiger als Konkurrenten offeriere – was auf die Profite drückt.

Die Konkurrenz steht besser da

Zwar könnte die Bank unter Weidmann versuchen, stärker als bislang im Ausland zu wachsen. Allerdings ist die Ausgangslage für einen solchen Schritt, der sich derzeit auch nicht abzeichnet, denkbar schlecht. „Außerhalb Deutschlands hat die Commerzbank nämlich nur geringe Marktanteile“, analysiert Finanzprofessor Brühl. 

Und was, wenn sich Weidmann für ein Weiter-so entscheiden sollte? Wenn er im Herbst eine Strategie mitträgt, die ohne neue Wachstumsfelder auskommen soll? Dann droht der Bank trotz ihrer verbesserten Gesamtlage Siechtum auf höherem Niveau – mit potenziell gefährlichen Folgen. 

Das Institut dürfte bei einer Weiter-so-Strategie nämlich unverändert zu den schwächsten Geldhäusern in Europa zählen, wie eine Kennzahl zeigt: die Eigenkapitalrendite. Sie gibt an, wie hoch der Gewinn einer Bank in Relation zu ihrem Eigenkapital ist, also zu ihren Reserven. Dabei handelt es sich um eine der zentralen Kennziffern, um Banken untereinander zu vergleichen. 

Die Commerzbank erzielte im vergangenen Jahr eine Rendite von 4,9 Prozent und strebt mehr als 7 Prozent an, doch viele Wettbewerber kamen jüngst bereits auf Werte von 8, 9 oder 10 Prozent. Die Folgen dieser Unterschiede: Die Konkurrenten können tendenziell mehr Geld in Top-Banker, in ihre IT und Produkte investieren – in der Hoffnung, so weitere Kunden für sich zu begeistern. Und die Wettbewerber können es sich eher erlauben, doch mal Preise zu senken, um schwächeren Instituten wie der Commerzbank Kunden abzuluchsen. 

Als Weidmann noch als Bundesbank-Präsident amtierte, mahnte er die Politik schon mal, das Thema Wachstum nicht aus dem Blick zu verlieren. Als etwa CDU, CSU und SPD 2018 über die Fortsetzung der Großen Koalition verhandelten, forderte der Ökonom, „nicht nur über die Verteilung des vorhandenen Kuchens, sondern auch über die Vergrößerung desselben“ zu sprechen. Womöglich ist es bald Weidmann, der solche Sätze zu hören bekommt – von den Commerzbank-Aktionären.

Hinweis: Dieser Text ist am 2.6.2023 aktualisiert worden, weil wir fälschlicherweise geschrieben hatten, dass die Commerzbank-Privatkunden neun Milliarden Euro von ihren Konten abgezogen hätten. Richtig ist, dass die Kunden vier Milliarden Euro abgezogen haben. Bei den neun Milliarden Euro handelte es sich um die von Girokonten abgezogenen Gelder, von denen die Kunden aber fünf Milliarden Euro wieder auf Sparkonten der Bank transferiert haben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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