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Plattform für Privatanleger Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

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Aktien-Ampel bei Tradegate

Im Handelsraum der futuristisch angehauchten Tradegate-Zentrale am Ku’damm ist nur das leise Surren der Klimaanlage zu hören. „Hier wird nicht mehr geschrien und gebrüllt wie früher an der Parkettbörse“, sagt Timm. Seine Makler sitzen in einem Rondell an 40 kuchenstückförmigen Arbeitsplätzen. Auf ihren Rechnern blinkt es fortwährend: rot (Kurs fällt), gelb (unverändert), grün (steigt). Eine Ampel auf dem Monitor zeigt den Händlern, ob die Aktien, die sie überwachen, handelbar sind. Die Makler greifen ein, wenn der Computer hakt. Sie überwachen, ob er zu viele Aktien kauft. Falls ja, wird verkauft. Ihr Handelssystem wurde im eigenen Haus programmiert. Wie aber verdienen sie ihr Geld?

Die Deutsche Börse investiert, andere sammeln das Geld ein. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Preis nach oben schrauben. Der Computer macht Kurse – und hält angezeigte Preise nicht immer ein. Als ein Anleger kürzlich nach 18 Uhr Aktien eines Nebenwertes kaufen wollte, verteuerte Tradegate mehrfach den Preis, statt die Order auszuführen. Stunden später musste der Käufer 40 Cent oder zwei Prozent mehr pro Aktie zahlen, als der ursprüngliche Preis signalisierte.

Anleger können daraus lernen: Der Käufer wollte dreimal so viele Aktien kaufen, wie Tradegate anbot. Gerade in Randzeiten sollten Anleger maximal so viel ordern, wie ein Platz anzeigt. Sonst läuft er Gefahr, dass ein Makler mit Einblick ins Orderbuch sein Wissen nutzt – und der Preis für Käufer steigt. Wer offline handelt, sollte ab 9 Uhr, wenn Xetra öffnet, beim Banker anrufen, die Kurse der Börsen abfragen und dann den günstigsten Platz auswählen.

Immer einen Schritt vor dem Kunden. Anleger Müller will im Späthandel Commerzbank-Aktien kaufen. Er will Tradegate überbieten. Verkäufer sollen von ihm nun mehr Geld bekommen als von Tradegate. Eigentlich, denn kaum hat er die Order abgeschickt, zuckt es auf seinem Schirm – Tradegate hat jetzt ihn überboten. Prompt verkauft ein anderer Marktteilnehmer 170 Aktien über die Börse. „Hätte Tradegate meinen Preis nicht überboten, hätte ich die bekommen“, sagt Müller. Sein Blick schweift über seinen Garten, doch selbst die bunten Blumen können ihn nicht beruhigen. „So geht das jeden Tag“, sagt er. Immer wenn sein Angebot besser ist als der Tradegate-Preis, überbietet die Maschine ihn um einen Zehntelcent. „Tradegate will das Geschäft selbst machen“, sagt er. Timm kontert, dass sein Computer die Preisqualität im Sinne privater Anleger verbessere.

Wie man an der Börse die besten Chancen hat

Jetzt zettelt Müller einen Kleinkrieg an: Immer, wenn Tradegate ihn übertrumpft, drückt er „Beat“ – überbieten. Müller und die Börse schaukeln den Ankaufspreis hoch, bis der nahezu dem Verkaufspreis entspricht. Er hat genug, löscht die Order. Sofort zieht Tradegate die Spanne breiter, senkt den Ankaufspreis. „Das ist nicht Zweck einer Börse, die Käufer und Verkäufer zusammenbringen soll“, sagt Müller.

Auf Tradegate, so scheint es, macht der Makler das Geschäft. Basta.

Stop-Limits als leichte Beute. Diese Limits sollen vor Verlusten schützen. Fällt die Aktie unter das vom Anleger gesetzte Limit, soll der Makler Aktien automatisch verkaufen. Auf Tradegate aber kann ein Limit ausgelöst werden, wenn der Makler nur eine Taxe eingibt, die nicht verbindlich ist. Es kann zur Kettenreaktion kommen: Außerhalb der Xetra-Zeit sinkt die Liquidität, das Risiko für Tradegate steigt. Dies lässt sich der Händler bezahlen, indem er seine An- und Verkaufspreise auseinanderzieht: Anleger kriegen schlechtere Preise.

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