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Plattform für Privatanleger Die zweifelhafte Erfolgsgeschichte von Tradegate

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Anleger handeln gratis

Werden durch die breite Spanne Stops ausgelöst, werden Aktien verkauft. Der Kurs sinkt, weil Tradegate den nächsten Preis tiefer ansetzt. Im schlimmsten Fall werden weitere Stops gerissen, der Preis sinkt – wie am 7. August. Da purzelte der Siemens-Kurs im Späthandel – obwohl das Angebot in Stuttgart besser war (siehe Grafik). Timm kontert: Die Preise seien „nach Orderbuchlage“ gemacht und „nicht zu beanstanden“. Die Aktien der Anleger aber waren raus aus dem Depot.

Spanne verschieben. Es ist ein Trick unter Maklern, die Kundenaufträge sehen können. Liegen viele Kauforders vor, setzt der Makler beide Preise hoch – den, zu dem er kaufen, und den, zu dem er verkaufen würde. Das fällt kaum auf: Die Spanne zwischen An- und Verkauf, auf die viele gucken, bleibt genauso breit wie auf Xetra.

Tradegate drückt den Kurs der Siemens-Aktie, vermutlich löst das Stop-Loss-Limits aus. Im Vergleich zu Stuttgart verkauften Anleger Siemens auf Tradegate billig. (zum Vergrößern bitte anklicken)

So geschehen am 2. Juli. Gegen 11.15 Uhr wickelte Tradegate sechs Geschäfte in Aktien der Deutschen Bank ab. Fünf Mal wurden Käufer im Vergleich zu Xetra einen halben Cent schlechter bedient. Für Anleger entscheidet ein halber Cent zwar nicht über den Anlageerfolg – für Tradegate aber macht Kleinvieh den Tag über viel Mist. Da Tradegate in Dax-Aktien für 50 000 Euro Volumen „Wort halte“, könne es zu geringen Abweichungen kommen, sagt Timm.

Starke Verbündete

Viel Geschäft holt Timm auch von Online-Brokern. Die stellen auf ihren Ordermasken eine Börse vorab ein. Will der Anleger dort nicht handeln, muss er aktiv eine neue Börse anklicken. Bei Cortal Consors etwa erscheint Tradegate als erster Börsenplatz. Das verwundert nicht: Die Consors-Mutter BNP Paribas ist an Timms Tradegate AG beteiligt und kassiert Dividende.

Timms zweiter Aktionär ist die Deutsche Börse. Die müsste den Aufsteiger eigentlich kleinhalten, arbeitet aber tatkräftig mit, Orders zu Tradegate zu schaufeln. Die Deutsche Börse hat ihren Anteil sogar noch aufgestockt. "Die Aufstockung hat für uns strategischen Charakter und bekräftigt unsere langfristig ausgerichtete Kooperation mit der Tradegate AG", erklärte Martin Reck, Managing Director des Kassamarktes der Deutschen Börse.

Der heutige Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni war im Mai 2000 Co-Vorstandschef der Consors AG. Die übernahm damals 53 Prozent an der Tradegate-Mutter Berliner Effektengesellschaft. Timm jubelt bis heute: „Consors war der erste große Kunde der damaligen Handelsplattform Tradegate, da konnte ich testen, was Anleger wollen.“ Die Presse jubelte mit: Consors wolle dem Platzhirsch Deutsche Börse Konkurrenz machen. Endlich.

Später holte sich Timm sein Baby teils zurück, sodass die Berliner Effekten wieder mehrheitlich ihm gehört. Francioni wurde 2005 Chef der Deutschen Börse und kaufte Anfang 2010 fünf Prozent an Timms Tradegate AG und 75 Prozent an der Tradegate Exchange. Mittlerweile hält Deutschlands größter Börsenbetreiber nach der Ausübung von Kaufoptionen knapp 15 Prozent nach zuvor rund fünf Prozent.

Umgekehrt wäre besser gewesen: Die Exchange macht kaum Gewinn, weil Anleger gratis handeln, das dicke Geld machen Timms Makler, die aber zur Tradegate AG gehören. Francioni scheint das nicht zu stören. Seit Jahren entsenden die Frankfurter eine Führungskraft in die Geschäftsführung der Exchange. Aufgabe: Marketing, neue Kunden an die Plattform anbinden. Die Deutsche Börse arbeitet daran, dem eigenen Handelsplatz Marktanteile abzujagen. Vor allem Xetra soll Orders an Tradegate verloren haben. Francioni hat sich die Option gesichert, die Beteiligung an der AG auf 20 Prozent aufstocken zu können. So könnte er stärker an Gewinnen teilhaben. Allein: Warum nutzt er die Option nicht?

In Arbeit
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Fragen dazu wollten weder Francioni noch sein verantwortlicher Manager Martin Reck beantworten. Ob die Vorwürfe gegen Tradegate eine Rolle spielen? Im Bilde ist Reck. Der Redaktion liegt ein Schreiben vor, in dem Manager seiner Börse auf die Handelspraktiken bei ihrer Berliner Tochter hingewiesen werden.

In Frankfurt hat Reck die Makler zur Räson gerufen: Die Börse gibt Anlegern seit November eine „Qualitätsgarantie“. Reck hat versprochen, dass Anleger Aktien bis zu 7500 Euro zu Preisen wie am jeweiligen Referenzmarkt oder besser handeln können. Weichen Kurse ab, müssen Makler die Differenz erstatten.

Für Tradegate gilt die Garantie nicht.

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