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Reaktionen der Finanzmärkte Wenn der Terror zur gefährlichen Routine wird

In der Hauptstadt sterben Menschen bei einem Anschlag, aber die Börse zuckt nicht einmal. Sind Wirtschaft und Finanzmärkte durch immer neue Anschläge abgestumpft? Nein – es gibt vielmehr rationale Gründe.

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Händler an der Frankfurter Börse Quelle: dpa

Die Horrornachrichten vom Anschlag in Berlin perlen am Finanzmarkt ab. Der Aktienindex Dax mit den 30 wichtigsten und größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland legt lediglich eine Verschnaufpause nach seiner bemerkenswerten Jahresendrally ein. Das sieht nach einer verkehrten Finanzwelt aus.

Sitzen in den Handelssälen der großen Banken lauter Zyniker, die maschinenartig ihre Deals erledigen und sich um das Leid in der Welt nicht kümmern? Nein, denn die Händler gehören meist zu den ersten, die von schrecklichen Ereignissen wie in Berlin erfahren, schließlich flimmern in ihren Büros und "Warrooms" nicht nur die Börsenkurse über die Bildschirme, sondern auch die Programme globaler Nachrichtensender. Und persönlich nehmen die Marktakteure durchaus Anteil an Tod und Terror, etwa nach dem Anschlag auf das Pariser Satiremagazin, als einige von ihnen ihre Bildschirme und Internetprofile demonstrativ mit „Je suis Charlie“-Bannern schmückten.

„Kurzfristig wird Terrorismus erst bei deutlich höherer Intensität wieder an den Finanzmärkten eine Rolle spielen, so dramatisch die aktuellen Ereignisse auch tatsächlich sind“, sagt Björn Kising, Geschäftsführer beim Institut für Kapitalmarktanalyse in Köln (IfK). Doch hätten die Märkte derzeit Probleme beim Unterscheiden kurzfristiger und langfristiger Folgen.

Große Terroranschläge in Europa

„Anleger können sich auf derart tragische, plötzliche Ereignisse nicht einstellen“, sagt Lars Edler, Co-Chief Investment Officer bei der Privatbank Sal. Oppenheim. Tatsächlich sei die Terrorgefahr aber im Begriff, Teil der täglichen Realität zu werden, für die Menschen im Alltag ebenso wie für die Finanzmärkte. „Auf diese ständige Bedrohungslage reagieren die Börsen kurzfristig relativ robust“, sagt Edler. Längerfristig und wiederholt könnten solche Ereignisse allerdings sehr negativ auf das allgemeine Stimmungsumfeld wirken und damit auf das Wirtschaftswachstum drücken, wodurch es an der Börse zu höherer Volatilität und zu Kursverlusten kommen könne.

Wer mit der Frankfurter Finanzelite spricht, begreift schnell, dass den Börsenprofis aufgrund ihrer täglichen Vernetzung mit Kunden und Kollegen überall auf der Welt nur zu gut bewusst ist, wie schnell auch wir in Deutschland persönlich vom Terror betroffen sein können. Der ist nämlich in den internationalen Finanzzentren wie London (IRA), New York (11. September 2001) oder Paris (Charlie Hebdo, Bataclan) leider schon längst angekommen.

Zudem ist der Finanzplatz Frankfurt selbst gespickt mit möglichen Anschlagszielen wie dem Rhein-Main-Airport, den Wahrzeichen des Kapitalismus in Form der Wolkenkratzer von Geschäfts- und Notenbanken oder nicht zuletzt der Börse selbst. Finanzexperten, die gewohnt sind, in Szenarien zu denken, ist das nur zu gut bewusst. So mancher von ihnen steigt morgens mit einem mulmigen Gefühl in den Aufzug, wohlwissend, dass die Einflugschneise eines der größten internationalen Flughäfen nur einen Steinwurf entfernt ist.

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