Riedls Dax-Radar: Gute Chancen auf Erhalt des großen Aufwärtstrends
Vodafone
Der Mobilfunk-Riese Vodafone denkt nach dem Brexit-Referendum laut über die Verlegung seines Hauptsitzes aufs europäische Festland nach. „Die Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU war ein wichtiger Faktor für das Wachstum eines Unternehmens wie Vodafone“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens von Mittwoch. Noch sei es zu früh, Schlüsse für den langfristigen Standort des Hauptsitzes zu ziehen, aber es werde entschieden, was zweckmäßig für das Interesse von Kunden, Aktionären und Angestellten sei. Vodafone beschäftigt rund 13.000 Menschen in Großbritannien und hat Sitze in London und Newbury.
Foto: REUTERSRyanair
Wegen des Brexit-Votums will sich Billigflieger Ryanair verstärkt auf Kontinentaleuropa konzentrieren. Es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass im kommenden Jahr auch nur eines der 50 neuen Flugzeuge in Großbritannien stationiert werde, sagte Firmenchef Michael O‘Leary (M.). „Wir werden all unser Wachstum in die Europäische Union umleiten.“ Bisher hat die irische Ryanair einen beträchtlichen Teil ihrer Flotte in Großbritannien stationiert. Der eingebrochene Pfund-Kurs werde die Bilanz belasten, die in Euro abgerechnet wird. Für Ryanair ist Großbritannien bislang der größte Markt.
Foto: dpaEasyjet
Die zweitgrößte europäische Billig-Airline Easyjet kassierte bereits die Prognose für das laufende Quartal. Wegen des Brexit könnten sich weniger Menschen im Sommer für eine Flugreise entscheiden. Zudem dürften gestiegene Treibstoffpreise und ungünstige Wechselkurse das Ergebnis im Ende September endenden Geschäftsjahr mit etwa 25 Millionen britischen Pfund (31 Millionen Euro) zusätzlich belasten. Easyjet-Chefin Carolyn McCall (Foto) versucht nun, an anderen Stellen im Unternehmen zu sparen.
Foto: REUTERSIAG
Die Entscheidung der Briten zum Austritt aus der EU durchkreuzt die Gewinnpläne der Fluggesellschaft British Airways und ihres Mutterkonzerns IAG. Schon in den Wochen vor dem Referendum habe sich der Ticketverkauf schwächer entwickelt als erwartet. Angesichts des Votums für den Brexit und der daraus entstandenen Marktturbulenzen werde der operative Gewinn in diesem Jahr zwar immer noch deutlich steigen, aber nicht mehr so stark wie im Jahr 2015. Zu IAG gehören neben British Airways auch die spanischen Fluglinien Iberia und Vueling sowie die irische Gesellschaft Aer Lingus.
Foto: REUTERSVirgin
Der Brexit wird das Land nach Einschätzung des britischen Milliardärs Richard Branson (Foto) in eine Rezession stürzen und zum Verlust Tausender Arbeitsplätze führen. „Wir steuern auf ein Desaster zu. Ich glaube nicht, dass die Bürger schon begriffen haben, was für einen Schlamassel ihr Votum auslösen wird“, sagte der Gründer der Virgin-Gruppe. Seine Fluggesellschaft habe nach dem Brexit-Entschluss bereits einen „sehr großen“ Deal abgesagt, der etwa 3000 Arbeitsplätze geschaffen hätte. Sein Unternehmen habe seit der überraschenden Brexit-Entscheidung etwa ein Drittel an Wert eingebüßt. Tausende und Abertausende Stellen würden dadurch verlorengehen.
Foto: dpaAirbus
Der Flugzeugbauer stellt seine Investitionspläne in Großbritannien auf den Prüfstand. Vorstandschef Tom Enders (Foto) sagte, Großbritannien werde sich jetzt „noch mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft gegenüber der EU und der gesamten Welt fokussieren. Aber natürlich werden wir unsere Investitionsvorhaben in Großbritannien überdenken, so wie jeder andere auch.“ Er hoffe, dass der wirtschaftliche Schaden durch den Brexit klein bleibe.
Foto: dpaSiemens
Der deutsche Industriekonzern Siemens friert seine Investitionspläne im Windkraftgeschäft in Großbritannien ein, bis es mehr Klarheit über die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU gebe. Siemens hatte 2014 zugesagt, 160 Millionen Pfund in zwei Werke bei Hull zu investieren. „Die Regierung muss jetzt schnell handeln und die Natur der britischen Handelsbeziehungen zu der EU und anderen Handelspartnern festlegen, damit es klare Aussichten gibt, um künftige Investitionen zu ermutigen“, erklärte das Unternehmen.
Foto: REUTERSToyota
Der Europa-Chef des japanischen Autoherstellers Toyota , Johan van Zyl, erklärte, das Unternehmen werde prüfen, wie eine nachhaltige Zukunft des Wirtschaftszweigs in Großbritannien sichergestellt werden könne. Ein Schrumpfen der Geschäfte von Toyota dort solle verhindert werden. Unmittelbare Auswirkungen werde die Brexit-Entscheidung aber nicht haben. Nun komme es auf die Austrittsverhandlungen mit der EU an.
Foto: dpaSuzuki
Der japanische Autobauer Suzuki teilte mit, die Währungsschwankungen nach der Brexit-Entscheidung würden wohl erheblichen Einfluss auf den Unternehmensgewinn haben. Suzuki werde mit Sparmaßnahmen gegensteuern.
Foto: dpaFord
Der US-Autobauer Ford hatte vor dem Referendum angekündigt, bei einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU über eine Kürzung seiner dortigen Investitionen nachzudenken. „Sollte ein Brexit zu einer signifikanten Verschlechterung der Geschäftsbedingungen und des Marktumfelds im Vereinigten Königreich führen, könnte dies unsere Entscheidungen beeinflussen. Die Überlegungen schließen mögliche künftige Investitionen ein", sagte Ford-Europa-Chef Jim Farley (1. Reihe 6.v.l). Ein Austritt des Landes aus der EU könnte zu wirtschaftlicher Instabilität und Unsicherheit führen. Die Folgen für Ford seien derzeit noch nicht absehbar.
Foto: CLARK/obsAston Martin
Der britische Luxuswagen-Bauer Aston Martin fordert die Regierung in London auf, rasch für Klarheit und wirtschaftliche Stabilität zu sorgen. Das werde der gesamten britischen Automobilindustrie helfen, sagt der für Finanzen verantwortliche Manager Mark Wilson.
Foto: REUTERSJP Morgan
Die amerikanische Investmentbank beschäftigt in Großbritannien 16.000 Mitarbeiter. Bis zu 4.000 Stellen könnten verlagert werden, hat JP-Morgan-Chef Jamie Dimon angekündigt.
Foto: REUTERSDeutsche Bank
Auch Deutschlands größtes Geldhaus, die Deutsche Bank, wird wohl Arbeitsplätze aus der britischen Hauptstadt verlagern – auch wenn keine Stellenzahl bekannt ist. „Der Finanzplatz wird nicht sterben, aber er wird schwächer“, hatte Deutsche-Bank-Chef John Cryan dem Handelsblatt kurz nach Bekanntwerden des Brexit-Votums gesagt. Es sei aber „gegen die Intuition“, wenn Euro-Produkte wie etwa italienische Staatsanleihen weiter von London aus gehandelt würden.
Foto: REUTERSHSBC
Die britische Großbank HSBC beschäftigt sich damit, wegen des Brexit rund 1000 Stellen nach Paris zu verlegen.
Foto: REUTERSMorgan Stanley
Die US-Investmentbank Morgan Stanley denkt ebenfalls über Veränderungen nach. Das Brexit-Votum sei eine „sehr signifikante Entscheidung, die beträchtliche Auswirkungen haben wird, deren Ausmaß für einige Zeit noch nicht bekannt sein wird“, sagte ein Sprecher des Instituts.
Foto: REUTERSGoldman Sachs
Die Investmentbank Goldman Sachs hatte vor dem EU-Referendum gewarnt, dass im Falle eines Brexit Tausende Stellen von Finanzunternehmen in andere EU-Länder verlegt werden könnten. Wie stark das eigene Haus betroffen sein dürfte, ist nicht bekannt.
Foto: APEuropean Banking Authority (EBA)
Die EBA legt für Banken mit Sitz in der Europäischen Union Regeln fest. Die Institution hat etwa 160 Mitarbeiter und wird wegen des Brexits umziehen. Als Standort sind Paris und Frankfurt im Rennen.
Foto: dpaAuf den ersten Blick sieht es so aus, als ob der Dax nach dem Brexit-Schock zur Tagesordnung zurückkehrt. Für die Märkte war es wichtig, dass es im Gegensatz zu 2008 nicht zu Panikreaktionen kam und die Liquiditätsversorgung kein Problem war. Die Notenbanken haben offensichtlich aus ihren Fehlern gelernt, von großen Schieflagen ist bisher nichts zu hören.
Für die generelle Stimmung ist es zudem ein Vorteil, dass sich derzeit keine weiteren Abwanderungsbewegungen in der EU breit machen, eher das Gegenteil: Die Briten sind zunehmend isoliert. In diesem Sinne kommt dem schottischen EU-Bekenntnis eine wichtige Rolle zu – und auch Meldungen, wie leid es vielen Briten tut, dass sie die EU verlassen müssen.
Indessen, die wirtschaftlichen Folgen sind schon spürbar – und dieser Effekt wird sich in den nächsten Monaten verstärken. Der Rückgang des Pfund Sterling auf mittlerweile weniger als 1,20 Euro belastet zahlreiche europäische Exporteure, weil ihre Waren für Briten nun teurer werden.
Zugleich hat der Kapitalabzug aus Britannien begonnen. Das trifft vor allem den aufgeblähten Immobilienmarkt. Britische Immobilienaktien haben sich in kürzester Zeit halbiert.
Keine Entwarnung auch bei den Banken – und zwar auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Dass es britische Banken massiv erwischt, war abzusehen. Doch auch französische und deutsche Geldhäuser werden durch den Brexit belastet. London war bisher mit Abstand der wichtigste europäische Finanzplatz mit entsprechenden Vertretungen und Beteiligungen europäischer Banken. Bei der Deutschen Bank konnte man manchmal den Eindruck haben, dass sie eigentlich von der Themse aus regiert werde und nicht vom Main.
Das ist nun alles Historie.
Autoindustrie
Die Queen fährt Land Rover – unter anderem. Autos von Bentley und Rolls-Royce stehen auch in der königlichen Garage. Die britischen Autobauer werden es künftig wohl etwas schwerer haben, ihre Autos nach Europa und den Rest der Welt zu exportieren – je nach dem, was die Verhandlungen über eine künftige Zusammenarbeit ergeben.
Auch deutsche Autobauer sind betroffen: Jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht nach Angaben des Branchenverbandes VDA ins Vereinigte Königreich. Autos deutscher Konzernmarken haben danach auf der Insel einen Marktanteil von gut 50 Prozent. BMW verkaufte in Großbritannien im vergangenen Jahr 236.000 Autos – das waren mehr als 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Audi waren es 9, bei Mercedes 8, beim VW-Konzern insgesamt 6 Prozent.
Für Stefan Bratzel wird der Brexit merkliche negative Auswirkungen auf die Automobilindustrie haben, die im Einzelnen noch gar nicht abschließend bewertet werden können. „Der Brexit wird so insgesamt zu einem schleichenden Exit der Automobilindustrie von der Insel führen“, sagt der Auto-Professor. „Wirkliche Gewinner gibt es keine.“
Foto: REUTERSFinanzbranche
Banken brauchen für Dienstleistungen innerhalb der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Derzeit können sie grenzüberschreitend frei agieren. Durch den Brexit werden Handelsbarrieren befürchtet.
Foto: REUTERSFinTechs
Die Nähe zum Finanzplatz London und die branchenfreundliche Gesetzgebung machten Großbritannien in den vergangenen Jahren zu einem bevorzugten Standort für Anbieter internetbasierender Bezahl- und Transaktionsdienste, im Branchenjargon „FinTech“ genannt. Das dürfte sich nun ändern. Der Brexit-Entscheid werde bei den rund 500 im Königreich ansässigen FinTechs „unvermeidlich“ zu einer Abwanderung von der Insel führen, erwartet Simon Black. Grund dafür sei, so der Chef des Zahlungsdienstleisters PPRO, da ihr „Status als von der EU und EWR anerkannte Finanzinstitutionen nun gefährdet ist“.
Simon erwartet von sofort an eine Verlagerung des Geschäfts und die Schaffung neuer Arbeitsplätze außerhalb von Großbritannien. „FinTech-Gewinner des Brexits werden meines Erachtens Amsterdam, Dublin und Luxemburg sein.“ Als Folge entgingen Großbritannien, kalkuliert Black, „in den nächsten zehn Jahren rund 5 Milliarden Britische Pfund an Steuereinnahmen verloren“.
Foto: ReutersWissenschaft
Auch in der Forschungswelt herrscht beidseits des Kanals große Sorge über die Möglichkeiten zukünftiger Zusammenarbeit. Die EU verliere mit Großbritannien einen wertvollen Partner, ausgerechnet in einer Zeit, in der grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit mehr denn je gebraucht werde, beklagt etwa Rolf Heuer, Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. „Wissenschaft muss helfen, Grenzen zu überwinden.“
Venki Ramakrishnan, der Präsident der Royal Society, fordert, den freien Austausch von Ideen und Menschen auch nach einem Austritt unbedingt weiter zu ermöglichen. Andernfalls drohe der Wissenschaftswelt „ernsthafter Schaden“. Wie das aussehen kann, zeigt der Blick in die Schweiz, die zuletzt, nach einer Volksentscheidung zur drastischen Begrenzung von Zuwanderung, den Zugang zu den wichtigsten EU-Forschungsförderprogramme verloren hat.
Foto: dpaDigitalwirtschaft
Die Abkehr der Briten von der EU dürfte auch die Chancen der europäischen Internetunternehmen im weltweiten Wettbewerb verschlechtern. „Durch das Ausscheiden des wichtigen Mitgliedslands Großbritannien aus der EU werde der Versuch der EU-Kommission deutlich erschwert, einen großen einheitlichen digitalen Binnenmarkt zu schaffen, um den Unternehmen einen Wettbewerb auf Augenhöhe mit Ländern wie den USA oder China zu ermöglichen“, kommentiert Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer beim IT-Verband Bitkom, den Volksentscheid. Daneben werde auch der Handel zwischen den einzelnen Ländern direkt betroffen: 2015 exportierte Deutschland ITK-Geräte und Unterhaltungselektronik im Wert von 2,9 Milliarden Euro nach Großbritannien geliefert; acht Prozent der gesamten ITK-Ausfuhren aus Deutschland. „Damit ist das Land knapp hinter Frankreich das zweitwichtigste Ausfuhrland für die deutschen Unternehmen.“
Foto: REUTERSChemieindustrie
Die Unternehmen befürchten einen Rückgang grenzüberschreitender Investitionen und weniger Handel. Im vergangenen Jahr exportierte die Branche nach Angaben ihres Verbandes VCI Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro nach Großbritannien, vor allem Spezialchemikalien und Pharmazeutika. Das entspricht 7,3 Prozent ihrer Exporte. Von der Insel bezogen die deutschen Firmen Waren für 5,6 Milliarden Euro, vor allem pharmazeutische Vorprodukte und Petrochemikalien.
Foto: REUTERSElektroindustrie
Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts sehen sich besonders viele Firmen betroffen (52 Prozent). Das Vereinigte Königreich ist der viertwichtigste Abnehmer für Elektroprodukte „Made in Germany“ weltweit und der drittgrößte Investitionsstandort für die Unternehmen im Ausland. Dem Branchenverband ZVEI zufolge lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Elektroprodukte im Wert von 9,9 Milliarden Euro nach Großbritannien. Dies entspreche einem Anteil von 5,7 Prozent an den deutschen Elektroausfuhren.
Foto: dpaMaschinenbau
Die deutsche Schlüsselindustrie sorgt sich um einen ihrer wichtigsten Exportmärkte. Die Unternehmen lieferten 2015 Maschinen im Volumen von 7,2 Milliarden Euro nach Großbritannien. Das Vereinigte Königreich belegt damit Rang vier der wichtigsten Ausfuhrländer für Maschinen „Made in Germany“. Deutschland ist dem Branchenverband VDMA zufolge der wichtigste Lieferant der Briten, 2015 kamen 20,6 Prozent der importieren Maschinen aus der Bundesrepublik.
Auch britische Maschinenbauer haben Sorgen vor dem, was jetzt kommt. PK Engineering etwa hat zuletzt Investitionen aufgeschoben, kein hoch qualifiziertes Personal mehr eingestellt.
Foto: REUTERSLuftfahrt
Die Investmentbank HSBC rät in einer aktuellen Studie zum Verkauf von Aktien aller europäischen Fluglinien. „Wir erwarten, dass der Flugverkehr nach Großbritannien spürbar zurückgeht und zwar sowohl bei Urlaubern aus Großbritannien als auch beim Geschäftsreiseverkehr von und nach Großbritannien“, schreiben die Analysten. „Während der zu erwartenden Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU rechnen wir mit einer hohen Unsicherheit ob und unter welchen Bedingungen Großbritannien sich an den EU Single Aviation Area genannten gemeinsamen Flugmarkt anschließt. Dafür werden alle auf den britischen Inseln tätigen Fluglinien wie Easyjet, Ryanair, Norwegian und Wizzair wahrscheinlich neue Beteiligungen in der EU gründen, was zu höheren Kosten führt.“
Foto: APImmobilien
Der deutsche Immobilienmarkt kann zum Brexit-Profiteur werden. Globale Unternehmen mit Europazentrale in London haben nämlich gute Gründe, über eine Verlagerung in andere europäische Städte und gerade nach Frankfurt als Standort der EZB nachzudenken. Etwa um, „Nachteile in regulatorischer oder steuerlicher Hinsicht zu vermeiden, die ein Sitz außerhalb der EU mit sich bringen könnte“, meint Ulrich Höller, Vorsitzender des Vorstands der GEG German Estate Group. Der Immobilienprofi glaubt, dass deshalb nun „institutionelle Investoren verstärkt die vergleichsweise attraktiven Immobilienmärkte in Europa ins Visier nehmen werden“.
Foto: dpaBanken, Chemie, Versicherer und Autohersteller angeschlagen
Wenn die Briten mit ihrem Austritt vorankommen, wird London einen Niedergang erleben. Die damit verbundene Umorientierung wird für die Banken nicht billig – gerade jetzt, wo sie angesichts minimaler Zinsspannen ohnehin mit dem Rücken zur Wand stehen.
Ob der spezielle Niedergang der Deutschen Bank durch den Brexit zusätzlich beschleunigt wird, sei dahingestellt. Dass Deutschlands einst führendes Geldhaus mittlerweile als Systemrisiko gilt, ist beispielhaft für die marode Verfassung der Finanzbranche.
Die von Britannien ausgehende Krise könnte die deutsche Wirtschaft etwa einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten. Daran gemessen ist die Reaktion im Dax nach den ersten Erholungstagen keineswegs überzogen. Man kann nicht sagen, der Index sei inklusive Brexit-Folgen bei 9700 Punkten fundamental billig, wenn er ohne Brexit bei 10.500 Punkten angemessen bewertet war.
Die kritische Marktverfassung zeigt sich in den Einzelwerten. Neben den schwachen Banken geraten die Versicherer immer mehr unter Druck. Offensichtlich gelingt es ihnen immer weniger, angesichts niedriger oder negativer Zinsen ihr Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten.
Über Jahre hinweg konnten die Allianz und die Münchener Rück von ihren alten, hochverzinslichen Papieren profitieren. Doch die Uhr läuft gegen die Versicherer. Neuanlagen bringen entweder gar nichts mehr, oder sie bergen hohe Risiken. Den Anlagenotstand, den derzeit jeder Privatanleger in seinem Depot spürt, erleben die Versicherer in wesentlich größerer Dimension.
Wenn sich die Allianz an Windkraftanlagen oder Start-Ups beteiligt, mag das auf den ersten Blick smart aussehen. Es ist aber nichts anderes als eine Notlösung, die zeigt, wie angespannt das Geschäft der Versicherer mittlerweile geworden ist. Und das spiegelt sich in den möglichen großen Wendeformationen, die im Kursbild der Allianz und der Münchener Rück entstehen.
Die nächsten Vorzeigeunternehmen, die in die Krise steuern, sind die Autohersteller. Geht man nur von den Zahlen aus, läuft es bei BMW und Daimler eigentlich noch gut. Womöglich übertreibt hier die Börse mit ihrem Hype, dass die Mobilität der Zukunft nur noch von internet-affinen Technologiekonzernen bestimmt werde und nicht mehr von klassischen Autobauern.
An dieser Stelle sei die These gewagt, dass es bei der faktischen Mobilität, also dem realen Transport von Personen oder Gütern, gerade deshalb in Zukunft mehr denn je auf die Hardware ankommen wird: Continental etwa verdient das meiste Geld mit der Produktion von Reifen und nicht mit digitalen Steuersystemen für Abgase oder Bremsen. Das Rad wird auch in 100 Jahren noch an Genialität nicht zu überbieten sein – und dementsprechend gefragt bleiben gute Reifen.
Von ihrem klassischen Geschäftsmodell verabschiedet haben sich die Versorger. Immerhin, deren Aktien sind in den vergangenen Monaten nicht mehr gesunken. Da sie allerdings auf niedrigem Niveau notieren, hilft diese relative Stabilität dem Index kaum.
Angeschlagen sind die Großchemiker. BASF leidet immer noch unter den Folgen der Ölbaisse, dürfte aber die größten Risiken mittlerweile verarbeitet haben. Bayer ist durch den teuren Angriff auf Monsanto in einer prekären Lage, die zudem auch noch durch hohe Unsicherheit über den neuen Kurs geprägt ist. Außer kurzfristige Erholungen bietet die Aktie derzeit nichts für Käufer.
Es gibt im Dax auch Lichtblicke. Am Tag des Brexits gab Henkel eine richtungsweisende Übernahme bekannt. Mit dem Kauf des Waschmittelherstellers Sun Products verstärken die Düsseldorfer ihr stabiles Konsumgeschäft, vergrößern den wichtigen US-Anteil – und sind nebenbei nur mit zwei Prozent Umsatz in Großbritannien vertreten.
19. Oktober 1987 – der „Schwarze Montag”
Am „Schwarzen Montag” brach der US-Standardwerte-Index Dow Jones um 22,6 Prozent ein. Das ist der größte Tagesverlust seiner Geschichte. Die Panikverkäufe breiteten sich schnell auf alle wichtigen internationalen Handelsplätze aus. Der Tokioter Leitindex Nikkei rauschte nach dem Crash an den US-Börsen um knapp 15 Prozent in die Tiefe. Der Londoner Auswahlindex FTSE verbuchte mit knapp elf Prozent lediglich den zweitgrößten Tagesverlust seiner Geschichte. Tags darauf beschleunigte er jedoch seine Talfahrt und verlor gut zwölf Prozent.
Foto: dpa16. Oktober 1989 – der Dax-Absturz
Der deutsche Leitindex Dax, der erst 1988 aus der Taufe gehoben wurde, fiel um rund 13 Prozent und folgte damit der Wall Street, wo Finanzierungsschwierigkeiten beim Kauf der US-Fluggesellschaft UAL einen Ausverkauf auslösten. Für den Dax ist das der erste und der größte Crash seiner Geschichte.
Foto: AP23. Mai 1995 – die Asien-Krise
Nicht nur die Jahre 2015 und 2016 machten China für Aktienabstürze bekannt. Den ersten größeren Crash gab es vor rund 11 Jahren: Die Furcht vor Eingriffen der Regierung in den chinesischen Aktienmarkt ließ den Shanghai-Composite Index um 16,4 Prozent abstürzen.
Foto: REUTERS6. Oktober 2008 – das Lehman-Beben
Kurz nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers wurde die Unsicherheit an den Aktienmärkten immer größer. Der italienische Leitindex verbuchte mit einem Abschlag von mehr als acht Prozent seinen größten Tagesverlust, der Leitindex der portugiesischen Börse gab knapp zehn Prozent nach. Der EuroStoxx50 fiel um acht Prozent. An der Wall Street ging es ebenfalls bergab, allerdings nicht ganz so stark: Der Dow-Jones-Index gab 3,6 Prozent nach. Auch für den Dax ging es kräftig bergab. Der Dax schloss mit einem Minus von 7,1 Prozent auf 5387 Punkten.
Foto: dpa3. August 2015 – die griechische Tragödie
Die Verhandlungen Griechenlands mit seinen Gläubigern haben im Sommer 2015 für ein Kursbeben an der Börse des Landes gesorgt. Zuvor wurden die Märkte geschlossen, um Kapitalmarkt-Turbulenzen zu verhindern. Allerdings blieb der Erfolg überschaubar: Am ersten Tag nach der fünfwöchigen Zwangspause stürzte die Athener Börse ins Bodenlose. Der Leitindex verbuchte mit einem Minus von 16 Prozent den größten Tagesverlust seiner Geschichte.
Foto: dpa24. August 2015 – ein neuer China-Crash
Bereits im Sommer 2015 sorgte China für Panik unter den Anlegern weltweit. Angesichts der Furcht vor einem deutlichen Konjunktureinbruch in der Volksrepublik rutschten die Börsen rund um den Globus immer weiter ab. Der Shanghai Composite Index brach um 8,5 Prozent ein. Der Dax verlor in der Spitze 7,8 Prozent auf 9338 Punkte. An der Wall Street stürzt der Dow-Jones-Index zeitweise um 6,6 Prozent und der Nasdaq-Composite sogar um bis zu 8,8 Prozent ab.
Foto: dpa07. Januar 2016 – und wieder ein Drachen-Kursbeben
Die neuerliche Abwertung der chinesischen Landeswährung lässt die Aktienbörsen in der Volksrepublik wanken. Am 7. Januar wurde der Handel an der chinesischen Börse das zweite Mal binnen weniger Tage per Notbremse gestoppt, nachdem die Leitindizes um sieben Prozent absackten. Die Sitzung dauerte weniger als eine halbe Stunde und war damit der kürzeste Börsentag in Chinas Geschichte. Der Dax rauscht das erste Mal seit Oktober wieder unter die 10.000-Punkte-Marke und gibt zeitweise knapp vier Prozent nach.
Foto: dpaBörse in Frankfurt/Main nach Brexit-Abstimmung
Am 24. Juni 2016 ereilte die Börsianer ein „Schwarzer Freitag”. Grund war das britische Votum, die EU zu verlassen („Brexit”). Der Dax stürzte gleich zur Eröffnung rund zehn Prozent in die Tiefe auf 9226 Punkte.
Foto: dpaSchon in den vergangenen Jahren hat sich Henkel auch ohne große Übernahmen gut zu immer mehr Rentabilität entwickelt. Henkel gehört zu den aussichtsreichsten Unternehmen im Dax, die Aktie ist ein Basisinvestment.
Infineon und SAP robust
Im Grunde gilt das auch für andere Dauerläufer: Für Beiersdorf, obwohl die Aktie analytisch teuer ist (doch das ist Beiersdorf seit Jahrzehnten); für Adidas, deren Kursrally immer deutlichere Fragen nach möglichen Aufkäufern stellt; für Fresenius, obwohl jetzt ein ausgewiesener Finanzmann an die Spitze kommt und kein Dialyse-Experte. Robust sind SAP und Infineon, hier treiben die großen Trends Cloud und Digitalisierung.
Einigermaßen stabil ist Siemens, wenngleich hier ein allgemeiner Konjunktureinbruch doch spürbar wäre. Linde und Thyssenkrupp sind mittlerweile Spekulationen auf die Rückkehr der Investoren.
Fazit für den Dax: Von der gefährlichen Untergrenze bei 8900 Punkten, bei der es dann um den Bestand des langfristigen Trends ginge, ist der Dax in gutes Stück entfernt.
Der Markt hat also Spielraum für kurz- bis mittelfristige Schwankungen, ohne den großen Trend zu gefährden. Damit gilt die seit Frühjahr 2015 anhaltende Schaukelpartie immer noch als Korrekturphase im großen Aufwärtstrend und nicht als Abwärtswende.
Um dieses positive Szenario aufrecht zu erhalten, wäre es gut, wenn sich der Dax in den nächsten Wochen zwischen 9300 bis 10.200 stabilisiert. Ein Rückfall in den Bereich um 9000 und dort dann nur mühsame Erholungen, wäre gefährlich. Immerhin, aus technischer Sicht spricht derzeit trotz Brexit immer noch mehr für die Fortsetzung des großen Aufwärtstrends als für einen großen Zusammenbruch.