Riedls Dax-Radar: Siemens, SAP und die Telekom retten den Dax
Viel fehlte nicht mehr, und der Dax hätte mit einem heftigen Rutsch unter die Zone um 19.000 Punkte ein Verkaufssignal gegeben. Die Angst vor den Folgen der kommenden Präsidentschaft von Donald Trump, vor Zöllen und anderen hohen Belastungen für deutsche Unternehmen sowie Nachteile und höhere Kosten für die deutsche Wirtschaft bremsen den deutschen Aktienmarkt seit dem Wahlentscheid.
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Vom Kurssprung auf neue Höhen, den Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq zuletzt geschafft haben, ist hierzulande wenig zu spüren. Im Gegenteil: Bis auf 18.840 Zähler ist der Dax im Tagesverlauf vergangene Woche abgesackt – doch dann kam Siemens.
Mit neun Milliarden Euro Nettogewinn hat der Münchner Technologiekonzern im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr 2023/24 so viel verdient wie noch nie seit seiner Gründung 1847. Mit 75,9 Milliarden Euro kletterte der Umsatz auf vergleichbarer Basis um drei Prozent, der Auftragsbestand erreichte mit 113 Milliarden Euro Rekordniveau, das Eigenkapital hat auf solide 56 Milliarden zugelegt. Schulden sind, wie so oft bei Siemens, kein Thema, sie machen nur das 0,7-Fache vom Gewinn vor Zinsen, Steuern und Wertveränderungen (Ebitda) aus.
Siemens profitiert davon, dass seine Kerngeschäfte weltweit gefragt sind: Automatisierung und Digitalisierung in der Industrie, Ausbau der Infrastruktur, Modernisierung des Schienenverkehrs. Zugleich schneidet der Medizintechnik-Ableger Siemens Healthineers trotz schwieriger Branchenkonjunktur besser ab als erwartet. Selbst das ehemalige Sorgenkind Siemens Energy, an dem Siemens noch mit 17 Prozent beteiligt ist, bekommt die Probleme um sein spanisches Windkraftgeschäft in den Griff, kann den Auftragseingang erhöhen und hat Aussicht auf substanzielle Gewinne.
An der Börse kommt Siemens zudem seine Transformation zum Technologie- und Softwareanbieter zugute. Die Bewertungen, die sich hier bei einem erfolgreichen Geschäftsverlauf erschließen, können wesentlich höher ausfallen als bei einem Industriekonzern.
Sollte Siemens etwa mittelfristig zehn Milliarden Euro Nettogewinn erzielen, ergäbe schon eine realistische zwanzigfache Gewinnbewertung eine Marktkapitalisierung von 200 Milliarden Euro. Umgerechnet auf die einzelne Aktie wären das Kurse von mehr als 250 Euro. Mit Blick auf die Performance der Aktie, die sich seit dem Coronatief verdreifacht hat, wäre das ein realistisches, mittelfristiges Kursziel.
SAP-Aktien: 15 Prozent im Dax sind nicht genug
Angesichts trüber allgemeiner Aussichten für die deutsche Wirtschaft ist das starke Abschneiden von Siemens, größter Technologiekonzern des Landes, ein Hoffnungssignal für den deutschen Kapitalmarkt. Genauso gilt das für den größten deutschen Softwarekonzern, für SAP, dessen Geschäfts- und Kursverlauf seit gut zwei Jahren steil nach oben zeigen. Mit 29 Prozent mehr Umsatz im dritten Quartal, 34 Prozent Wachstum im zukunftsträchtigen Cloudgeschäft sowie 13 Prozent mehr Nettogewinn gleichen die Walldorfer den schwächeren Jahresbeginn aus. Spätestens 2025 könnten sie unterm Strich mehr als sechs Milliarden Euro Rekordgewinn einfahren. SAP-Aktien, die derzeit zwischen 212 und 225 Euro in einer kurzfristigen Konsolidierung stecken, könnten dann Notierungen von 250 Euro und mehr erreichen.
Mit 270 Milliarden Euro Marktkapitalisierung macht SAP allein derzeit 15,9 Prozent der gesamten Dax-Bewertung aus. SAP-Aktien pendeln damit etwas über der Kappungsgrenze in der Indexberechnung von 15 Prozent, die verhindern soll, dass der Dax von einzelnen Aktien zu stark dominiert wird. Ob das bei einer weltumspannenden Wirtschaft noch zeitgemäß ist und einem globalen Wachstumsunternehmen wie SAP gerecht wird, ist fraglich. Auch Siemens-Aktien, die derzeit etwa neun Prozent des Index ausmachen, könnten eines Tages in Richtung 15-Prozent-Grenze vordringen.
Deutsche Telekom: Volksaktie im Spitzentrio
Nicht ganz so sichtbar wie Siemens oder SAP hat sich ein drittes Schwergewicht im Dax in den vergangenen Jahren nach oben geschoben: die Deutsche Telekom. Deren Kurs hat sich seit dem Coronatief fast verdreifacht. Die Telekom ist bei 143 Milliarden Marktkapitalisierung mittlerweile die drittwichtigste Aktie im Dax.
Die jüngsten Zahlen des Bonner Kommunikationskonzerns stimmen. Vor allem dank des starken Geschäfts des Ablegers T-Mobile US, das auch unter der Präsidentschaft von Donald Trump nicht leiden dürfte, erhöhte sie den Umsatz im dritten Quartal um drei Prozent auf 28,5 Milliarden Euro. Der Nettogewinn kletterte sogar um 54 Prozent auf drei Milliarden Euro. Wichtig dabei: Die Telekom kommt mit dem Abbau ihrer Schulden voran, die sie binnen Jahresfrist um 6,1 Prozent verringert hat. 128,7 Milliarden Euro Nettoschulden sind in Zeiten erhöhter Zinsen zwar immer noch reichlich, bei einem in diesem Jahr möglichen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Wertveränderungen von gut 50 Milliarden Euro aber nur rund das Zweieinhalbfache des Ebitda. Eine verträgliche Relation, die von der Telekom mittelfristig noch auf das Zweifache gesenkt werden dürfte.
Telekom-Aktien, die seit dem Anstieg über das jüngste Hoch bei 23 Euro ein weiteres, prozyklisches Kaufsignal gegeben haben, könnten als nächstes Ziel Kurse um 30 Euro ansteuern; ein Niveau, auf dem die Aktie letztmals im Frühjahr 2001 notierte.
Fazit für den Dax: Starke Favoriten wie Siemens, SAP und die Deutsche Telekom, die als die drei schwersten Einzelwerte zusammen ein Drittel der gesamten Indexbewertung ausmachen, sind die wichtigste Triebkraft für den Dax. Sie sind zudem der entscheidende Grund dafür, dass der Dax trotz hierzulande schwacher allgemeiner Konjunktur und Querelen um die Wirtschaftspolitik letztlich in einer langjährigen Aufwärtsentwicklung verläuft.
Kurzfristig wäre es dabei gut, wenn der Dax auch weiterhin die wichtige Unterstützungszone zwischen 18.700 und 19.000 Punkten verteidigen könnte. Sollte das nicht gelingen, könnte ein schneller Rutsch auf 18.500 Punkte folgen, hier verlaufen die 200-Tagelinie und der seit Herbst 2023 bestehende Aufwärtstrend.
Rückenwind für eine Stabilisierung könnte ausgerechnet aus den USA kommen. Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq haben in den vergangenen Tagen die neuen Höhen, auf die sie nach dem Trump-Sieg vorgedrungen sind, gut gehalten. Amerikanische Top-Aktien wie Nvidia, Amazon oder Microsoft sehen robust aus, auch Apple hat sich fast wieder bis zum Allzeithoch vorgearbeitet. All das sind Zeichen, die eher für eine Trendfortsetzung sprechen als für eine Umkehr. Auch der Dax hat damit immer noch die Chance auf eine Jahresendrally.
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