Riedls Dax-Radar: Zittern um Frankreich und Ende der Zinshoffnungen
Anstehende Neuwahlen sorgen für Turbulenzen an Frankreichs Märkten
Foto: imago imagesFür ein paar Stunden sah es so aus, als ob der Dax die Wende nach oben noch schafft. Als die Inflationsdaten aus den USA für Mai mit 3,3 Prozent nach 3,4 Prozent im April eine Entspannung signalisierten, schnellte der Deutsche Aktienindex von 18.350 auf über 18.600 Punkte nach oben. Dies hätte durchaus der Start einer neuen Rally werden können. Doch zwei Probleme funken dazwischen – und die dürften in den nächsten Wochen die Kurse zittern lassen.
Zum einen zeigt sich die amerikanische Notenbank bei den erhofften Zinssenkungen nun ziemlich zugeknöpft. Trotz jüngster Preisentspannungen deutet die Fed für dieses Jahr womöglich nur eine einzige Zinssenkung an. Zudem hat es Fed-Chef Powell dabei keineswegs eilig, sondern will einen solchen Schritt von der jeweiligen Datenlage abhängig machen. Von der Ende vergangenen Jahres vorherrschenden Zinseuphorie an den Märkten ist praktisch nichts mehr übriggeblieben.
Das zweite, durchaus gefährliche Problem, das derzeit an den Märkten entstanden ist, sind die unerwarteten politischen Turbulenzen in Europa inklusive ihrer möglichen wirtschaftlichen Folgen. Seit Monaten warnen internationale Beobachter wie der IWF von der wirtschaftlichen Schwäche Deutschlands, der größten Volkswirtschaft Europas. Nach den Wahlen zum EU-Parlament ist ein Ende dieser Durststrecke alles andere als abzusehen.
Schlimmer noch: Nun gerät mit dem politischen Erdbeben in Frankreich auch der zweite, zentrale Pfeiler der Eurozone ins Wanken. Präsident Emmanuel Macron löst die Nationalversammlung auf und setzt Neuwahlen an für den 30. Juni und den 7. Juli.
Die Reaktion an den Märkten folgt prompt: Der französische Aktienindex CAC 40, schon seit Ende Mai auffallend schwach, knickt ein und bricht das wichtige Unterstützungsniveau bei 7900 Punkten. Das Kursbild, das der Indexverlauf von März bis Juni gebildet hat, zeigt nun eine klassische obere Wendeformation; ein gefährliches Muster, dem oft ein deutlicher Kursrückgang folgt. Wichtige Aktien des CAC 40, Versicherer AXA, Großbank BNP Paribas oder Rüstungskonzern Safran, bestätigen die Schwäche. Selbst die luxuriösen Schwergewichte der Pariser Börse, LVMH und L‘Oreal, geraten unter Druck. Insgesamt deutet diese Konstellation darauf hin, dass sich der französische Aktienmarkt von der Wahlentscheidung nicht mehr erholen dürfte.
Frankreichs Schwäche zieht auch den Euro Stoxx 50 nach unten, den wichtigsten Aktienindex der Eurozone. Hatten die EU-Titel noch Anfang Juni mit ihrer Rally bis fast zum alten Hoch auf eine neue Stärke Europas hoffen lassen, sind die Aktien der EU nun fast bis zum Mai-Tiefpunkt abgekippt. Und sollte der Euro Stoxx 50 Index das Niveau um 4900 Punkten nicht halten, hätte er wie der CAC 40 eine typische Abwärtswende vollzogen.
Aktien schwach, aber vage Hoffnungen von den Bondmärkten
Immerhin, nur düster sieht es an den Wertpapiermärkten nicht aus: Die Renditen zehnjähriger französischer Staatsanleihen, die direkt nach dem Wahlausgang von 3,11 auf 3,33 Prozent hochgeschnellt ist (zum Vergleich: Die Rendite zehnjähriger Bundespapiere kletterte in der ersten Reaktion auf den Wahlausgang nur von 2,63 auf 2,68 Prozent), hat sich seitdem wieder auf 3,15 Prozent beruhigt.
Im Gegensatz zu den oft kurzlebigen und nervösen Aktienmärkten sind die Bondmärkte in der Regel nüchterner und professioneller. Hier geht es nicht um kleine Wertveränderungen, sondern im Mittelpunkt steht stets die entscheidende Frage: Kann ein Schuldner Zinszahlungen und Tilgung leisten oder nicht.
Aktuell haben französische Bonds bei 3,15 Prozent Rendite gegenüber Bunds (2,44 Prozent) einen Renditeaufschlag von 0,71 Prozentpunkten. Beim jüngsten mittelfristigen Zinstief Ende Dezember 2023 betrug der Aufschlag noch 0,51 Prozentpunkte. Das bedeutet: Schon seit Monaten signalisieren die Bondmärkte eine Zunahme des französischen Risikos, sehen das bisher aber eher als tendenzielle Entwicklung und noch nicht als kritischen Bruch.
Sowohl Euro Stoxx als auch Dax dürften damit eher eine Zitterpartie bevorstehen als ein dramatischer Rückschlag. Andererseits ist eine nachhaltige Erholung vor der Wahlentscheidung wenig wahrscheinlich. Und sollte Macron dabei schwach abschneiden, könnte dies durchaus weitere Verluste zufolge haben.
Schon seit Monaten kehren immer mehr internationale Großinvestoren Europa den Rücken. Eine Entwicklung, die bisher vor allem Deutschland betraf und nun zunehmend auch Frankreich. Auf der anderen Seite heißt das: Sollte Macron bei den Neuwahlen doch besser als befürchtet abschneiden, ist eine schnelle und dynamische Erholung in Sicht.
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Als Linie im Sand kann für taktische Investoren das Mai-Tief des Euro-Stoxx-Index dienen, das bei knapp 4900 Punkten lag. Ein Bruch dieser wichtigen Unterstützung könnte auch bei EU-Aktien in eine mehrmonatige Korrektur oder Abwärtsbewegung münden. Für marktbreite Standardwerte ist das kein ideales Szenario. Im Mittelfeld des Dax jedoch gibt es eine Reihe von Favoriten, die unabhängig davon derzeit in einer vielversprechenden Entwicklung stecken.
Adidas: EM-Effekt mit einem durchschnittlichen Vorteil von neun Prozentpunkten
Die Fußballeuropameisterschaft, die an diesem Wochenende beginnt, gibt Sportartikler Adidas Rückenwind. Schwarz auf weiß zeigen die Zahlen der vergangenen Europameisterschaften, wie dieser Effekt ausfallen kann. 2021 – der EM-Termin war wegen Corona ein Jahr verschoben worden – kam es bei Adidas zu einem massiven Anstieg des operativen Gewinns. Auch wenn dies auf die generellen Folgen nach der überwundenen Pandemie zurückzuführen war, wurden die Sportgeschäfte durch die Großveranstaltung zusätzlich angekurbelt. Auch im EM-Jahr 2016 gab es einen deutlichen Umsatzschub, der Betriebsgewinn legte um 40 Prozent zu. 2012 schließlich veränderte sich der operative Gewinn von Adidas zwar kaum, der Umsatzanstieg hingegen fiel überdurchschnittlich aus.
Noch deutlicher zeigt sich der EM-Effekt im Kursverlauf der Adidas-Aktie. In der Zeit der EM 2021, vom 11. Juni bis zum 11. Juli jenes Jahres, entwickelten sich Adidas-Aktien um acht Prozentpunkte besser als der Dax. Vor allem in der zweiten Juni-Hälfte, also mitten in der EM-Begeisterung, zog die Aktie deutlich an. 2016 kam es zu einer ähnlichen Koinzidenz: Bei unentschiedenem Gesamtmarkt liefen Adidas-Aktien um neun Prozentpunkte besser als der Dax. 2012 schließlich schaffte Adidas eine Outperformance von 10 Prozentpunkten. Im Durchschnitt ergab sich bei den vergangenen drei Europameisterschaften also ein positiver Effekt für Adidas-Aktien von neun Prozentpunkten.
In diesem Jahr ist das Umfeld für eine solche Entwicklung nicht schlecht. Nach 75 Millionen Euro Verlust in der Saison 2023 erwarten Banken von Adidas 2024 wieder den Dreh in die schwarzen Zahlen. Die Hochrechnungen liegen bei 500 bis 600 Millionen Euro. Mit 171 Millionen Euro war das erste Quartal dafür eine gute Vorlage. In den nächsten Jahren erwarten Analysten dann Gewinne im Milliardenbereich.
Adidas-Aktien sollten sich in der aktuellen Zitterbörse weiter oberhalb der Marke von 220 Euro behaupten. Gelingt auf der Oberseite der Schwankungen der Anstieg über 235 Euro, dürfte die nächste Station dann bei gut 250 Euro liegen.
Hannover Rück: Risikoabsicherung ist ein gefragtes Geschäftsmodell
Zu den starken Aktien im Dax gehört seit zwei Jahren WirtschaftsWoche-Favorit Hannover Rück. Das erste Quartal 2024 verlief gut: Das Geschäftsvolumen in der Rückversicherung kletterte um knapp zwei Prozent auf 6,7 Milliarden Euro, die Großschäden lagen bequem innerhalb des erwarteten Budgets, die Kapitalanlagerendite betrug mit 3,3 Prozent mehr als erwartet. Unterm Strich kletterte der Nettogewinn um 15 Prozent auf 558 Millionen Euro.
Dynamischer Gewinntreiber ist das Kapitalanlageergebnis, das um ein Drittel auf 498 Millionen Euro stieg. Hochgerechnet auf ein Jahr ergäbe dies gegenüber 2023 einen positiven Swing von rund einer halben Milliarde Euro. Vor allem dank ihres starken Portfolios aus festverzinslichen Wertpapieren ist die Hannover Rück ein Zinsgewinner. Die Schaden-Kosten-Quote sollte mit 89 Prozent auf niedrigem Niveau bleiben, ein Zeichen für stabile Rentabilität. Die Solvenzquote liegt bei 267 Prozent. Das Unternehmen kann damit angenommene Risiken mit mehr als dem Zweieinhalbfachen mit eigenen Mitteln abfedern; ein überdurchschnittlich hoher Wert. Die jüngsten Vertragserneuerungen mit den Erstversicherern waren erfolgreich, weil Rückversicherung angesichts eines weltweit immer fragileren Umfelds aus Naturkatastrophen, Wetterfolgen sowie industriellen oder baulichen Großschäden gefragter sind denn je.
Für 2024 planen die Hannoveraner 2,1 Milliarden Euro Nettogewinn. Das ist, wenn es nicht zu schweren Turbulenzen an den Wertpapiermärkten und ungewöhnlichen Großschäden kommt, ein realistisches Ziel. Erstmals hätte die Hannover Rück damit mehr als zwei Milliarden Euro verdient. Banken rechnen für die nächsten Jahre dann mit einem Anstieg auf 2,5 Milliarden Euro und mehr.
Aktien der Hannover Rück sind mit einer 13fachen Gewinnbewertung (KGV 2024) nicht überzogen kostspielig. Allerdings werden die Anteile einen Tick teurer gehandelt als die des größeren Konkurrenten Münchener Rück. Gründe dafür sind die derzeit marginal höhere Gewinnstärke der Hannoveraner und die Tatsache, dass es sich hier um eine reine Rückversicherung handelt, während die Münchner über ihre Tochter Ergo auch ein umfangreiches Erstversicherungsgeschäft haben.
Nach einer Kursverdopplung von 2022 bis 2024 ist die Aktie in eine Korrektur übergegangen. Die könnte sich durchaus noch etwas hinziehen, bevor dann womöglich im Bereich 220 bis 210 Euro wieder Käufer kommen.
MTU Aero Engines: Auf dem Weg zu alten und neuen Höhen
Materialprobleme bei Antriebsteilen hatten MTU Aero Engines das Geschäftsjahr 2023 verhagelt und zum ersten Verlust in der 90jährigen Unternehmensgeschichte geführt. Doch die Aufarbeitung des Problems ist auf gutem Weg, schon in diesem Jahr sollte es zu keinen größeren neuen finanziellen Belastungen mehr kommen.
Das Geschäft mit der Instandhaltung ziviler Maschinen ist lebhaft, die kleinere Militärsparte legte im bisherigen Jahresverlauf um gut 20 Prozent zu. MTU profitiert vom Comeback der Luftfahrtbranche und vom Boom der Rüstungsindustrie. Sowohl bei älteren Waffensystemen wie dem Eurofighter als auch bei jungen Projekten wie dem New Generation Fighter ist MTU mit von der Partie.
Das Auftragspolster ist seit Jahresanfang um vier Prozent auf 25,4 Milliarden Euro angewachsen. Wahrscheinlich sind 2024 an die 7,4 Milliarden Euro Umsatz möglich; 2025 können es dann erstmals acht Milliarden werden. Bei stabilen Margen wären das dann im nächsten Jahr an die 700 Millionen Euro Nettogewinn.
MTU-Aktien sind im Branchenvergleich günstig bewertet. Nachdem der Kurseinbruch des vergangenen Jahres ausgebügelt wurde, könnte es nach einer kurzen Verschnaufpause zunächst in Richtung des bisherigen Hochs bei 280 Euro gehen. Langfristig, wenn 2025 dann acht Milliarden Euro Umsatz absehbar wären, sind Notierungen von 300 Euro und mehr in Reichweite.
Fazit für den Dax: Das Ende übertriebener Zinshoffnungen in den USA und neue Unsicherheiten um die politische und wirtschaftliche Stabilität in Europa drücken den Dax unter die wichtige Auffangzone bei 18.400 bis 18.500 Punkten. Den von hier aus notwendigen Dreh nach oben, Voraussetzung für ein kurzfristig positives Dax-Szenario, haben deutsche Aktien offensichtlich nicht geschafft. Das ist umso bemerkenswerter, da die bisher taktgebenden US-Börsen wesentlich stabiler sind, vor allem der von Überfliegern wie Nvidia und Apple angetriebene Technologieindex Nasdaq 100.
Für den Dax werden die nächsten Wochen bis zum Wahlentscheid in Frankreich nicht einfach. Neue Unternehmensmeldungen und Änderungen an der Zinsfront sind nicht in Sicht. Beide Notenbanken haben jetzt erst einmal ihre Linie festgelegt: Die EZB hat eine Zinssenkung vollzogen und wird es schon aus Inflationsgründen erst einmal dabei belassen. Und die Fed wird weiter abwarten und wahrscheinlich allenfalls gegen Ende des Jahres einmal an der Zinsschraube drehen.
In diesem Vakuum substanzieller Nachrichten wird die Situation in Frankreich für Dax und Euro Stoxx eine entscheidende Rolle spielen. Im Dax könnte dabei kurzfristig der Kursbereich 18.200 bis 17.700 Punkte nun die zentrale Unterstützung markieren. Zugleich wäre dies bei einem verträglichen Ausgang der Frankreichwahl eine gute Basis für eine neue Kletterpartie des Dax in Richtung seines langfristigen Ziels von 20.000 Punkten und mehr.
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