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Staatsschulden und NotenbankenJapan droht Vorreiter beim Helikoptergeld zu werden

Die Bank of Japan hat die Märkte in der vergangenen Woche kalt erwischt. Überraschend fiel die weithin erwartete Ausweitung der Negativzins-Politik aus. Dieser scheinbare Rückzug dürfte jedoch lediglich eine Denkpause sein, bevor noch radikalere Maßnahmen kommen.Heinz-Werner Rapp 04.05.2016 - 11:13 Uhr

Ausweitung der japanischen Zentralbankbilanz seit 2007 (Referenzjahr 2007 mit 100 Prozent angegeben)

Stand: Mai 2016

Foto: Feri

Ausweitung der amerikanischen Zentralbankbilanz seit 2007 (Referenzjahr 2007 mit 100 Prozent angegeben)

Stand: Mai 2016

Foto: Feri

Ausweitung der europäischen Zentralbankbilanz seit 2007 (Referenzjahr 2007 mit 100 Prozent angegeben)

Stand: Mai 2016

Foto: Feri

Ausweitung der schweizerischen Zentralbankbilanz seit 2007 (Referenzjahr 2007 mit 100 Prozent angegeben)

Stand: Mai 2016

Foto: Feri

In Japan versuchen Regierung und Notenbank seit Jahren vergeblich, die chronische Wirtschaftskrise mit allen Mitteln zu überwinden. Japan ist seit einem guten Vierteljahrhundert in einer Spirale aus steigenden Schulden, stagnierendem Wachstum und fallenden Preisen gefangen. Notwendige Strukturreformen wurden nur halbherzig angegangen. Stattdessen übernahm die japanische Notenbank mit einem massiven Anleihenkaufprogramm immer mehr Staatsschulden.

Seit 2013 ist Haruhiko Kuroda Chef der Zentralbank in Japan. Er verantwortet die Geldpolitik der “Abenomics“ – jenes Reformkonzepts, mit dem Ministerpräsident Shinzo Abe eine extrem lockere Geldpolitik mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen zu kombinieren versuchte. Im Zentrum dieser Politik steht die japanische Notenbank, die durch ultra-expansive Geldpolitik die defizitären Programme der Regierung Abe unterstützen soll. Keine Notenbank der Welt bläht derzeit ihre Bilanz aggressiver auf als die Bank of Japan – in den letzten vier Jahren allein um 200 Prozent.

Heinz-Werner Rapp, Vorstand und Chief Investment Officer beim Vermögensverwalter FERI

Foto: Presse

Abenomics gescheitert

Die monetäre Flutung der Wirtschaft hat weder das japanische Wachstum angeregt noch die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent gebracht. Und dies, obwohl der japanische Yen stark abgewertet hat. Dennoch hat "Abenomics" für Japan klare Konsequenzen. Das Land hat heute einen gigantischen Berg an Staatsschulden in Höhe von 250 Prozent der Wirtschaftsleistung, der mit Abstand höchste Wert aller Industrienationen. Schon heute wird ein großer Teil dieser Staatsschulden direkt von der japanischen Notenbank finanziert, primär durch Aufkauf von Staatsanleihen.

Zur Person
Heinz-Werner Rapp ist seit 1995 in unterschiedlichen Positionen bei FERI tätig und wurde 2006 in den Vorstand der FERI AG berufen. Er ist außerdem Mitglied in verschiedenen Aufsichts- und Verwaltungsräten. Als Chief Investment Officer verantwortet er die gesamten Anlageaktivitäten der FERI Gruppe. Schwerpunkte liegen dabei in der Entwicklung langfristiger Anlagestrategien und innovativer Anlagekonzepte sowie von „Asset Protection“-Strukturen.

Als Folge ihrer massiven Wertpapierkäufe kontrolliert die Bank of Japan heute große Segmente der Aktien- und Rentenmärkte. Sie besitzt knapp 40 Prozent der japanischen Staatsschulden und dominiert auch andere Segmente des japanischen Anleihemarktes. Dies führt schon jetzt zu stark abnehmender Marktliquidität und anderen strukturellen Problemen und kann deshalb nicht beliebig fortgesetzt werden.

Geldpolitik ohne Skrupel

Im Januar beschloss deshalb die japanische Notenbank, analog zur EZB, überraschend den Einstieg in Negativzinsen. Die Finanzmärkte reagierten darauf verstimmt. Anders als erwartet fiel der Aktienmarkt, und der Yen wertete erneut auf. Damit wurde klar, dass die japanische Notenbank am Ende ihrer konventionellen Möglichkeiten angelangt ist.

Staatliche Investitionen

Die lockere Geldpolitik riskiert die Zukunft der EU

Dass sie entgegen aller Erwartungen, ihre Geldpolitik vorerst nicht noch weiter lockern will, ist jedoch kein Ausdruck von Ratlosigkeit, sondern wohl eher ein Indiz dafür, dass im Hintergrund bereits der nächste und vielleicht finale Schlag vorbereitet wird: Die Einführung des viel diskutierten „Helikoptergelds“ – also direkter monetärer Transfers an die Bevölkerung – wird immer wahrscheinlicher. Über den so finanziertem Konsum würden Konjunktur und Inflation quasi mit Gewalt angeschoben.

Die jüngsten, scheinbar zögerlichen Aussagen von Notenbank-Chef Kuroda können tatsächlich so interpretiert werden: Als Aufforderung an die Regierung, nach dem Scheitern der „Quantitave Easing“-Politik nun endlich den Weg frei zu machen für "Helikoptergeld".

Stelter strategisch

Wenn Notenbank-Helikopter Geld abwerfen - außer in Europa

von Daniel Stelter

Staatsfinanzierung durch die Notenbank

Doch damit muss noch lange nicht Schluss sein. Da Geldgeschenke an die Bevölkerung wohl nur ein kurzes konjunkturelles Strohfeuer entfachen, könnte die Notenbank gezwungen sein, über das sogenannte "overt monetary financing“ (OMF), Staatsschulden gleich selbst zu übernehmen. Die Bank of Japan würde als "Bad Bank" des Landes Staatsanleihen und andere Schulden aufkaufen und diese entweder endlos prolongieren oder, durch simplen Beschluss, entwerten und ausbuchen.

Dies wäre der Beginn eines monetären Endspiels von bisher unbekannter Tragweite und Dramatik. Es versteht sich von selbst, dass damit der letzte Rest an geldpolitischer Integrität verloren ginge. Aber vielleicht ist das immer noch besser als ein krachender Staatsbankrott.

Lehren für Europa

Sollte sich Japan als erste große Industrienation seiner Staatsschulden tatsächlich über die Notenbank entledigen, könnten die anderen großen Zentralbanken der Welt nicht einfach zuschauen. Sie müssten reagieren und ebenfalls massiv Staatsschulden aufkaufen, um eine Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Yen zu verhindern Der Ausgang dieses monetären Endspiels ist völlig offen.

Auch wenn in Europa bislang noch keine japanischen Verhältnisse herrschen, so sollten die Ereignisse in Fernost doch als deutliche Warnung begriffen werden. Die Parallelen sind nicht zu übersehen: Auch in Europa nimmt die Staatsverschuldung weiter zu, ist das Wirtschaftswachstum schwach und altert die Bevölkerung. Das Beispiel Japans zeigt dem Rest der Welt, welche fatalen Folgen eine fehlgeleitete Wirtschafts- und Finanzpolitik hat. Der Versuch, die japanische Wirtschaft über ultralockere Geldpolitik zu mehr Wachstum zu führen, ist klar gescheitert.

Dessen ungeachtet hält die EZB bisher noch am gleichen Konzept für die Wirtschaft im Euroraum fest. Die Frage ist: wie lange noch?

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