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Stelter strategisch

Ein letztes Hurra zum Ende des Bullenmarktes

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Der Kreditzyklus nähert sich dem (vorläufigen) Ende. Den Schlusspunkt dürfte eine Fusions- und Übernahmewelle setzen, die alle Rekorde bricht. Warum uns eine Dienstmädchenhausse bevorsteht - und es danach bergab geht.

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Gut möglich, dass die Börse noch Rekorde feiert und es danach steil bergab geht, sagt Kolumnist Daniel Stelter. Quelle: dpa

Schon vor dem Gründerkrach von 1873 sollen unter den Spekulanten Hausknechte und Dienstmädchen gewesen sein. 1929 stiegen die Profis aus, als Börsenneulinge zugriffen und Schuhputzer begannen, Aktientipps zu geben. Auch im Jahre 2000 entdeckten zunehmend Hausfrauen, Studenten und Schüler den Aktienmarkt. Der Einstieg von Laien ist immer ein Zeichen für das bevorstehende Ende des Bullenmarktes.

Bemüht man diesen Indikator heute, so kann Entwarnung gegeben werden. Die Privatanleger ziehen sich aus den Märkten sogar eher zurück. In den USA sank zuletzt der Anteil der Mittel in Aktienfonds zugunsten von Anleihenfonds. Zwar dürfte, wie an dieser Stelle schon diskutiert, der zunehmende Anteil an börsennotierten Indexfonds in der Zukunft crashverstärkend wirken, jedoch, die Stimmung unter den Privatanlegern ist nicht euphorisch. Mit dazu beigetragen haben, dürfte die Korrektur der letzten Wochen, ausgelöst durch Koreakonflikt und Autoschock. 

Unternehmen sind die wahren Dienstmädchen

Dennoch ist es für eine Entwarnung zu früh. Eine andere Käufergruppe hat in den letzten Jahrzehnten die Dienstmädchen als Käufer am Top abgelöst: die Unternehmen. Nicht nur kaufen sie besonders gern eigene Aktien zurück, wenn sie am teuersten sind, nein, sie kaufen auch am liebsten Wettbewerber auf, wenn deren Aktien schon lange gestiegen sind. In der Tat zeigt ein Blick auf die Deal-Aktivität und die Entwicklung der Börsen eine deutliche Korrelation. Kurz vor den Tops ereignen sich die meisten Transaktionen. So war es 1999, so war es 2007 und so wird es auch 2017 sein.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Wenn die Börsen hoch notieren, sind die Unternehmensgewinne gut, die Wachstumsaussichten prächtig und das Zutrauen in die Zukunft beträchtlich. Da ist es als Manager viel einfacher, Aufsichtsrat und Aktionäre von einer Übernahme zu überzeugen, als zu Zeiten der Krise. Wie die Privatanleger sind Unternehmen zwangsläufig prozyklisch. Sie sind die Dienstmädchen unserer Zeit.

Schon lange sind Unternehmen die Hauptkäufergruppe von Aktien in den USA. Mit dem Rückkauf der eigenen Aktien – vor allem auf Kredit – wollen sie den Gewinn pro Aktie und damit den Aktienkurs steigern. Studien weisen nach, dass dieses Vorgehen keinen nachhaltigen Effekt hat und vereinzelte Fälle wie IBM zeigen, wie man auf diese Weise einstmalige Industrieikonen abwirtschaftet. Doch erst eine Welle an Firmenübernahmen könnte das Ende der heutigen Aufwärtsentwicklung einläuten.

Steigende Zinsen zwingen zum Handeln

Ein wesentlicher Treiber für eine Zunahme der Akquisitionsaktivitäten dürfte der vor der Sommerpause diskutierte fundamentale Wandel in fast allen Industrien sein. Eine der wenigen Antworten auf diese Existenzbedrohung ist der Zusammenschluss zu immer größeren Einheiten im Bestreben, Kosten zu senken und um höhere Preissetzungsmacht zu erlangen. Das wird immer bestritten, ist jedoch dank zu lasch agierenden Kartellbehörden faktisch der Fall: Man will Zeit gewinnen – im verzweifelten Versuch, das eigene Geschäft doch noch in die neue Welt zu retten.

In den Schubladen der großen Konzerne liegen die „Wunschlisten“ schon lange bereit. Jedes Unternehmen muss verschiedene Konsolidierungsszenarien in der eigenen Branche durchspielen und überlegen, welche Rolle es selbst innehaben will. Häufig muss gekauft werden, nur um dem Wettbewerb zuvorzukommen. Und nur selten gibt es ein Zeitfenster, in dem alles passt: die eigene Finanzkraft, die eigene Bewertung an der Börse relativ zum Übernahmeziel und nicht zuletzt die Finanzierungsmöglichkeiten.

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