Strompreis: Wie abhängig ist Deutschland von Frankreichs Atomstrom?
Das französische Atomkraftwerk Fessenheim am Rhein, direkt an der deutsch-französischen Grenze
Foto: imago imagesVor einer Woche erhaschten Stromkunden in Deutschland einen Blick auf eine alternative Realität. Der Strompreis schoss während einiger Stunden am Morgen und am Abend in die Höhe, eine Kilowattstunde kostete vorübergehend rund das Zehnfache des Üblichen. Grund war eine technische Panne an der Pariser Strombörse Epex. Dort werden die Stromlieferungen für den jeweiligen Folgetag gehandelt. Normalerweise sind dabei die Märkte von rund zwei Dutzend Ländern in Europa gekoppelt, um den Strompreis zu glätten. Durch die Panne fand eine vorübergehende Entkopplung statt, sodass einige Länder, darunter Deutschland, kurzzeitig auf sich selbst zurückgeworfen waren.
Auf den ersten Blick zeigten die Preisspitzen am Morgen und am Abend, wie die Stromwelt in Deutschland ohne Importe aussähe: teuer. Viele verstanden die Börsenpanne als Zeichen dafür, wie abhängig Deutschland von seinen europäischen Nachbarn ist, vor allem vom Atomstromlieferanten Frankreich.
Brisanz bekommt das Thema durch die Ankündigung des Rassemblement National (RN), Frankreich im Fall eines Wahlsiegs aus dem europäischen Strommarkt herauslösen zu wollen. RN-Parteichef Jordan Bardella erklärte Mitte Juni in einem Interview, er wolle wieder einen „französischen Strompreis“ haben, um die Kosten für französische Verbraucher zu senken.
Müssten sich deutsche Verbraucher also im Fall einer RN-Regierung in Frankreich darauf einstellen, dass es häufiger zu Preisspitzen kommt? Eher nicht. Und zwar aus mehreren Gründen.
Eine Hand wäscht die andere
Die Epex-Panne zeigte vor allem, wie gut der integrierte europäische Strommarkt funktioniert. Im- und Exporte sollen den Strompreis harmonisieren und Preisspitzen zu gewissen Zeiten abfedern. Das klappt üblicherweise gut. Auch unter Normalbedingungen ist in Deutschland ein M-förmiges Preismuster zu sehen: Morgens und abends, wenn weniger Sonnenstrom ins Netz eingespeist wird und viele Menschen zu Hause sind und Kaffee kochen oder Wäsche waschen, wird es teurer. Dieses Muster war vergangene Woche durch die Entkopplung nur besonders stark ausgeprägt.
Zugleich kann man aus den Preisspitzen nicht schließen, dass Strom in Deutschland ohne Importe grundsätzlich zu gewissen Zeiten so teuer wäre wie während der Börsenpanne. „Der Markt würde reagieren“, sagt Tobias Federico, Gründer und Chef der Beratung Energy Brainpool. Ohne Importe würde Deutschland wieder mehr Geld in planbare Energiequellen investieren, etwa in Gaskraftwerke, die in Zeiten mit hohem Verbrauch oder besonders wenig Wind- und Sonnenstrom einspringen könnten. Wohlgemerkt: Eine physische Knappheit gab es vergangene Woche nicht. Nur die Panne hatte Folgen für den Preis.
Nun könnte man einwenden, dass Deutschland ohne ausreichend planbare Energiequellen eben doch vom Ausland abhängig ist. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn die Abhängigkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Wäre die Epex-Panne im Winter passiert, wäre es wohl für französische Stromkunden teuer geworden. „In Frankreich wird mit Strom geheizt“, sagt Federico. Der Verbrauch steigt dort im Winter deutlich an. Dass der Preis nicht im selben Maße klettert, liegt daran, dass Frankreich dann vermehrt Strom zukauft – etwa aus Deutschland. Auch in den anderen Jahreszeiten gehört Frankreich nicht nur zu Deutschlands Stromlieferanten, sondern genauso zu seinen Kunden. Zur Mittagszeit etwa liefert die Bundesrepublik günstigen Sonnenstrom an den Nachbarn.
Strom: Einzelkämpfer haben es schwer
Der europäische Binnenmarkt soll die Strompreise für alle Beteiligten glätten. Sollte sich Frankreich daraus verabschieden, wäre das für alle von Nachteil – nicht zuletzt für Frankreich selbst. Ob es juristisch überhaupt möglich ist, dass sich ein einzelner Teilnehmer aus dem integrierten Markt zurückzieht, ist unklar. Theoretisch wären aber zwei Szenarien denkbar. Das erste: Frankreich stellt den Stromhandel ein, aber der Strom fließt weiter über die Grenze. Die Netze sind ja da. Der Stromhandel hilft lediglich bei der Preisbildung und dabei, Knappheit und Überschuss preislich auszugleichen. In diesem Fall wären die Effekte wohl minimal.
Das zweite Szenario wäre dramatischer: Frankreich kappt seine Grenzkuppelstellen, die Übergabepunkte der Stromnetze zwischen den Ländern. „Damit würde Frankreich zur Strominsel“, sagt Federico. Es flösse kein französischer Strom mehr zu den Nachbarn. Das wäre nicht nur für Deutschland ein Problem, sondern auch für Italien. Oder für Spanien, das stark an der Wasserkraft hängt, aber immer wieder regenarme Jahre durchmacht.
Ein Problem wäre dieses Szenario aber auch für Frankreich selbst. In kalten Wintern braucht das Land im Schnitt zehn Gigawatt an zusätzlichen Kraftwerkskapazitäten, um die Nachfrage zu decken. Wo sollen diese Kapazitäten herkommen? „Ohne deutsche Importe würden die Franzosen im Winter frieren“, sagt Federico. Es könnte in Frankreich dann auch häufiger zu Blackouts kommen, etwa, wenn ein großes Kraftwerk ausfällt oder gewartet werden muss und die Nachbarn nicht in die Bresche springen, wie sie es heute tun.
Eine offene Frage ist, welche Kapazitäten aus von Sonne, Wind und Wasser unabhängigen Energiequellen ein Land vorhalten sollte, um im Ernstfall autark zu sein. Dazu gibt es weder von der Bundesregierung noch von anderen europäischen Regierungen klare Aussagen. Plant man langfristig mit Überkapazitäten, um für Notfälle gerüstet zu sein? Oder verlässt man sich auf seine Nachbarn?
Auf lange Sicht dürfte es darauf hinauslaufen, dass jedes Land ein gewisses Kontingent an planbaren Energiequellen hat, glaubt Federico. In Deutschland könnten das Gaskraftwerke sein, die mit grünem Wasserstoff betrieben werden. In Frankreich Atomkraftwerke, in Polen eher Kohlekraftwerke. „Jedes Land hat eine Technologie, die ihr Rückgrat sein wird“, sagt der Energieexperte. Für den Notfall.
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