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StrompreisWie abhängig ist Deutschland von Frankreichs Atomstrom?

Der Rassemblement National will Frankreich aus dem europäischen Strommarkt herauslösen. Deutschland hätte dann ein Problem – Frankreich aber auch.Julia Groth 06.07.2024 - 17:02 Uhr

Das französische Atomkraftwerk Fessenheim am Rhein, direkt an der deutsch-französischen Grenze

Foto: imago images

Vor einer Woche erhaschten Stromkunden in Deutschland einen Blick auf eine alternative Realität. Der Strompreis schoss während einiger Stunden am Morgen und am Abend in die Höhe, eine Kilowattstunde kostete vorübergehend rund das Zehnfache des Üblichen. Grund war eine technische Panne an der Pariser Strombörse Epex. Dort werden die Stromlieferungen für den jeweiligen Folgetag gehandelt. Normalerweise sind dabei die Märkte von rund zwei Dutzend Ländern in Europa gekoppelt, um den Strompreis zu glätten. Durch die Panne fand eine vorübergehende Entkopplung statt, sodass einige Länder, darunter Deutschland, kurzzeitig auf sich selbst zurückgeworfen waren.

Auf den ersten Blick zeigten die Preisspitzen am Morgen und am Abend, wie die Stromwelt in Deutschland ohne Importe aussähe: teuer. Viele verstanden die Börsenpanne als Zeichen dafür, wie abhängig Deutschland von seinen europäischen Nachbarn ist, vor allem vom Atomstromlieferanten Frankreich.

Wie schaltet man ein Atomkraftwerk ab?
Ein Kernkraftwerk produziert Strom aus Wärme. Bei der Spaltung der Atomkerne wird Energie freigesetzt. Die Hitze, die dabei entsteht, wird genutzt, um Wasser in Dampf umzuwandeln. Dieser Dampf treibt dann eine Turbine an, die wiederum einen Generator antreibt, der Strom produziert.
Die Leistung des Reaktors wird nach Angaben des Kraftwerksbetreibers Energie Baden-Württemberg (EnBW) kontinuierlich abgesenkt. Dies geschehe durch das schrittweise Einfahren von sogenannten Steuerstäben in den Reaktorkernen – diese dienen der Regelung und Abschaltung eines Kernreaktors. Danach wird der Generator vom Stromnetz genommen und der Reaktor komplett abgeschaltet. Der Abschaltvorgang funktioniere wie bei den regelmäßigen Überprüfungen, erläutert der Kraftwerksleiter des bayrischen Meilers Isar 2, Carsten Müller. Nach der Netztrennung werde der Reaktor heruntergefahren, sagt Müller. „Das dauert etwa eine Viertelstunde.“ Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Die hochradioaktiven Brennelemente werden entfernt und in sogenannten Castorbehältern in Zwischenlagern aufbewahrt. In Deutschland gibt es aktuell 16 Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle.Stand: April 2023
Nein. Es wird weiterhin nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle gesucht. 2017 wurde ein neues Verfahren dafür gestartet, um die Öffentlichkeit miteinzubeziehen.Stand: April 2023
Nein. Nur Endlager in tiefen geologischen Schichten gelten als dauerhaft sichere Lösung. Tiefliegende Gesteine bieten eine natürliche Barriere, die vor Strahlung schützt.
Atomkraftgegner fordern immer wieder „blühende Wiesen“, die nach dem Abbau eines Kernkraftwerks das Land wieder in seinen natürlichen Zustand zurückbringen sollen. Doch das ist nicht so leicht. Denn das Gebäude kann nicht einfach abgerissen werden, solange sich radioaktive Elemente darin befinden. Wurden die Brennelemente entfernt, sind die Aktivitätsmengen jedoch nur noch gering – beispielsweise, wenn der Reaktordruckbehälter selbst radioaktiv geworden ist. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) rechnet mit rund 15 Jahren für den Abbau eines Meilers, bis er aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen werden kann. Hinzu kommen noch etwa zwei Jahre für den Abriss der Gebäude. Nach der Planung des Betreibers RWE wird die Anlage Emsland beispielsweise im Jahr 2037 nachweislich frei von jeder Radioaktivität sein.
Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien zählte 2021 zwar weltweit 198 abgeschaltete oder in Stilllegung befindliche Atomkraftwerke, doch nur bei 20 davon ist die Stilllegung schon komplett abgeschlossen. In einigen Ländern fehlen noch die Ressourcen und Strukturen dafür. So wird beispielsweise auch in Schweden, Finnland oder der Schweiz nach Endlagern im Untergrund gesucht. Dem Umweltministerium zufolge gibt es in Europa und weltweit noch kein betriebsbereites Endlager für hochradioaktive Abfälle aus der friedlichen Nutzung der Atomenergie.
Der Atomausstieg wird kostspielig – so viel steht fest. Eine Kommission hat die Gesamtkosten unter anderem für Stilllegung und Rückbau der Meiler sowie die Transporte und die Lagerung der Abfälle auf 48,8 Milliarden Euro geschätzt. Daraufhin wurde ein Fonds eingerichtet, in den die Betreiber der Atomkraftwerke einzahlen mussten. Aus diesem Betrag soll die Zwischen- und Endlagerung bezahlt werden. Die Energieversorger sind auch für die Kosten von Stilllegung und Rückbau der Meiler verantwortlich. RWE zufolge schwanken die Kosten für den Nachbetrieb und Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Größe, Alter und Betriebsstunden der Anlagen zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Euro.
Stand: April 2023

Brisanz bekommt das Thema durch die Ankündigung des Rassemblement National (RN), Frankreich im Fall eines Wahlsiegs aus dem europäischen Strommarkt herauslösen zu wollen. RN-Parteichef Jordan Bardella erklärte Mitte Juni in einem Interview, er wolle wieder einen „französischen Strompreis“ haben, um die Kosten für französische Verbraucher zu senken.

Müssten sich deutsche Verbraucher also im Fall einer RN-Regierung in Frankreich darauf einstellen, dass es häufiger zu Preisspitzen kommt? Eher nicht. Und zwar aus mehreren Gründen.

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Eine Hand wäscht die andere

Die Epex-Panne zeigte vor allem, wie gut der integrierte europäische Strommarkt funktioniert. Im- und Exporte sollen den Strompreis harmonisieren und Preisspitzen zu gewissen Zeiten abfedern. Das klappt üblicherweise gut. Auch unter Normalbedingungen ist in Deutschland ein M-förmiges Preismuster zu sehen: Morgens und abends, wenn weniger Sonnenstrom ins Netz eingespeist wird und viele Menschen zu Hause sind und Kaffee kochen oder Wäsche waschen, wird es teurer. Dieses Muster war vergangene Woche durch die Entkopplung nur besonders stark ausgeprägt.

Zugleich kann man aus den Preisspitzen nicht schließen, dass Strom in Deutschland ohne Importe grundsätzlich zu gewissen Zeiten so teuer wäre wie während der Börsenpanne. „Der Markt würde reagieren“, sagt Tobias Federico, Gründer und Chef der Beratung Energy Brainpool. Ohne Importe würde Deutschland wieder mehr Geld in planbare Energiequellen investieren, etwa in Gaskraftwerke, die in Zeiten mit hohem Verbrauch oder besonders wenig Wind- und Sonnenstrom einspringen könnten. Wohlgemerkt: Eine physische Knappheit gab es vergangene Woche nicht. Nur die Panne hatte Folgen für den Preis.

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Nun könnte man einwenden, dass Deutschland ohne ausreichend planbare Energiequellen eben doch vom Ausland abhängig ist. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn die Abhängigkeit beruht auf Gegenseitigkeit. Wäre die Epex-Panne im Winter passiert, wäre es wohl für französische Stromkunden teuer geworden. „In Frankreich wird mit Strom geheizt“, sagt Federico. Der Verbrauch steigt dort im Winter deutlich an. Dass der Preis nicht im selben Maße klettert, liegt daran, dass Frankreich dann vermehrt Strom zukauft – etwa aus Deutschland. Auch in den anderen Jahreszeiten gehört Frankreich nicht nur zu Deutschlands Stromlieferanten, sondern genauso zu seinen Kunden. Zur Mittagszeit etwa liefert die Bundesrepublik günstigen Sonnenstrom an den Nachbarn.

Strom: Einzelkämpfer haben es schwer

Der europäische Binnenmarkt soll die Strompreise für alle Beteiligten glätten. Sollte sich Frankreich daraus verabschieden, wäre das für alle von Nachteil – nicht zuletzt für Frankreich selbst. Ob es juristisch überhaupt möglich ist, dass sich ein einzelner Teilnehmer aus dem integrierten Markt zurückzieht, ist unklar. Theoretisch wären aber zwei Szenarien denkbar. Das erste: Frankreich stellt den Stromhandel ein, aber der Strom fließt weiter über die Grenze. Die Netze sind ja da. Der Stromhandel hilft lediglich bei der Preisbildung und dabei, Knappheit und Überschuss preislich auszugleichen. In diesem Fall wären die Effekte wohl minimal.

Das zweite Szenario wäre dramatischer: Frankreich kappt seine Grenzkuppelstellen, die Übergabepunkte der Stromnetze zwischen den Ländern. „Damit würde Frankreich zur Strominsel“, sagt Federico. Es flösse kein französischer Strom mehr zu den Nachbarn. Das wäre nicht nur für Deutschland ein Problem, sondern auch für Italien. Oder für Spanien, das stark an der Wasserkraft hängt, aber immer wieder regenarme Jahre durchmacht. 

Ein Problem wäre dieses Szenario aber auch für Frankreich selbst. In kalten Wintern braucht das Land im Schnitt zehn Gigawatt an zusätzlichen Kraftwerkskapazitäten, um die Nachfrage zu decken. Wo sollen diese Kapazitäten herkommen? „Ohne deutsche Importe würden die Franzosen im Winter frieren“, sagt Federico. Es könnte in Frankreich dann auch häufiger zu Blackouts kommen, etwa, wenn ein großes Kraftwerk ausfällt oder gewartet werden muss und die Nachbarn nicht in die Bresche springen, wie sie es heute tun.

Eine offene Frage ist, welche Kapazitäten aus von Sonne, Wind und Wasser unabhängigen Energiequellen ein Land vorhalten sollte, um im Ernstfall autark zu sein. Dazu gibt es weder von der Bundesregierung noch von anderen europäischen Regierungen klare Aussagen. Plant man langfristig mit Überkapazitäten, um für Notfälle gerüstet zu sein? Oder verlässt man sich auf seine Nachbarn?

Auf lange Sicht dürfte es darauf hinauslaufen, dass jedes Land ein gewisses Kontingent an planbaren Energiequellen hat, glaubt Federico. In Deutschland könnten das Gaskraftwerke sein, die mit grünem Wasserstoff betrieben werden. In Frankreich Atomkraftwerke, in Polen eher Kohlekraftwerke. „Jedes Land hat eine Technologie, die ihr Rückgrat sein wird“, sagt der Energieexperte. Für den Notfall.

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