Grand-Hotel-Pleite: Wie das Ostseebad Heiligendamm baden ging
Anno August Jagdfeld und die Fundus-Gruppe
Der Immobilieninvestor soll mit der von ihm gegründeten Fundus-Gruppe an die 800 Bauvorhaben in Deutschland realisiert haben. Das Geld dafür sammelte Jagdfeld meist über geschlossene Fonds ein, die er Anlegern und Investoren anbot. Aber nicht immer war das Geld gut investiert – zumindest nicht aus Sicht der Geldgeber. Das Grand Hotel Heiligendamm sollte sein Wirken krönen – und musste nun Insolvenz anmelden.
Grand Hotel Heiligendamm
Mit dem G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm brachte es die Nobelherberge zu internationaler Berühmtheit – vor allem, weil außer Staatschefs und Spitzenpolitikern zigtausende Demonstranten und etliche Hundertschaften der Polizei aufeinander prallten, die Sicherheitsmaßnahmen sprengten bekannte Dimensionen. Jagdfeld hatte das marode Hotel im klassizistischen Stil inklusive der Nebengebäude 1996 erworben, 2003 feierte das Hotel mit seinen 222 Zimmern Neueröffnung. Für sein Sanierungskonzept hatte Jagdfeld mehr als 130 Millionen Euro von Investoren eingesammelt. Heiligendamm sollte Sylt Konkurrenz machen und zahlungskräftige Klientel anlocken.
Mecklenburg-Vorpommern
Ursprünglich hatte die Hotelkette Kempinski das Management von Heiligendamm übernommen. Aber nach Streitigkeiten mit Jagdfeld - weil sich dieser angeblich immer wieder in den Hotelbetrieb einmischte - kündigte Kempinski und Jagdfeld führte das Hotel seit 2009 in Eigenregie. Ebenfalls 2009 musste das Land Mecklenburg-Vorpommern mit einer Bürgschaft über vier Millionen Euro zu Hilfe eilen. Seit 1997 hatte das Land wohl an die 50 Millionen Euro in das Projekt gepumpt.
Foto: dpaGeringe Auslastung
Mit niedrigen Auslastungszahlen hatte es von Beginn an zu kämpfen, derzeit liegt die Auslastung bei rund 44 Prozent. Das Projekt schrieb 2010 und 2011 leicht schwarze Zahlen. Dennoch, so klagte Jagdfeld jüngst in Heiligendamm vor Journalisten, fehle seiner Gruppe die Zeit, die begonnene Sanierung weiterer Gebäude abzuschließen. Seinen Angaben zufolge hatten sich Banken geweigert, die Kredite zu verlängern. Auch die Investoren wollten kein frisches Geld nachschießen. Zuletzt benötigte Heiligendamm 32,5 Millionen Euro. Nun meldete das schillernde Seebad-Hotel Insolvenz an.
Und es ist nicht das einzige Immobilienprojekt des Anno August Jagdfeld, dass für Ärger sorgt...
Foto: dpaHotel Adlon
Ein anderes schwieriges Jagdfeld-Projekt: Das prestigeträchtige Hotel Adlon am Brandenburger Tor in Berlin. Zuletzt war Jagdfeld im August 2011 im Zusammenhang mit dem Berliner Fünf-Sterne-Hotel in die Schlagzeilen geraten. Investoren der „Hotel Adlon Fundus Fonds Nr. 31 KG“ wollten Jagdfeld aus der Führung des Fonds wählen, unter anderem wegen aus ihrer Sicht magerer Gewinnausschüttungen. Der Versuch scheiterte. Die Investoren hatten Jagdfeld auch vorgeworfen, seine Familie und eigene Firmen mit Aufträgen versorgt zu haben. Jagdfelds Frau Anne Maria übernahm zum Beispiel als Innenarchitektin die Einrichtung der Hotels Adlon und Heiligendamm. Aber das ist nicht der einzige Vorwurf...
Foto: APHotel Adlon
Weitaus pikanter war jedoch ein Mietverzicht für die Adlon Holding (AH), die Bars und Restaurants im Hotel betreibt. Die Befreiung von den Mietzahlungen hatte Jagdfeld bereits 2008 und 2009 für die AH durchgesetzt, auch 2010 und 2011 sollten seine 5000 Fondinvestoren weiter auf die Millionen-Pacht verzichten. Die AH habe 2009 zwei Millionen Euro Verlust gemacht und „nur durch Unterstützungsmaßnahmen ihrer Gesellschafter“ überlebt, so Jagdfeld damals. Er musste es ja wissen, denn...
Foto: APHotel Adlon
Besonders fragwürdig macht den Mietverzicht die Tatsache, dass die AH der Familie Jagdfeld gehört. Der Unternehmer profitiert also vom Mietverzicht – auf Kosten des Fonds, den er selbst aufgelegt hat und dessen Geschäftsführer er ist. 220 Millionen Euro hatten die Fondsanleger ins Adlon investiert, nun fehlten Millionen an Pachteinnahmen.
Wegen des Interessenkonflikts kam es auf der Gesellschafterversammlung 2009 zu Protesten. Eine Gruppe von Anlegern kündigte Widerstand an, der Versuch Jagdfeld abzusetzen, scheiterte jedoch. Der Konflikt indes schwelt weiter.
Foto: APParkhotel Quellenhof
Auch beim Fonds "Parkhotel Quellenhof " in Aachen gibt es Ärger, weil Fundus sich weigert, die fällige Platzierungsgarantie zu erfüllen. Bei geschlossenen Fonds ist es üblich, dass der Emittent oder Vertriebspartner zusagt, alle Anteile an dem Investment an Anleger zu verkaufen, also zu „platzieren“. Zudem entschieden Richter des Oberlandesgerichts in Karlsruhe, dass Anlegern Schadensersatz zusteht, wenn der Initiator einen Zwischengewinn verschwiegen hat, der 15 Prozent des gesamtes Aufwandes des Fonds übersteigt.
Foto: WirtschaftsWocheParkhotel Quellenhof
Solche hohen Zwischengewinne entstehen etwa, wenn eine "zum Initiatorenkreis gehörende Gesellschaft" eine Immobilie kauft und mit Zuschlag an den Fonds verkauft. Oder wenn eine Firma aus dem Umfeld des Initiators als Bauträger beauftragt wird und einen Teil des Honorars abschürft. Bei Fundus scheinen Zwischengewinne zum Konzept zu gehören: Verkäufer oder Bauträger der Fondsimmobilien sind oft Firmen von Fundus-Chef Anno August Jagdfeld oder seiner Familie, etwa beim Hotel Adlon oder beim Quellenhof. Wie viel Gewinn die Vehikel machen, erfahren die Anleger nicht. Fundus begründet die Doppelrolle damit, "alles aus einer Hand anbieten zu wollen".
Foto: GDelheyGutenberg-Galerie in Leipzig
Zu den Flops gehört auch die Gutenberg-Galerie in Leipzig. Der Fundus-Fonds 29 hatte das Geschäfts- und Bürohaus 1994 für mehr als 50 Millionen Euro von der Bredero gekauft, die Familienangehörigen des Fundus-Chefs Anno August Jagdfeld gehört. Bereits 2006 war die Galerie laut Gutachten nur noch 11,6 Millionen Euro wert. Das reichte den Banken nicht als Sicherheit, da der Fonds 25 Millionen Euro Schulden hatte. Deshalb wurde der Kredit gekündigt. Einen Beitrag der Fundus-Gruppe zur Sanierung lehnte damals Annos Bruder Helmut Jagdfeld ab: "Wir gehen nicht ins Risiko. Die Leistungen, die wir zu erbringen hatten, haben wir erbracht." Die unzufriedenen Investoren schlossen sich zusammen und stritten erfolgreich dafür, dass ein unabhängiger Sanierer beauftragt wird. Letztlich wurde die Gutenberg-Galerie im Januar 2009 zwangsversteigert, die Investoren erlitten herbe Verluste. Heute werden die Räumlichkeiten unter anderem von einer privaten Hochschule genutzt.
Foto: PressePyramide
Das futuristisch anmutende Bürogebäude „Pyramide“ war ebenfalls ein Reinfall. Der "Fonds 27" von Fundus hatte Anfang der Neunziger in das Ostberliner Bürogebäude investiert und 1999 eine Kapitalerhöhung gemacht. Ein Anleger, der sich mit 200 000 D-Mark daran beteiligt hatte, zog vor Gericht, weil er laut Fondsprospekt Anspruch auf eine jährliche Vorzugsausschüttung von sechs Prozent hatte, der Fonds die Ausschüttungen jedoch vorzeitig beendet hatte. Der Anleger bekam Recht. Der Verkauf der "Pyramide" für angeblich 16,1 Millionen Euro deckte seinerzeit die Schulden des Fonds nicht annähernd. Zum Kauf der Pyramide hatten Anleger 107 Millionen Euro eingezahlt, zudem nahm der Fonds 50,8 Millionen Euro Kredit auf.
Quartier 206
1997 eröffnete Jagdfeld das Luxuskaufhaus Quartier 206. Aber trotz zentraler Lage auf Berlins Friedrichstraße und edlem Interieur, gingen die Berliner lieber anderswo shoppen, Mieter sprangen wieder ab, die Geldgeber wurden nervös. Jagdfeld vermietete den schicken Konsumtempel kurzerhand komplett an die AMJ-Holding seiner Frau Anne Maria Jagdfeld – und sicherte so die Mieteinnahmen für die Investoren. Inzwischen ist Jagdfelds Sohn Nikolaus Ladenbetreiber im Quartier 206.
Foto: dpaKultur- und Veranstaltungszentrum Tacheles
Einst ein Kaufhaus, sollte die Ruine zunächst gesprengt werden. Aber Künstler besetzten das Tacheles genannte Gebäude 1990 und machten es im Laufe der Jahre zu einem Anziehungspunkt für Zigtausende Kunstbegeisterte und Fans des wilden Berlin. Der Bund wollte jedoch lieber die Grundstücke verkaufen, die neue Hauptstadt Berlin sollte schöner werden. 1998 übernahm ein Unternehmen aus Jagdfelds Fundus-Gruppe das Tacheles, Millionen sollten investiert und hunderte Arbeitsplätze geschaffen werden. Aber die Künstler sollten weg.
Foto: dpaKultur- und Veranstaltungszentrum Tacheles
Ingesamt blätterte Fundus umgerechnet mehr als 34 Millionen Euro für den Kauf hin. Aber aus den Plänen wurde nichts, die Künstler blieben und zahlten praktisch keine Miete. Es gab langwierigen Ärger, das Gebäude fiel unter die Zwangsverwaltung der HSH Nordbank, die Jagdfelds Vorhaben finanzieren wollte. 2010 schätzte ein Gutachter das Gesamtgrundstück auf einen Wert von 35 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr sollte das Tacheles zwangsversteigert werden. Der Termin wurde verschoben, weil die HSH Nordbank als Hauptgläubiger der Fundus-Gruppe Verhandlungen mit verschiedenen Interessenten nicht rechtzeitig abschließen konnte. Einen neuen Termin gibt es bisher nicht.
Foto: dpaDer sanfte Kameraflug geht über kabbelige Ostseewellen hinweg, vorbei an einer Seebrücke und Ostseevillen, bis ein Areal in den Blick kommt, auf dem das heutige Luxushotel Grand Hotel Heiligendamm steht. Untermalt von Klängen aus Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ soll das Werbevideo den Eindruck von Luxus und Aufbruch vermitteln. Schwenks zeigen grüne Umgebung, Golfplatz, Galopprennbahn und Fürstenhof. Das Video endet mit den optimistischen Zeilen: „Heiligendamm - Die Legende lebt und wächst.“ Bis heute ist es auf der Homepage der als Investor hinter dem Hotel stehenden Fundus-Gruppe zu sehen - wohl auch als Werbung für das fondsfinanzierte Luxushotel. Wie allerdings die schnöde Realität aussieht, zeigt sich nach einem Klick auf den Button Aktuelle Meldungen: „Sanierung gescheitert - Fonds KG des Grand Hotel Heiligendamm beantragt Insolvenz“, heißt es dort.
Kein Platz für Frohsinn: Anno August Jagdfeld (links), Geschäftsführer der Fundus-Gruppe, und Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum vor dem Grand Hotel Heiligendamm.
Foto: dpaJagdfeld klagt über fehlende Zeit zur Sanierung
Die von Anno August Jagdfeld geführte Fundus-Gruppe hatte 1996 das klassizistische Gebäudeensemble in Heiligendamm sowie ein benachbartes landwirtschaftliches Gut von der Treuhandanstalt erworben. 2003 wurde das Grand Hotel eröffnet, das zunächst von Kempinski gemanagt wurde. Rund neun Jahre später - und nach dem Kempinski-Ausstieg im Streit - ist das Hotelprojekt vorerst gescheitert. Mit niedrigen Auslastungszahlen hatte es von Beginn an zu kämpfen, derzeit liegt die Auslastung bei rund 44 Prozent. Das Projekt schrieb 2010 und 2011 leicht schwarze Zahlen. Dennoch, so klagte Jagdfeld am Dienstag in Heiligendamm vor Journalisten, fehle seiner Gruppe die Zeit, die begonnene Sanierung weiterer Gebäude abzuschließen. Seinen Angaben zufolge hatten sich Banken geweigert, die Kredite zu verlängern. Auch die Anleger wollten kein frisches Geld mehr geben.
Heiligendamm an der Ostsee ist das älteste deutsche Seebad. Es wurde 1793 von Friedrich Franz I. gegründet, dem Herzog von Mecklenburg-Schwerin. Er ließ das kleine Bad zu einer Ansammlung klassizistischer Bauten und Villen ausbauen, die im 19. und 20. Jahrhundert vom europäischen Hochadel frequentiert wurden. Weil die Gebäude strahlend weiß gestrichen waren, hieß Heiligendamm „Weiße Stadt am Meer“. Am Kurhaus befindet sich die lateinische Inschrift „Heic te Laetitia invitat post balnea sanum“, also „Frohsinn erwartet dich hier, entsteigst du gesundet dem Bade“. Durch Heiligendamm führt die Bäderbahn „Molli“, eine Schmalspurbahn, die mit Dampfloks betrieben wird und von Bad Doberan nach Kühlungsborn an der Küste führt.
Wohnen auf Hochpreisniveau, direkt an der Ostsee: Der Komplex des Grand Hotels Heiligendamm.
Foto: dapdHeiligendamm war das erklärte Lieblingsprojekt von Immobilieninvestor Jagdfeld. Und er will als Geschäftsführer in der Verantwortung bleiben – und sieht in der Insolvenz auch Chancen. Der vom Aachener Amtsgericht bestellte vorläufige Insolvenzverwalter Jörg Zumbaum aus Düren hat sich nach eigenen Angaben eine Frist bis Frühherbst gesetzt, um das Unternehmen zu sanieren. Die Stimmung unter den 300 Mitarbeitern der Belegschaft sei „aufgeräumt und frisch“, sagte Zumbaum nach einer Betriebsversammlung am Dienstag. Er gehe davon aus, alle Gläubiger bedienen zu können.
Bei der Suche nach Investoren sei alles möglich, sowohl ein Einzelinvestor für den fehlenden Millionenbetrag als auch der Verkauf des Hotels. „Das ist kein Gewerbe, bei dem die Käufer Schlange stehen“, sagte Zumbaum. „Aber wir haben hier ein Kleinod, das nur darunter leidet, nicht so en vogue zu sein, wie andere Städte auf der Welt“, fügte der Insolvenzverwalter hinzu.
Image von Heiligendamm laut Jagdfeld ruiniert
Jagdfeld sieht einen Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten darin, dass Kritiker das Image von Heiligendamm „systematisch ruiniert“ hätten. Jahrelang seien die Hotelgäste durch Heerscharen von Radlern und neugierigen Spaziergängern gestört worden. „Jetzt noch besteht die Gemeinde auf einem Wanderweg mitten durch das Hotelgelände, das ist reine Sabotage“, sagte der Geschäftsführer.
Zeitungen hätten gern vom „Klassenkampf am Ostseestrand“ berichtet. Das Hotel könne aber nur von einem Gästeklientel leben, das Zimmer auf Hochpreisniveau buche. Vor einigen Jahren habe man versucht, im Winter Zimmer für je 50 Euro zu vermieten. Das habe zwar für eine gute Auslastung gesorgt, aber auch ein um zwei Millionen Euro schlechteres Jahresergebnis.