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Hendrik Leber über grüne Investments „Die indirekten Folgen des Gutmenschentums sind manchmal brutal“

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Wie investieren Sie nun aber regelkonform?

Und von der wollen Sie nicht überrollt werden?
Ja. Ich will nicht riskieren, dass Kunden, wenn wir deren Kriterien nicht erfüllen, von einem Tag auf den anderen Geld abziehen. Also müssen wir der Marktwelle vorausschreiten, als Defensivakt.

So viel passiert doch noch gar nicht.
Im Moment sollen nur zehn Prozent der Fonds in Deutschland auf Nachhaltigkeit umgestellt werden. Ich vermute aber, es gibt einen Riesenrutsch, wenn Anleger nächstes Jahr ankreuzen sollen: Nachhaltigkeit will ich, will ich nicht. Jeder will ein gutes Gewissen haben – und ganz schnell sind viele Fonds ausgeschlossen.

Und viele Aktien sind auch draußen, womöglich auch solche, die bisher Super-Renditen brachten?
Deshalb habe ich zu meinen Datenlieferanten gesagt: Gebt uns mal die Daten, wir rechnen durch, welche Rolle die verschiedenen Nachhaltigkeitsthemen für die Performance spielen. Mit interessanten Ergebnissen. Frackingaktien etwa sind mega-out, wer die weglässt, macht eine Gewinnsteigerung. Waffen sind auch out. Cannabis dagegen, die einige ethisch orientierte Investoren auch nicht wollen, sind gut für die Performance.

Kiffen bringt Rendite?
Hat es jedenfalls gebracht. Parallel zu diesen Performanceuntersuchungen haben wir bei unseren Investoren und Vermittlern 150 Kriterien abgefragt. Eher rückwärts gerichtete, die zur Abschaffung von etwas führen könnte, etwa Massentierhaltung. Dann solche, die die Gegenwart betreffen, zum Beispiel: Wie wichtig ist es, wie ein Unternehmen mit Mitarbeitern umgeht. Vor allem aber viele vorwärts gerichtete Kriterien, etwa zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, die alle die Welt verbessern sollen.

Dann hatten Sie Performancedaten und die Vorlieben Ihrer Kunden. Das haben Sie dann zusammengeführt?
Wir haben gefragt, was wir umsetzen können, ohne dass es zu stark durchschlägt auf unser Aktienuniversum, auf unsere Art zu investieren. Alle Kriterien, die von mehr als der Hälfte unserer Anleger als sehr wichtig angesehen werden, werden wir berücksichtigen.

Und am Ende gibt es eine Datenbank, eine Excel-Tabelle, in der steht, wie viel Sünde Sie tolerieren. Fünf Prozent Umsatzanteil mit an Tieren getesteten Kosmetika oder mit Pornografie sind noch tolerabel, lese ich da.
Genau. Ich wollte bei allen Punkten wissen, welche Toleranzgrenzen ich einziehen muss, damit ich vernünftig arbeiten kann, so dass ich nicht jede Firma rauswerfen muss. Wenn ein Supermarkt ein paar Penthouse-Hefte – gibt es die überhaupt noch? – und fragwürdige Kosmetika im Regal hat oder eine Telekom ein paar Schmuddelseiten im Netz bedient, muss ich deswegen die Aktie noch nicht verkaufen. Bei Massentierhaltung und Rüstungsgütern liegt die Toleranzschwelle bei zehn Prozent vom Umsatz. Und bei deutlich mehr Themen haben wir null Toleranz.

Zum Beispiel?
Kinderarbeit in der Lieferkette. Produktion von zivilen Handfeuerwaffen. Landminen. Ölbohrungen in der Arktis. Geht alles nicht.

Und woher wissen Sie, wie sauber die Unternehmen sind?
Daten von Unternehmen zu bekommen, ist relativ einfach, die Agenturen machen das für uns. Die Daten sind meist auch nachvollziehbar. Unternehmen liefern, Daimler geht schon in die sechste oder siebte Stufe der Lieferkette, die wollen selbst wissen, was da passiert.

Brüssel hat mit der Taxonomie, also dem Kriterienkatalog zur Klassifizierung grüner Anlagen, schon ganz gut vorgelegt.
Haben Sie da mal reingeschaut? Ich tue so etwas manchmal ganz gern. Das sind schon jetzt 593 Seiten, und das ist erst der Anfang. Da lernen Sie eine Menge, zum Beispiel im ersten Teil, über aerobe und anaerobe Klärschlämme. Leute, ist es mein Job, als Investor Unternehmen zu fragen: Wie haltet ihr es mit anaeroben Klärschlämmen? Die EU Taxonomie zwingt uns in eine Mikro-Überwachung hinein. Vieles in der Taxonomie ist zudem unlogisch.

Zum Beispiel?
Palmöl. Ein gutes Unternehmen darf nur Öl oder Holz verwenden aus Wäldern, die nach einem System aus den Jahren vor 2008 zertifiziert sind. Ausgenommen sind zudem Palmölbetreiber unterhalb einer bestimmten Mindestgröße. Was mache ich jetzt mit den nach 2008 zertifizierten Palmen? Man fragt sich, was will die EU damit erreichen? Wir müssen uns da reingraben, und fragen uns nur: Hat sich da ein vernünftiger Mensch etwas dabei gedacht? Das technisch umzusetzen ist für uns kein Problem, aber ob es etwas bringt? Wir treiben damit einfach nur die Kosten hoch und haben am Ende nichts erreicht.

Die Taxonomie bringt es also nicht. Wie wollen Sie sonst Nachhaltigkeit verwirklichen?
Was wirklich helfen würde, wären die UN-Nachhaltigkeitsziele, die viel logischer sind und auf klare Ergebnisse hinarbeiten. Noch viel besser wäre eine kluge staatliche Regulierung, anstatt es dem Finanzsektor zu überlassen, ein Problem zu organisieren, das die Politik nicht löst. Die CO2-Steuerung soll die EU vornehmen, das ist nicht mein Job. An uns bleiben Dinge hängen, für die die Politik zu feige ist.

Was soll die Politik tun?
CO2-Bepreisung ist der effektivste Weg, um Emissionen zu bekämpfen. Eine Oberdecke einführen, möglichst viele ins System reinholen und dann CO2 verknappen. Alles wunderbar über den Markt, da muss ich nicht eingreifen, weil es über den Preis geregelt wird.

Emissionshandel läuft doch aber schon längst?
Sicher, in einigen Sektoren. Aber warum ist Öl und Benzin nicht dabei? Warum nicht die Landwirtschaft? Warum die Zementindustrie so lange nicht? Warum mache ich es nicht einmal richtig? Was fehlt, ist oft das Gesamtkonzept. Wenn ich das Klein-Klein reguliere – und so macht die Politik das – kommt am Ende ein wahnsinniger Kladderadatsch raus.

So wie bei der Energiewende?
Ja. Windräder finden alle gut. Dass die oft abgestellt werden, weil sie zu viel Strom abgeben, der nicht abtransportiert oder gespeichert werden kann, das sieht keiner.

Warum fahren eigentlich die Großen der Branche, von Blackrock bis Deutsche Bank, so auf das Nachhaltigkeitsthema ab?
Hier geht es um Marktanteile. Wenn es populär ist, dann mache ich es eben. Kostet ja nicht viel. Ein paar Kriterien aufstellen, ein paar Ratingagenturen anheuern, das ist alles kein großer Akt. Die Frage ist eben nur, ob sich so die Welt retten lässt.

Haben Sie Ihre eigenen Anlagekriterien schon scharf gestellt?
Zum Teil, mit vielem haben wir ja noch eineinhalb Jahre Zeit. Die Kriterien sind jetzt in der Datenbank unseres Lieferanten verdrahtet, wir bekommen regelmäßig Listen, welche Aktien in den drei verschiedenen Nachhaltigkeitsstufen, in die unsere Fonds einsortiert werden, nicht zulässig sind. Das wird auch Werte treffen wie Facebook, Amazon, Berkshire Hathaway. Vor ein paar Tagen haben wir die ersten rausgeworfen. Umicore, das Luftfahrtunternehmen Heico, wegen Rüstung. Und Nike. Das wird im Laufe der Zeit mehr werden.

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Warum Nike?
Zwangsarbeitsprobleme bei Zulieferern in China. Das ist ganz spannend. Die Datenlieferanten screenen den Nachrichtenfluss. Da gibt es ein sensibles Ereignis, dann schauen sie, wie gravierend war der Verstoß, wie oft kam es vor, wie hat die Firma reagiert. Manches Vergehen kann geheilt werden, wenn der Sachverhalt abgestellt wird. Sonst gibt es eine schlechte Note – und wir verkaufen.

Mehr zum Thema: Nachhaltiges Investieren ist der neue Megatrend. Doch fragwürdige Kriterien für Umwelt- und Sozialverträglichkeit führen Anleger in die Irre – und diskriminieren viele Unternehmen.

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