Kryptowährungen Die Ukraine-Krise torpediert das Narrativ vom Bitcoin als sicherer Hafen

Viele Kryptoanleger sehen im Bitcoin eine Krisenwährung. Quelle: REUTERS

Anleger reagierten auf den russischen Angriff auf die Ukraine mit Ausverkäufen. Jetzt steigen die Kurse von Kryptowährungen wieder. Warum das den Selbstanspruch des Bitcoins konterkariert.

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Es dauerte bloß einen Tag, bis der Bitcoin den russischen Angriff auf die Ukraine vorerst verdaut hatte. Auf Tagessicht liegt die älteste und bekannteste Kryptowährung fast neun Prozent im Plus und notierte zuletzt bei etwa 38.500 Dollar. Kryptowährungen in den hinteren Reihen legten teils zweistellig zu. Damit haben Digitalwährungen ihre Verluste seit dem russischen Angriff auf die Ukraine fast wieder wettgemacht.

Am Donnerstag hatten Kryptowährungen wie alle anderen Assetklassen sensibel auf die sich zuspitzende Lage in der Ukraine reagiert. Der Bitcoin rutschte auf gut 35.300 Dollar ab, Analysten warnten bereits vor einem Rückgang auf 30.000 Dollar.
Die folgende Erholung fand in etwa im Gleichschritt mit der Kursentwicklung von Technologieaktien statt. Seit Erreichen des gestrigen Tiefpunktes hatte auch US-Technologieindex Nasdaq wieder zugelegt, um fast sieben Prozent.

Warum der Bitcoin trotz des Krieges in Europa wieder so stark anzieht, lässt sich schwer sagen. Ein Grund könnte sein, dass der Abverkauf schlicht übertrieben war und nun eine Korrektur stattfindet.

Der Bitcoin blickt auf eine junge Historie zurück, erst in den vergangenen Jahren wurde er für die Finanzmärkte wirklich relevant. Bislang hat die Cyberdevise keine Erfahrung mit geopolitischen Krisen gemacht. Und dennoch: Das Kursverhalten der vergangenen Tage zeigt erneut, dass das Narrativ des Bitcoins als sicherer Hafen eine Mär ist. Eine wirkliche Krisenwährung böte Anlegern Stabilität – und das tut der Bitcoin eben nicht.

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von Georg Buschmann, Philipp Frohn

Viele Kryptoanleger sehen im Bitcoin ein digitales Pendant zu Gold. Tatsächlich gibt es einige Parallelen. So sind beide Assetklassen begrenzt verfügbar, Gold durch sein natürliches Vorkommen, der Bitcoin qua Limitierung im Code. Befürworter der Kryptowährung sehen in ihr genau wie in Gold eine Krisenwährung. Das Edelmetall hat sich diesen Ruf innerhalb von Jahrhunderten erarbeitet. Auch jetzt flüchten viele Anleger in die Anlageklasse, was den Goldpreis nach oben klettern lässt.

Deutlich schlechtere Performance als Gold

Diese Diskrepanz verfestigt sich insbesondere im Jahresvergleich. Da liegt Gold gut 7,6 Prozent im Plus, der Bitcoin hingegen büßte stolze 17,7 Prozent ein. Natürlich waren in den Vorjahren die Wachstumsraten bei der Kryptowährung deutlich höher. Allerdings zeigen die jüngsten Entwicklungen hinsichtlich Inflation und nun auch die Ukraine-Krise, dass der Bitcoin weniger als Krisenwährung taugt.

Eine grobe Annäherung, wie es am Kryptomarkt weitergehen könnte, bietet der sogenannte „Fear and Greed“-Index (zu Deutsch: Angst und Gier) der Analyseplattform Coinglass. Die Daten zeigen, dass unter Anlegern gerade trotz der Erholung Angst herrscht. Grundlage für die Bewertung der Marktlage sind Daten zu Volumen und Volatilität. Aktuell liegt der Index bei 27 von 100. Tendenziell gilt: Je niedriger der Wert, desto unwahrscheinlicher ist ein weiterer Kursrückgang, weil verkaufswillige Anleger ihre Positionen bereits abgestoßen haben.

Nachdem der Index im Zuge der sich zuspitzenden Lage in der Ukraine in den letzten zwei Wochen stetig gesunken war, zeigt die Kurve jetzt wieder nach oben. Womöglich hat der Bitcoin nun erst mal einen Boden gebildet. Allerdings sind Kryptowährungen äußerst schwankungsanfällig.

Interessant ist beim „Fear and Greed“-Index: Im Januar, als die Sorgen vor steigenden Zinsen die Kurse von Kryptowährungen abstürzen ließen, lag der Index in der Spitze bei 11 – die Angst war also noch größer als jetzt.

Für ukrainische Widerstandsgruppen hingegen wächst die Relevanz von Bitcoin und Co. Wie Daten des Blockchain-Analyseunternehmens Elliptic zeigen, steigt seit dem zweiten Halbjahr 2021 das Volumen an Bitcoin-Spenden. Immerhin mehr als eine halbe Million Dollar floss auf diesem Weg an Nichtregierungsorganisationen und Widerstandsgruppen. Auch ukrainische Hacker werden mit dem Geld unterstützt, um gezielt russische Regierungsbehörden anzugreifen. Für die Crowdfunding-Aktionen sind Bitcoin-Transaktionen beliebt, weil Sender und Empfänger schwierig zu bestimmen sind.

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