Leben mit Aktien: So entlieben Sie sich richtig von einer Aktie
Alte Liebe rostet nicht, sagt man. Für Aktien gilt das nicht: Hier kann so einiges rosten. Manch ein Titel weist nach Jahren im Depot deutliche Korrosionsspuren auf. Bayer, Nike, BASF: Einiges, das einst wie ein gutes Investment aussah, dümpelt inzwischen vor sich hin. Anlegern stellt sich in solchen Fällen die Frage: bleiben oder gehen? Ist die Investmentstory auserzählt – oder hat die Aktie nur einen Durchhänger?
Diese Fragen zu beantworten, gehört zu den größten Herausforderungen beim Investieren. Niemand will in seinem Depot toten Ballast mitschleppen. Es will sich aber auch niemand ärgern, wenn die vermeintliche Loser-Aktie ihr Mojo wiederfindet und der Kurs wieder steigt.
In der aktuellen Ausgabe des Podcasts „Leben mit Aktien“ widmen sich WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar und Scalable-Chefökonom Christian W. Röhl diesem schwierigen Thema. Ihr Tipp: eine Checkliste – um die Emotionen rund um eine Aktie, die alte Liebe und den nagenden Zweifel, von den Fakten zu trennen.
Wenn man an Aktien (ver)zweifelt: Die große Checkliste für den Ausstieg – mit Beispielen von Novo Nordisk bis Nike
Ohne Schwung wird’s schwer
Punkt eins der Checkliste ist die Story hinter der Aktie. Aus welchem Grund kam sie einst ins Depot? Gibt es diesen Grund überhaupt noch? „Ich war langjähriger Bayer-Aktionär“, erzählt Röhl im Podcast. Er habe das Unternehmen für seine Solidität geschätzt und für seinen klaren Fokus nach den Abspaltungen von Covestro und Lanxess. Dann übernahm Bayer Monsanto – und das Profil des Dax-Unternehmens änderte sich grundlegend. Bayer wurde von der Pharma-Boutique zum Grundstoffkonzern. „Das war für mich das Signal zum Ausstieg“, sagt Röhl.
Als Zweites sollten Anleger auf die Zahlen schauen. Wie steht das Unternehmen da? Wie entwickeln sich Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn, Cashflow und Verschuldung? „Wir Aktionäre wollen am Ende steigende Gewinne und Free Cashflows sehen“, sagt Röhl. „Denn nur dann kann etwas zurückfließen“ – etwa in Form von Dividenden oder Aktienrückkäufen. Die Cashflows können allerdings nur dann langfristig steigen, wenn das Geschäft insgesamt wächst. Anleger unterschätzten dabei oft die Bedeutung des Umsatzes, sagt Röhl: „Wenn hier das Momentum verloren geht, ist das ein Warnsignal.“ So geschehen etwa bei BASF, wo die Umsätze schon in den Jahren 2016 bis 2019 stagnierten.
Punkt drei der Checkliste fürs faktenbasierte Entlieben: Gab es bereits Restrukturierungsprogramme? Und hat das Unternehmen damit seine Ziele, etwa Kostensenkungen, erreicht? Wer den Rotstift ansetzt, kann zwar kurzfristig seine Margen steigern. Läuft es schlecht, gehen Kürzungen aber zulasten der Zukunftsfähigkeit. Restrukturierungen können zudem ein Zeichen dafür sein, dass zuvor miserabel gewirtschaftet wurde. Beispiel Novo Nordisk: Der kriselnde Pharmakonzern will weltweit 9000 Stellen streichen, das entspricht rund zehn Prozent der Belegschaft. Da kann man schon mal fragen, was all diese Mitarbeiter bisher eigentlich gemacht haben.
Konjunktur- oder Strukturproblem?
Vierter Punkt: Musste das Management in den vergangenen Jahren mehrfach seine Prognosen korrigieren? Auch hier ist Novo Nordisk ein trauriges Beispiel. Drei Gewinnwarnungen in drei Quartalen – „so etwas kostet massiv Vertrauen an den Kapitalmärkten“, sagt Röhl. Vertrauen lässt sich allerdings auch zurückgewinnen. Das sah man etwa an Siemens Energy: Trotz des Desasters um die Windkrafttochter Gamesa blieb Vorstandschef Christian Bruch in Amt und Würden. Inzwischen läuft es wieder besser; die Siemens-Energy-Aktie ist seit Herbst 2024 massiv gestiegen.
Punkt fünf der Checkliste: Ist die Schwäche des Unternehmens konjunkturell oder strukturell bedingt? Die Antwort gibt einen Hinweis darauf, ob eine schwache Kursentwicklung nur vorübergehend ist oder ein Signal für ein Problem des Geschäftsmodells. Knifflig ist hier, dass sich diese Frage oft nur in der Rückschau beantworten lässt. Bei Nike etwa seien viele Anleger von einer Normalisierung ausgegangen, als die Aktie nach dem Corona-Hoch zu schwächeln begann. „Tatsächlich war es aber eine strukturelle Krise“, sagt Röhl.
Punkt sechs lässt sich etwas einfacher abarbeiten: Wie steht das Unternehmen innerhalb der Branche da? Schwächelt eine Aktie, weil der gesamte Sektor Probleme hat – geschenkt. Läuft das Geschäft aber hier schlecht, während es dort prosperiert, ist das kein gutes Zeichen. Dieses Bild sei vor allem bei Modefirmen oft zu sehen, sagt Röhl. Ein starker Konsumzyklus sollte theoretisch die ganze Branche nach oben ziehen. Wer aber am Zeitgeist vorbei produziert und den Geschmack der Kunden nicht trifft, kann gegen den Trend abstürzen.
Fluch und Segen des Ankeraktionärs
Punkt sieben: Weist das Unternehmen eine starke Abhängigkeit von einem einzigen Produkt auf? Dieses Problem gibt es besonders oft in der Pharmabranche. Um nicht schon wieder Novo zu nennen: Merck & Co. erzielt über 40 Prozent des Umsatzes mit dem Krebsmedikament Keytruda. Dessen Patent läuft 2028 aus. Und dann? Wird die Story wackelig, sagt Röhl: Wie schnell kann Merck den zu erwartenden Rückgang im Geschäft durch neue Medikamente kompensieren? Anleger sollten sich hier fragen, ob sie in der Lage sind, die Pipeline an neuen Produkten realistisch einzuschätzen.
Als achten Punkt nennen Horst von Buttlar und Christian W. Röhl Fusionen und Übernahmen. Diese können eine Chance sein – aber auch schiefgehen. Der US-Rüstungskonzern Northrop Grumman etwa kaufte 2001 Ingalls Shipbuilding. Zehn Jahre später wurde das maritime Geschäft wieder abgespalten: Die Synergien waren überschätzt worden. Rheinmetall-Aktionäre können nur hoffen, dass es mit der Marinesparte der Lürssen-Werft besser läuft.
Punkt neun der Checkliste: Wie ist das Unternehmen global aufgestellt? Ist es das überhaupt? Wenn ja: Wie verteilt sich der Umsatz auf einzelne Märkte – und wo wird produziert? In einer zunehmend multipolaren Welt seien das wichtige Fragen, betont Röhl. „Wer in allen Teilen der Welt verkauft, muss letztendlich auch in allen Teilen der Welt produzieren – sonst steigt die Anfälligkeit für Zölle und Lieferketten-Disruptionen.“ Ein sicherer Schutz vor Turbulenzen ist eine globale Produktion allerdings nicht. Vor allem eine starke Abhängigkeit vom chinesischen Markt schlägt bei westlichen Unternehmen immer wieder ins Kontor.
Punkt zehn: Ankeraktionäre, staatliche Investoren, aktivistische Investoren. Gibt es welche? Wenn ja: Welchen Einfluss haben sie auf das Unternehmen? „Ankeraktionäre sind ein zweischneidiges Schwert“, sagt Röhl. Sie können einerseits für Stabilität sorgen (wie die Familie Quandt bei BMW), andererseits mit einer widersprüchlichen Agenda das Unternehmen ausbremsen (wie die drei Großaktionäre Porsche/Piëch, Niedersachsen und Katar bei Volkswagen). „Und wenn der Staat mitmischt, wird es ohnehin kompliziert“, sagt Röhl. Das muss man als Minderheitsaktionär schon wollen – oder eben: aussteigen.
Mehr darüber, was zu tun ist, wenn man an Aktien verzweifelt, sowie zu den jüngsten Eskapaden der US-Regierung hören Sie in der aktuellen Ausgabe von „Leben mit Aktien“.
Lesen Sie auch: Wie Donald Trump die Pharmaindustrie attackiert
Hinweis: In einer ersten Fassung dieses Textes fehlte Punkt neun von zehn. Wir haben ihn ergänzt.