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Stelter strategisch

Was Euro-Skeptiker jetzt tun sollten

Daniel Stelter Quelle: Presse
Daniel Stelter Unternehmensberater, Gründer Beyond the Obvious, Kolumnist Zur Kolumnen-Übersicht: Stelter strategisch

Seit Mittwoch sind die Briten offiziell im Brexit-Prozess. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen könnten auch andere die EU oder gar die Euro-Zone verlassen. Was das für Anleger und Sparer bedeutet, wie sie sich vorbereiten.

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70 Jahre nach den römischen Verträgen: Der Austritt eines Landes aus dem Euro oder gar ein Zerfall der gesamten Euro-Zone wäre ökonomisch eine Katastrophe. Quelle: dpa

Der Startschuss für die Austrittsverhandlungen Großbritanniens aus der EU ist gefallen. Mittel- und langfristig dürfte sich der Schritt für die Briten auszahlen, kurzfristig wächst die Unsicherheit, vor allem, weil die EU angeführt von den Franzosen auf Rache sinnt. In einer europäischen Version des von den Eagles besungenen Hotel California (man kommt nur hinein, nicht heraus) soll ein für alle mal klar gemacht werden, dass es keinen Austritt geben kann, weil es ihn nicht geben darf. Alleine deshalb muss den Briten eine Lektion erteilt werden, so die Logik in Brüssel und Paris. Die deutsche Regierung wird sich dem nicht widersetzen, gilt es doch die Beziehung zu Frankreich zu pflegen. Eine Haltung, die vom SPD Kanzlerkandidaten, der seine gesamtes politisches Renommee der EU zu verdanken hat, naturgemäß unterstützt wird.

Unerfülltes Wohlstandsversprechen

Dabei wäre es besser, wenn sich die Politiker, statt auf Bestrafung zu setzen, die Grundlagen der EU in Erinnerung rufen würden. Neben der Sicherung von Frieden, Freiheit und Demokratie ist dies vor allem die Schaffung von Wohlstand. Zweifeln die Bürger in allen Ländern zunehmend an der demokratischen Legitimation einzelner Entscheidungen, so sind sie außerhalb Deutschlands von den wirtschaftlichen Konsequenzen enttäuscht. Namentlich gilt das für die Länder der Eurozone. Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und Frankreich bleiben in einem Umfeld geringen Wachstums mit weiter steigenden Schuldenlasten gefangen.

Der Brexit-Fahrplan

In allen Ländern wächst die Unzufriedenheit, was zum Erstarken radikalerer Parteien beiträgt. Lauter werden die Stimmen, die in einem Austritt aus dem Euro eine Lösung für die ökonomischen Probleme sehen. Noch dürften weder Marine Le Pen noch Beppe Grillo an die Macht kommen. Und selbst dann wäre es noch ein langer Weg mit vielen Hürden, bis es soweit wäre, dass Frankreich oder Italien austreten. Ausgeschlossen ist es deshalb aber nicht.

Die Zeit spielt für die Extremisten. Je länger es nicht gelingt, die ökonomische Stagnation zu überwinden, desto attraktiver klingen die vermeintlich einfachen Lösungen. Schon in der nächsten Rezession – ausgelöst durch steigende Zinsen? – kann es ernst werden.

Unwahrscheinlich aber brandgefährlich

Vorerst bleibt der Austritt eines Landes aus dem Euro oder gar ein Zerfall der gesamten Euro-Zone unwahrscheinlich. Zu groß ist der Wille der Politik das Projekt um jeden Preis zu erhalten. Zu groß ist die Bereitschaft der EZB, buchstäblich alles zu tun, was für die Stabilität der Euro-Zone nötig ist. Zu gering Bewusstsein und Interesse der breiten Öffentlichkeit, die die Tragweite des Problems bei weitem nicht erfasst und für die über 800 Milliarden Euro an Target II Forderungen der Bundesbank eine abstrakte Größe sind.

Wie ernst diese Forderungen sind, zeigt ein Brief von EZB-Chef Mario Draghi an italienische Abgeordnete im Europaparlament. Selbstverständlich, so Draghi, müsste ein Land im Falle eines Euro-Austritts die Target-II-Verbindlichkeiten in vollem Umfang erfüllen. Für Italien wären mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Für den italienischen Staat schon jetzt eine unerfüllbare Forderung. Nebenbei ist der EZB-Präsident damit übrigens von der bisherigen Sprachregelung abgewichen. Statt einen Euro-austritt als unmöglich abzutun, hat er die Konsequenzen benannt.

Die wahre Folge eines Austritts Italiens wäre wohl eine andere: Die Schulden des Staates würden auf Lire umgestellt und die Banca d`Italia mit Blick auf die Target-II-Verbindlichkeiten die Zahlung verweigern. Nur so wäre der Austritt des Landes überhaupt möglich.

Das Armageddon-Szenario

Käme es zum Austritt eines Landes oder einem Zerfall der Euro-Zone wären die Folgen gravierend. Die Weltwirtschaft würde in eine tiefe Rezession stürzen und gerade Deutschland wäre erheblich getroffen. Schon 2015 habe ich an dieser Stelle die Konsequenzen für die Geldanlage diskutiert.

Was der Abschied der Briten bedeutet

In einer aktuellen Studie greift die Deutsche Bank das Thema auf. Zunächst betont die Bank, dass es sich um ein unwahrscheinliches Szenario handelt, bevor sie eine detaillierte Simulation durchspielt, deren Ergebnisse es in sich haben:

  • Nach dem Kaufkraftindex kommt die Deutsche Bank zu dem wenig überraschenden Ergebnis, dass der Euro für Deutschland zu tief und für Spanien, Griechenland und Portugal zu teuer ist. In Summe ist der Euro nach diesem Modell unterbewertet. Übersetzt hieße das, eine neue Deutsche Mark würde aufwerten, während Pesete, Drachme und Escudo verlören. Eine sehr schlechte Nachricht für die deutsche Exportwirtschaft. Die Unterbewertung des Euro ist zudem auch dem Protektionisten im Weißen Haus ein Dorn im Auge.

  • Die Autoren blicken auf Frankreich, wo Marine Le Pen sich besonders große Vorteile aus einem Euro-Austritt ausrechnet. Nach den Analysen ist Frankreich, wenn überhaupt, unterbewertet, weshalb sich kein Abwertungsgewinn ergeben dürfte. Dieser wäre nur Folge der dann geänderten Wirtschaftspolitik, die auf notenbankfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme setzt.
  • Natürlich bliebe es nicht bei diesen moderaten Anpassungen. Die Bank geht davon aus, dass dem Zerfall Kapitalverkehrskontrollen vorausgehen, nachdem die EZB das Target-II-System ausgesetzt hat. Noch ist das nicht wahrscheinlich, sollte sich der derzeitige Trend jedoch fortsetzen, dürfte der politische Druck stark zunehmen, dem demokratisch nicht legitimierten Finanzausgleich durch die Hintertür ein Ende zu setzen. In der Folge würde der Euro an den internationalen Kapitalmärkten massiv unter Druck geraten. Es käme zu einer tiefen Rezession und damit verbunden einer nachhaltigen Verminderung der Produktivität der betroffenen Volkswirtschaften sowie höherer Inflation. Spanien, Griechenland, Portugal und Italien würden um mehr als 40 Prozent abwerten.
  • Hinzu käme eine erhebliche Kapitalflucht aus dem (ehemaligen) Euro-Raum, der von der Bank auf mindestens 500 Milliarden Euro geschätzt wird. Dies hätte eine weitere Abwertung des Euro beziehungsweise seiner Nachfolgewährungen zur Folge.
  • Gegenmaßnahmen der Notenbanken wären zu erwarten und dürften den Zins für zehnjährige US-Staatsanleihen auf ein Prozent und den auf deutschen Staatsanleihen noch deutlicher in den Negativbereich drücken. Damit könnten die Notenbanken das Chaos etwas mildern.
  • Käme es bei der Wahl in Frankreich zum überraschenden Sieg von Marine Le Pen, würde der Euro in Erwartung der oben beschriebenen Effekte um 25 Prozent gegenüber dem Dollar stürzen, so die Studie der Deutschen Bank.

Kurz gefasst, es handelt sich um ein Armageddon-Szenario. Kritiker mögen der Deutschen Bank unterstellen, die negativen Folgen bewusst dramatisch zu umschreiben, weil es im Geschäftsinteresse liegt, den Euro zu erhalten. Ich würde das nicht tun, sind die Annahmen doch plausibel begründet.

Fünf Krisen, die die EU schon überlebt hat

Wette auf die Politik ist riskant

Angesichts dieser dramatischen Gefahren könnte man als Bürger und Investor denken, dass die Politik alles tut, um die Euro-Zone auf eine stabile Grundlage zu stellen. Doch weit gefehlt. Die grundlegenden Probleme der Überschuldung, des bankrotten Bankensystems und der auseinanderlaufenden Wettbewerbsfähigkeit bleiben trotz vereinzelter Fortschritte ungelöst. Stattdessen durfte die EZB mit Negativzinsen die Währungsunion zusammenhalten und die Zinskosten der Staaten um Hunderte Milliarden Euro senken. Das reduziert die Schmerzen, ändert aber nichts an der Krankheit. So wachsen die Spannungen in der Euro-Zone immer weiter. Kein Wunder, dass nach einer Studie des Hedgefonds Bridgewater der Zuspruch für radikale Parteien auf dem höchsten Stand seit den 1930er Jahren liegt. Unsere Depression läuft im Unterschied zu damals in Zeitlupe ab, was es nicht besser macht.

Als Investor muss man erkennen, dass meine Gedanken zur Positionierung für den Fall der Fälle reichlich naiv waren. Es ist zwar richtig auf Aktien der Peripherie und Anleihen aus Deutschland zu setzen. Zur Sicherung von Vermögen wird es jedoch nicht genügen. Dazu müssen wir das tun, was die Profis schon lange tun: Die Euro-Zone untergewichten, egal wie billig sie auch sein mag.

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