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US-Autokredite Nächstes Ziel Finanzkrise

Immer mehr Amerikaner können ihr Auto nicht abbezahlen. Ihre Kredite wurden verbrieft und weitergereicht, vergleichbar den Subprime-Krediten für Immobilien vor 2007. Wiederholt sich die Finanzkrise?

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Quelle: imago images

Santa Cruz, Kalifornien. Am Morgen hat Carlas himmelblauer Saab SE, Baujahr 1995, endgültig seinen Geist aufgegeben. Nichts rührt sich mehr. Schlechter hätte der Zeitpunkt nicht sein können. Am nächsten Tag hat die Malerin einen Termin in einer Galerie, die an ihren Landschaftsbildern interessiert ist. Sie braucht dringend einen neuen Wagen. Ihr Wunschauto ist ein Golf GTI. Im Internet hat sie ein gebrauchtes Modell für knapp 14 000 Dollar bei einem lokalen Händler gefunden. Der schickt prompt einen Fahrer vorbei. Eine Stunde später sitzt die Künstlerin nervös vor einer freundlichen Beraterin. Da sie noch am Anfang ihrer Karriere steht und einen Studienkredit abzahlt, ist ihr „Credit Score“, ein Index für Kreditwürdigkeit, schlecht. Ihr Traum vom neuen Auto platzt deshalb aber noch längst nicht. „Wir schauen mal“, sagt die Verkäuferin und tippt auf der Tastatur herum. Ein Kredit über fünf Jahre ist möglich, ohne Anzahlung, allerdings mit 19 Prozent effektivem Jahreszins. Die monatliche Rate: knapp 400 Dollar.

Verkaufte Pkw in den USA von 2005 bis 2016

Kunden wie Carla stehen bei Händlern, die Neu- oder Gebrauchtwagen im Paket mit einer Finanzierung verkaufen, hoch im Kurs. Doch eigentlich können sie sich die Kredite nicht leisten, und das stört zunehmend einige US-Bundesstaaten. „Die Praktiken sind fast identisch mit dem, was wir bei den Immobilienkrediten vor einigen Jahren gesehen haben“, sagt Maura Healey, Generalstaatsanwältin von Massachusetts. Weil sie „unfaire und unbezahlbare“ Kredite vergeben hatte, willigte Santander Consumer USA, eine auf Autofinanzierungen an bonitätsschwache Kunden spezialisierte Tochter der spanischen Großbank Santander, unlängst in einen Vergleich mit den Staaten Massachusetts und Delaware ein und zahlte 26 Millionen Dollar Strafe.

Investoren setzen auf trügerische Sicherheit

Doch die US-Autokredite sind mehr als eine Gefahr für überforderte Kunden. Sie sind längst zum Systemrisiko geworden. Nach Statistiken der Federal Reserve Bank of St. Louis hatten Amerikaner im ersten Quartal 2017 Autokredite über 1120 Milliarden Dollar zu bedienen – 40 Prozent mehr als Ende 2007, vor der großen Finanzkrise.

Die Kursraketen seit der Finanzkrise

Zwar bleiben die Autokredite damit eine Nummer kleiner als der rund neun Billionen Dollar schwere US-Hypothekenmarkt. Doch die geringere Aufmerksamkeit haben Autofinanzierer anscheinend schamlos ausgenutzt: Ein Drittel ihrer Schuldner stammt aus dem ausfallbedrohten Subprime-Fahrerlager. Und sie haben – wie bei den Immobilienkrediten vor der Finanzkrise – Forderungen gebündelt und über strukturierte Wertpapiere an Investoren verkauft. Die kauften sie freudig, als hätten sie vergessen, dass solche Asset Backed Securities (ABS) Auslöser der Finanzkrise waren. ABS versprechen eben viel mehr Rendite als Staatsanleihen oder solide Unternehmensanleihen. Das Emissionsvolumen verbriefter Autokredite ist seit Mitte 2011 kontinuierlich gestiegen. Im Dezember 2016 wurden Auto-ABS für rund zwölf Milliarden Dollar am Markt untergebracht – ähnlich viel wie kurz vor der Finanzkrise. Im Subprime-Segment gelten 32,5 Prozent als „deep subprime“, haben Analysten von Morgan Stanley ermittelt. Unter „deep subprime“ fallen Schuldner, die ihren Kredit ohne Lottogewinn kaum vertragsgemäß bedienen können. 2010 lag dieser Wert noch bei 5,1 Prozent. Der Markt für Autokredite sei überreizt, warnte Jamie Dimon, Chef der Investmentbank JP Morgan, schon im vergangenen Jahr. „Irgendjemand wird einen Schaden erleiden.“

In der Finanzkrise trafen Verluste aus Immobilien-ABS auch deutsche Anleger – über heimische Geldmarkt- und Rentenfonds. „Stupid german money“ floss nicht nur von Banken, sondern auch von Fonds in die vermeintlich sicheren Verbriefungen. Heute dürfen Geldmarktfonds nur mit sehr kleinem Geld in Subprime-Kredite investieren. Branchenprimus Deutsche Asset Management zum Beispiel teilt mit, dass er in Geldmarktfonds auf Autoverbriefungen verzichte und Rentenfonds diese allenfalls nach intensiver Prüfung mit maximal einem Prozent Fondsanteil aufnehmen würden.

Gebrauchtwagen verlieren bereits an Wert

Andere Investoren, allen voran Hedgefonds, sind weniger scheu. Anbieter Westlake Financial hat im März „Nonprime“-Kredite über 750 Millionen Dollar mühelos platziert. Investoren sagen, es würden schon nicht alle Kredite gleichzeitig platzen. Eine bekanntermaßen trügerische Sicherheit.

Weil das öffentliche US-Nahverkehrsnetz abseits der Metropolen so löchrig ist, sind viele Amerikaner auf Autos angewiesen, um zur Arbeit zu kommen. Kunden wie Carla akzeptieren deshalb notgedrungen auch Wucherzinsen von 20 Prozent und mehr.

Im Geschäft mit klammen Kunden ganz vorne mit fahren neben Santander weitere Spezialanbieter wie Ally Financial und American Credit Acceptance. Dazu die Finanzierungstöchter großer Autohersteller. GM Financial etwa wirbt auf der Homepage damit, dass der Finanzierer Kredite für das „komplette Spektrum“ anbietet – auch für Subprime-Kunden mit mieser Zahlungshistorie.

Donald Trump müsste Toyota fahren
Jeep Compass Quelle: Fiat
Ford F-150 Quelle: Ford
Honda Accord Quelle: Auto-Medienportal.Net
Acura MDX Quelle: Honda
GMC Acadia Quelle: GM
Buick Enclave Quelle: GM
Chevrolet Traverse Quelle: GM

In den USA werden 86 Prozent aller Neuwagen und 55 Prozent aller Gebrauchtwagen auf Pump finanziert. Gut ein Drittel der Privathaushalte zahlt ein Auto ab. Für einen Neuwagen werden durchschnittlich 29 000 Dollar aufgenommen, für einen Gebrauchtwagen 17.000 Dollar. Oft werden Autos gar zu mehr als 100 Prozent finanziert. Der Neuwagen steht vor der Tür, bevor die alte Karre abbezahlt ist. Der Kredit muss Kauf und Restschuld abdecken.

Schon das relativiert den Wert der Sicherheiten hinter Autokrediten, also den der Autos. Hierzulande reicht ein Blick in die Gebrauchtwagenstatistik des ADAC, und schon wird klar: Ein neues Auto verliert automatisch und rasch an Wert. Sobald das Nummernschild angeschraubt ist, sind bis zu 20 Prozent futsch.

Sollten bald Autos in Massen auf den Markt kommen, weil sich immer mehr Kreditnehmer die Raten nicht mehr leisten können, verfällt der Wert der Sicherheiten noch schneller. Das Finanzkrisenmuster, damals mit Häusern, würde sich wiederholen.

Marktanteile der Autohersteller in den USA

Erste Hinweise gibt es: Die US-Gebrauchtwagenpreise fallen seit Monaten. Im März lag der entsprechende Index der National Automobile Dealers Association um 7,2 Prozent unter dem Vorjahreswert (siehe Chart). Das Barometer fiel auf den tiefsten Stand seit September 2010. Nach Schätzungen des weltweit größten Auto-Auktionshauses Manheim kommen bis Ende 2019 rund zwölf Millionen Leasingfahrzeuge auf den Markt. Diese hatten die Autohersteller zwischen 2014 und 2016 in den Markt gepresst, um die Verkaufszahlen aufzuhübschen. Die US-Autoindustrie produziert inzwischen immer mehr auf Halde. Ihre Lagerbestände sind im März im Jahresvergleich um 2,3 Prozent gestiegen. Analysten von Morgan Stanley halten bis 2021 einen weiteren Rückgang der Gebrauchtwagenpreise um bis zu 50 Prozent für denkbar.

Autovermieter spüren den Preisrutsch bereits. Ihre Ertragskraft hängt nicht nur von den Leihgebühren ab, sondern auch von den Erlösen, die sie mit dem Verkauf ihrer Autos erzielen. Die Aktienkurse von Hertz und Avis Budget notieren 90 und 60 Prozent unter ihren Höchstständen von 2014.

Nach Daten der Kreditanalysefirma TransUnion sind aktuell bereits 1,4 Prozent der Autokäufer in den USA mit Zahlungen in Verzug. So hoch war die Quote zuletzt 2008, noch eine Parallele zur Finanzkrise. Im Subprime-Segment werden gar gut fünf Prozent der Kredite seit mindestens 60 Tagen nicht mehr bedient.

Geht die Liquidität, droht ein Teufelskreis

Subprime-Finanzierer fahren mit ihren Krediten inzwischen wieder Verluste ein wie im Nachgang der Finanzkrise, meldet die Ratingagentur S&P. Die in ABS gebündelten Kredite hätten im Januar, aufs Jahr hochgerechnet, 9,2 Prozent an Wert verloren. Die Laufzeit der Kredite muss immer weiter gestreckt werden, damit sich Schuldner ihre Raten noch leisten können. Bei schlechter Bonität liegt sie schon bei sechs Jahren – ein historischer Rekord. Bei Zahlungsausfällen brachte die Verwertung der Sicherheiten – sprich: der Verkauf der Autos – den Finanzierern zuletzt immer weniger ein. Im Schnitt holten sie nur noch 34,8 Prozent der Kreditsumme raus.

Deutsche Bank verliert Anschluss an US-Riesen
US-Investmentbanken profitieren von Donald Trump, die europäischen Geldhäuser schwächeln weiter. Das zeigt eine Studie der Marktforschungsfirma Coalition, die zweimal im Jahr die Ertragslage der weltgrößten Investmentbanken untersucht. Die Daten beinhalten die Erträge der Geldhäuser aus den drei wichtigsten Feldern des Investmentbanken-Geschäfts: dem Anleihehandel, dem Aktienhandel und dem sogenannten Investmentbanking, zu dem Fusionsberatung sowie das Platzieren von Aktien und Anleihen für Kunden zählt. Wie die Institute derzeit dastehen. Quelle: dpa
Auf Platz zwölf steht wie auch schon im Vorjahr die Société Générale. Das französische Institut sticht dabei allerdings mit zwei Spitzenplätzen im Wertpapiergeschäft hervor. Bei Aktienderivaten (Platz zwei) und bei Termingeschäften (Platz 3) landen die Franzosen jeweils auf dem Treppchen. Quelle: REUTERS
MIT BNP Paribas steht auch auf Platz 11 ein französisches Institut. Auch das größte Geldhaus des Landes hat sich damit im Coalition-Ranking weder verbessern, noch verschlechtern können. Das Institut hatte erst im März angekündigt, das Investmentbanking in Deutschland ausbauen zu wollen. Quelle: dpa
Den neunten Platz im Ranking teilen sich zwei Institute. Die UBS hatte die Platzierung im Vorjahr noch exklusiv inne. Doch die Schweizer zeigten sich zuletzt etwas schwächer und mussten ihre beiden dritten Plätze bei den Geschäften mit Devisen und Derivaten abtreten. Quelle: REUTERS
Teilen muss sich die UBS den neunten Platz mit der HSBC, die sich damit um einen Platz im Ranking verbessert. Das in London ansässige, aber auf Asien fokussierte Institut hatte erst im März einen Führungswechsel eingeleitet. Quelle: dpa
Einen Platz abwärts geht es für die Credit Suisse, die vom siebten auf den achten Rang abrutscht. Im Geschäft mit verbrieften Krediten und Wertpapieren verlieren die Schweizer ihren dritten Platz. Quelle: dpa
Barclays hat mit der Credit Suisse die Plätze getauscht und verbessert damit sich vom achten auf den siebten Platz. Die Briten agieren in keinem Segment herausragend, allerdings in beinah jedem Geschäftsbereich auf Top-Ten-Niveau. Quelle: dpa

Sollten in Zukunft noch mehr Kredite platzen und die Gebrauchtwagenpreise weiter fallen, drückt das den Wert der ABS. Ein Teufelskreis setzt ein: Investoren verlangen höhere Renditen, um noch in ABS zu investieren. Schon jetzt muss zum Beispiel American Credit Acceptance Investoren 4,6 Prozent Rendite bieten. Kreditgeber können sich nur noch teurer refinanzieren – und müssen von Schuldnern noch höhere Zinsen fordern. Schnell könnte der ABS-Markt für Subprime-Autokredite dann austrocknen. Die Käufer der schrottreifen Autokredite säßen wie einst die Käufer von Subprime-Immobilienkrediten auf Sicherheiten, die nur noch wenig wert sind. Kreditanbieter gerieten in Liquiditätsnot.

Bisher hat sich diese Gefahr kaum in den ABS-Ratings niedergeschlagen – auch das eine Parallele zur Zeit vor der Finanzkrise. Zwar bereiten die Entwicklungen der Federal Reserve Bank of New York „erhebliche Sorgen“. Die meisten Autofinanzierungen seien aber unverändert solide, betonen die Notenbanker. So wie Ex-US-Notenbankpräsident Ben Bernanke, der im September 2007 die denkbaren Verluste aus der Subprime-Immobilienkrise auf 50 bis maximal 100 Milliarden Dollar bezifferte. Am Ende überstiegen sie 500 Milliarden Dollar.

Steve Eisman hatte Bernanke die Schätzung damals nicht abgekauft. Er erlangte als Vorlage für die Figur des Hedgefondsmanagers Michael Burry im Buch „The Big Short“ von Michael Lewis Berühmtheit. Der Hedgefondsmanager spekulierte zwischen 2005 und 2008 auf einen Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes – und gewann Hunderte Millionen Dollar für seinen damaligen Arbeitgeber. Eisman, der heute für die New Yorker Investmentfirma Neuberger Berman Group arbeitet, warnt jetzt vor Verwerfungen auf dem US-Subprime-Automarkt. Er sagt aber auch: „Der Markt ist nicht groß genug, um das gesamte Finanzsystem aus den Angeln zu heben wie damals der US-Häusermarkt.“ In Not gerieten vermutlich nur Autokredite an Subprime-Kunden, maximal 400 Milliarden Dollar Kreditvolumen.

Die wertvollsten Unternehmen der Welt

Der Schaden könnte trotzdem größer ausfallen: Viele Käufer der Subprime-ABS haben diese als Sicherheiten eingesetzt, um sich selbst Geld zu borgen. Solche mehrfachen Verpfändungen derselben Sicherheit sind im heutigen Finanzsystem eine der Hauptquellen für Kredite. Im Schnitt wird eine Sicherheit im US-Finanzsystem zwei bis drei Mal eingesetzt.

„The Big Short“ ist der US-Autokreditmarkt daher vielleicht nicht – ohne Schmerzen wird sich aber auch dieser Markt nicht von faulen Krediten bereinigen lassen.

Malerin Carla aus Santa Cruz arbeitet daran, dass zumindest ihr Kredit nicht dazugehört. Die Galerie war an ihren Landschaftsbildern jedenfalls interessiert – ein guter Anfang.

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