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Wie wird das Anlagejahr 2019? „Die EZB steckt in der Klemme“

Quelle: imago images

Benjamin Melman, leitender Portfoliomanager vom Vermögensverwalter Edmond de Rothschild Asset Management, erklärt, warum er nicht an eine nahe Rezession glaubt und in Schwellenländer-Aktien investiert.

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WirtschaftsWoche: Herr Melman, was hat Sie im ablaufenden Börsenjahr am meisten überrascht?
Herr Benjamin Melman: Der Abzug der Liquidität durch die Zentralbanken war gut kommuniziert und an sich keine Überraschung. Da es aber verschiedene Unsicherheitsfaktoren gab, war der Effekt an den Märkten stärker als zunächst erwartet. Uns war klar, dass es volatiler wird, aber nicht in dem Maß. Die Tumulte fingen an, als die US-Notenbank Fed ihre Bilanzsumme schneller reduziert hat.

Bei welchen Assetklassen macht sich das besonders bemerkbar?  
Das Geld der Zentralbanken ist in alle Anlageklassen geflossen. Wir haben das erste Mal seit 1994 die Situation, dass fast alle Assets an Wert verlieren. Denken Sie nur an Bitcoins, die Anfang des Jahres noch das Geschäft des Jahrtausends waren. Für Anleger bedeutet das, dass es keine sicheren Häfen zum Verstecken mehr gibt. Das ist ungewöhnlich. 

Wie sichere ich mein Depot dann gegen Kursschwankungen ab?
Das ist tatsächlich nicht einfach, weil ein breit diversifiziertes Portfolio in diesem Umfeld genauso anfällig ist. Das wird wohl auch so bleiben, solange die Fed ihre Bilanz weiter schrumpft. Der beste Weg sind Optionen. Wir kaufen dafür Puts...

Benjamin Melman Quelle: PR

...also Verkaufs-Optionen, deren Wert bei fallenden Kursen steigt.
Die sind zwar teuer, aber wir finanzieren das gegen, indem wir kurzfristige Calls verkaufen, also Kaufoptionen, für die wir einen bestimmten Preis garantieren und dafür eine Prämie kassieren. Die Calls wiederum kaufen wir vorher gezielt zu günstigen Preisen auf.

Bleiben die Märkte auch 2019 so volatil?
Das ist denkbar. Einer der wichtigsten Einflussfaktoren wird wieder die Fed sein. Wir erwarten für 2019 weiterhin drei Zinserhöhungen, allerdings nur, wenn die Märkte sich etwas beruhigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) dagegen kauft zwar auch keine neuen Anleihen mehr, sie reinvestiert aber fällig werdende Anleihen.

Könnte EZB-Chef Mario Draghi im Fall einer Rezession überhaupt noch reagieren, oder hat die Zentralbank ihr Pulver komplett verschossen?
Um ehrlich zu sein: die EZB steckt in der Klemme, ihr Spielraum ist minimal. Leider, denn das ist für Europa ein großes Problem. Zum Glück schätzen wir das Risiko einer Rezession insgesamt als gering ein.

Warum?
Der Aufschwung in Europa ist noch recht jung, er hat erst 2016 richtig angefangen. Normalerweise dauert so etwas sieben bis acht Jahre. Auch die Indikatoren deuten nicht auf ein Ende hin. Die Unternehmensschulden sind weiter auf niedrigem Niveau, wir sehen keine übertriebenen Investments oder Anzeichen für ein Überhitzen.

Aber was ist mit der Ansteckungsgefahr aus den USA?
Natürlich ist Europas Konjunktur eng mit der US-Wirtschaft verbunden. Aber auch dort sehen wir nicht die typischen Anzeichen für eine aufkommende Rezession. Die Margen sinken nicht, Banken schränken ihre Kreditvergabe nicht ein, und auch die Inflation sinkt nicht. Wir sind am Ende des Konjunkturzyklus, aber nicht kurz vor einer Rezession. Wir sind deshalb auch weiterhin in US-Aktien investiert, denn die stärkste Performance haben wir immer am Ende des Kreislaufs gesehen. Das wollen wir noch mitnehmen. 

Kann sich die Lage nicht schnell ändern? An Risiken mangelt es mit Handelskrieg, Brexit oder der Schuldenkrise in Italien schließlich nicht.
Der Handelskonflikt zwischen den USA und China wird ein signifikantes Problem bleiben. Aber kurz vor seiner möglichen Wiederwahl 2020 kann sich US-Präsident Trump keine Rezession leisten, die wird er mit aller Kraft verhindern. Trotzdem bleibt die Unsicherheit. Auch die Sanktionspolitik gegen den Iran steht auf der Agenda von Trump....

Wie können Anleger sich absichern?
Wir setzen auf steigende Ölpreise und investieren deshalb in den Energiesektor. So können wir unser Portfolio wenigstens etwas gegen ein paar von Trumps Twitter-Tweets absichern. 

Wie bereiten Sie sich auf einen Brexit vor?
Das Risiko für einen harten Brexit ist sehr niedrig. Wir haben britische Assets mittlerweile untergewichtet. Bei Aktien sichern wir uns mit unserer Optionsstrategie ab.

Machen Sie dasselbe auch bei Italien?
Ja, wir investieren nicht. Bei der italienischen Regierung ist keine Strategie erkennbar, und wenn Sie keine Vorhersagen treffen können, können sie auch nicht investieren. Gerade bei Anleihen haben wir den Anteil stark zurückgefahren. Das machen wir übrigens auch bei französischen Bonds.

Wegen den Protesten der „Gelbwesten“?
Ja, es herrscht dort eine komische Atmosphäre. Das Risiko, dass die Situation schlimmer wird, ist zwar gering, aber wir umgehen die Situation, solange wir nicht wissen, wohin die Proteste führen.

Wo sehen Sie Chancen?
Bei Schwellenländer-Aktien. Der chinesische Markt etwa ist günstig, auch in Lateinamerika sind viele Papiere niedrig bewertet. Außerdem kaufen Sie so gleichzeitig die lokale Währung. Aktuell sind die zwar schwach, weil der Dollar so stark ist. Am Ende eines Konjunkturzyklus fällt der Dollar aber normalerweise und die anderen Währungen werten auf, davon würden auch die Schwellenländer-Währungen profitieren. Noch sind wir auch in europäischen und amerikanischen Aktien investiert, aber wir wissen, dass wir dort im Verlauf des nächsten Jahres reduzieren müssen.

Gilt das branchenweit?
Wir setzen zurzeit eher auf Einzelaktien als auf ganze Branchen, da viel Rotation im Markt ist. Ausnahmen sind wie gesagt der Energiesektor und die Telekommunikationsbranche. Deren Aktien sind günstig, und die Investitionen in den neuen Netzstandard 5G dürften geringer ausfallen als erwartet, davon profitieren die Unternehmen.

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