Wirtschaft im Weitwinkel: Kryptowährungen - einsteigen oder Finger weg?
Nach dramatischen Kursverlusten hat die Digitalwährung Bitcoin die Hälfte ihres einstigen Wertes eingebüßt. Ist das eine Gelegenheit zum Einstieg?
Foto: WirtschaftsWocheBitcoin, Ether, Ripple – dies sind nur drei von weit über 1.000 existierenden Kryptowährungen. Spätestens seit den Kurssteigerungen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres und der Einführung von Bitcoin-Futures vergeht kein Tag ohne Meldungen über das „neue Geld“. Während der Status-quo für viele Anhänger von Kryptowährungen nur der Anfang von etwas noch viel Größerem ist, gibt es wohl mindestens ebenso viele Stimmen, die Bitcoin & Co. mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende oder niederländischen Tulpenzwiebeln aus dem 17. Jahrhundert vergleichen.
Die Wahrheit ist dann doch etwas komplizierter, denn Kryptowährung ist nicht gleich Kryptowährung. Zwar basieren alle weitgehend auf der Blockchain-Technologie. Es gibt aber wesentliche Unterschiede. Dies gilt beispielsweise für die Art der Geldschöpfung oder die Existenz einer Obergrenze für die Geldmenge einer Kryptowährung. Darüber hinaus variiert die Zielsetzung von einer Ergänzung des bestehenden Zahlungssystems bis hin zu einem angestrebten Ersatz der traditionellen Finanzwelt mit Zentralbanken und Finanzinstituten.
Unter Vernachlässigung aller Nebenschauplätze und ideologischer Differenzen lässt sich festhalten, dass mithilfe der zugrundeliegenden Technologie rasche und kostengünstige Zahlungen vergleichsweise einfach und sicher, auch über die Grenzen von Währungsräumen hinweg, möglich sind. Zumindest verglichen mit den etablierten Zahlungssystemen ist dies ein klarer Vorteil. Folglich sollten Bitcoin & Co. insbesondere für Menschen interessant sein, deren Länder nicht über eine gut ausgebaute Zahlungsinfrastruktur verfügen (beispielsweise in einigen afrikanischen Nationen) oder deren Währungen alles andere als vertrauenswürdig sind (Venezuela).
2013 gründete Wu Jihan mit zwei Kollegen Bitmain. Heute ist sein Unternehmen mit Sitz in Peking eine Macht in der Bitcoin-Szene, an der niemand vorbeikommt. Denn Bitmain ist über mehrere Töchter an jedem Schritt der Bitcoin-Wertschöpfung beteiligt.
Foto: BloombergIn Lagerhallen wie dieser in Ordos, einem Ort in der Inneren Mongolei im Norden Chinas, schürft Bitmain Bitcoins. Unter dem Namen Antpool und BTC.com betreibt Bitmain zwei sogenannte Miningpools, die Rechenleistung von mehreren Standorten bündeln, um Bitcoins zu berechnen. Wie genau das Schürfen funktioniert, erklärt unsere kurze Animation.
Foto: BloombergIn den Lagerhallen stehen reihenweise Rechentürme. Antpool und BTC.com sorgen gemeinsam für 40 Prozent der weltweiten Rechenleistung im Bitcoin-Netzwerk. So hat aktuell kein Konzern mehr Einfluss auf das Bitcoin-Netzwerk als Bitmain.
Foto: BloombergDer Clou: Bitmain stellt auch die Hardware für seine Rechenzentren her: Die Modelle mit dem Namen Antminer S9 gelten in der Branche als die effizientesten Geräte, um Bitcoins zu schürfen. Über einen eigenen Onlineshop verkauft Bitmain die Geräte sogar.
Foto: BloombergKonnten Bitcoin-Anhänger die digitalen Münzen in der Anfangszeit noch auf dem heimischen Computer schürfen, ist es heute nur noch ein Geschäft für Profis wie Bitmain. Sie schließen in ihren Lagerhallen unzählige Recheneinheiten, sogenannte ASICs, zu einer Art Supercomputer zusammen. Hier repariert ein Techniker einen der ASICs.
Foto: BloombergObwohl der Bitcoin mittlerweile zum Milliardengeschäft geworden ist, wirken die Rechenzentren der Miningpools recht improvisiert. Kein Wunder: Auch Bitmain als einer der größten Betreiber kann sich nicht darauf verlassen, dass die chinesische Regierung sein Geschäft weiterhin duldet. Denn immer mehr Regierungen versuchen den Erfolg des Bitcoin einzudämmen.
Seit Anfang des Jahres ist klar: Die chinesische Regierung möchte auch die Bitcoin-Miner aus dem Land haben. Die Regionalregierungen sollen ihnen den Strom abstellen. Setzt China das Verbot tatsächlich um, müsste auch Bitmain mit seinen Rechenzentren in andere Länder ziehen.
Foto: BloombergVor allem Kanada, Island und Skandinavien gelten als Alternativen für die Miningpools. Denn die Hochleistungschips in den Rechenzentren wollen gekühlt werden. Im chinesischen Ordos hat Bitmain eine gigantische Kühlanlage gebaut. Die Kühlung wäre in kalten Regionen der Welt ohne zusätzlichen Stromverbrauch möglich. Und weil Kanada und Island einen hohen Anteil ihres Strommixes aus Wasserkraft erzeugen, kostet auch der Strom für die Rechenzentren deutlich weniger als in anderen Ländern.
Der hohe Energieverbrauch des Bitcoin ist aber nur ein Punkt, der den Kritikern weltweit aufstößt.
Foto: BloombergNicht nur Mitarbeiter von Bitmain haben Zugang zum Rechenzentrum – auch jeder Bitcoin-Anhänger; zumindest virtuell. Über sogenanntes Cloudmining können Privatanleger bei Bitmains Dienst Hashnest einen Anteil an der Rechenleistung kaufen – und werden dafür an den Bitcoinerträgen beteiligt. Auch andere Betreiber von Miningpools vermieten die Bitcoin-Rechenleistung an Anleger, um die hohen Hardware-Investitionen stemmen zu können. Denn Bitcoin-Schürfen ist für die Betreiber nur dann noch rentabel, wenn sie stets mit der neuesten Hardware arbeiten.
Foto: BloombergSelbst die neueste Hardware läuft unter der Dauerbelastung im Bitcoin-Netzwerk nicht immer reibungslos. Hier reparieren Techniker die ASICs in der Bitcoin-Mine von Bitmain in Ordos, China. Neben den Lagerhallen, die als Bitcoinminen dienen, hat Bitmain mittlerweile auch Büros in wichtigen Technologiestandorten Chinas eröffnet – und auch in Amsterdam und Tel Aviv.
Foto: BloombergDas neueste Projekt des Konzerns, Bitmain-Sophon, investiert in künstliche Intelligenz. Ob diese dem Bitcoin bei seinem weltweiten Erfolgszug weiterhelfen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist: Bitmain wird seine Vormachtstellung bei Kryptowährungen so schnell nicht aufgeben.
Foto: BloombergWesentliche Eigenschaften von Geld fehlen
Diese Einschätzung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kryptowährungen noch immer wesentliche Merkmale von Geld vermissen lassen. Darüber hinaus sind sie auch nicht so sicher, wie es vonseiten zahlreicher Anhänger gern propagiert wird. Insbesondere fehlt eine zentrale Instanz, die im Falle eines größeren Vertrauensverlusts stabilisierend eingreifen kann.
Dass private Kryptowährungen auf absehbare Zeit das etablierte Geld- und Finanzsystem komplett ersetzen werden, ist sehr unwahrscheinlich. Schließlich dürfte kaum ein bedeutender Staat bereit sein, auf das Monopol eines eigenen gesetzlichen Zahlungsmittels zu verzichten. In der Konsequenz wird auch in Zukunft kein Händler und keine Privatperson verpflichtet sein, Bitcoin oder andere Kryptowährungen anzunehmen. Auch eine auf absehbare Zeit strengere Regulierung oder gar Verbote können ebenso wenig ausgeschlossen werden wie Hackerangriffe auf Handelsplattformen.
Eine fundierte Prognose für eine einzelne Kryptowährung – seien es nun Kurssteigerung oder -verluste – lässt sich hieraus nicht ableiten. Um es klarzustellen: Jeder, der vorgibt zu wissen, dass die Kurse von Bitcoin oder einer Alternative früher oder später ganz sicher steigen werden, äußert nicht mehr als ein Bauchgefühl. Weder gibt es historische Erfahrungswerte noch verlässliche, fundamentale Anhaltspunkte für einen „fairen Wert oder Wechselkurs“.
Und selbst wenn es auch in Zukunft einen Platz für Kryptowährungen in der Finanzwelt gibt, was keineswegs auszuschließen ist, kann niemand vorhersehen, welche der vielen existierenden Kryptowährungen sich langfristig etablieren können. So sprechen beispielsweise viele Beobachter Bitcoin mit Verweis auf den für das Mining notwendigen, hohen Energieeinsatz eine Zukunft ab. Dass die zugrundeliegende Systematik durchaus geändert werden kann, wird hierbei gerne vernachlässigt.
Und dennoch lassen sich zwei potenzielle Investorengruppen identifizieren, die nach intensiver Lektüre der Gegebenheiten nicht vor einem Engagement in Kryptowährungen zurückschrecken müssen. Dies sind zum einen Menschen, die aufgrund ihrer ideologischen Ausrichtung nach Alternativen zum etablierten Finanzsystem suchen und ohnehin kein Vertrauen in Zentralbanken oder Finanzinstitute haben. Außerdem könnten Finanzmarktakteure, die in Kryptowährungen die Zukunft der Finanzwelt sehen und mit weiteren Kurssteigerungen rechnen, in Erwägung ziehen, Kryptowährungen als Beimischung in ihr Portfolio aufzunehmen.
Doch alle Investoren seien an dieser Stelle davor gewarnt, dass es nicht weniger als der Totalverlust ihres Engagements ist, den sie riskieren. Anlegern, denen diese Gefahr zu groß ist, sollten zum jetzigen Zeitpunkt von Kryptowährungen dann doch lieber Abstand nehmen.