Wirtschaft im Weitwinkel
Nach dramatischen Kursverlusten hat die Digitalwährung Bitcoin die Hälfte ihres einstigen Wertes eingebüßt. Ist das eine Gelegenheit zum Einstieg?

Kryptowährungen - einsteigen oder Finger weg?

Gestartet bei weniger als zehn Dollar stieg der Bitcoin bis kurz vor Weihnachten über 20.000 Dollar. Dann der Absturz, aktuell kostet ein Bitcoin "nur" noch rund die Hälfte. Ist das nun eine Gelegenheit zum Einstieg?

Bitcoin, Ether, Ripple – dies sind nur drei von weit über 1.000 existierenden Kryptowährungen. Spätestens seit den Kurssteigerungen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres und der Einführung von Bitcoin-Futures vergeht kein Tag ohne Meldungen über das „neue Geld“. Während der Status-quo für viele Anhänger von Kryptowährungen nur der Anfang von etwas noch viel Größerem ist, gibt es wohl mindestens ebenso viele Stimmen, die Bitcoin & Co. mit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende oder niederländischen Tulpenzwiebeln aus dem 17. Jahrhundert vergleichen.

Die Wahrheit ist dann doch etwas komplizierter, denn Kryptowährung ist nicht gleich Kryptowährung. Zwar basieren alle weitgehend auf der Blockchain-Technologie. Es gibt aber wesentliche Unterschiede. Dies gilt beispielsweise für die Art der Geldschöpfung oder die Existenz einer Obergrenze für die Geldmenge einer Kryptowährung. Darüber hinaus variiert die Zielsetzung von einer Ergänzung des bestehenden Zahlungssystems bis hin zu einem angestrebten Ersatz der traditionellen Finanzwelt mit Zentralbanken und Finanzinstituten.

Unter Vernachlässigung aller Nebenschauplätze und ideologischer Differenzen lässt sich festhalten, dass mithilfe der zugrundeliegenden Technologie rasche und kostengünstige Zahlungen vergleichsweise einfach und sicher, auch über die Grenzen von Währungsräumen hinweg, möglich sind. Zumindest verglichen mit den etablierten Zahlungssystemen ist dies ein klarer Vorteil. Folglich sollten Bitcoin & Co. insbesondere für Menschen interessant sein, deren Länder nicht über eine gut ausgebaute Zahlungsinfrastruktur verfügen (beispielsweise in einigen afrikanischen Nationen) oder deren Währungen alles andere als vertrauenswürdig sind (Venezuela).

Hinter den Kulissen eines Bitcoin-Miners
Bitmain-Gründer Wu Jihan Quelle: Bloomberg
Bitcoin-Mine in Ordos, China Quelle: Bloomberg
Rechentürme von Bitmain Quelle: Bloomberg
Ein Techniker repariert Bitcoin-Hardware. Quelle: Bloomberg
Ein Bitcoin-ASIC bei der Reparatur. Quelle: Bloomberg
Ein Techniker verlässt die Rechnerhalle. Quelle: Bloomberg
Kühlanlage der Bitcoin-Mine Quelle: Bloomberg

Wesentliche Eigenschaften von Geld fehlen

Diese Einschätzung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kryptowährungen noch immer wesentliche Merkmale von Geld vermissen lassen. Darüber hinaus sind sie auch nicht so sicher, wie es vonseiten zahlreicher Anhänger gern propagiert wird. Insbesondere fehlt eine zentrale Instanz, die im Falle eines größeren Vertrauensverlusts stabilisierend eingreifen kann.

Dass private Kryptowährungen auf absehbare Zeit das etablierte Geld- und Finanzsystem komplett ersetzen werden, ist sehr unwahrscheinlich. Schließlich dürfte kaum ein bedeutender Staat bereit sein, auf das Monopol eines eigenen gesetzlichen Zahlungsmittels zu verzichten. In der Konsequenz wird auch in Zukunft kein Händler und keine Privatperson verpflichtet sein, Bitcoin oder andere Kryptowährungen anzunehmen. Auch eine auf absehbare Zeit strengere Regulierung oder gar Verbote können ebenso wenig ausgeschlossen werden wie Hackerangriffe auf Handelsplattformen.

Eine fundierte Prognose für eine einzelne Kryptowährung – seien es nun Kurssteigerung oder -verluste – lässt sich hieraus nicht ableiten. Um es klarzustellen: Jeder, der vorgibt zu wissen, dass die Kurse von Bitcoin oder einer Alternative früher oder später ganz sicher steigen werden, äußert nicht mehr als ein Bauchgefühl. Weder gibt es historische Erfahrungswerte noch verlässliche, fundamentale Anhaltspunkte für einen „fairen Wert oder Wechselkurs“.

Und selbst wenn es auch in Zukunft einen Platz für Kryptowährungen in der Finanzwelt gibt, was keineswegs auszuschließen ist, kann niemand vorhersehen, welche der vielen existierenden Kryptowährungen sich langfristig etablieren können. So sprechen beispielsweise viele Beobachter Bitcoin mit Verweis auf den für das Mining notwendigen, hohen Energieeinsatz eine Zukunft ab. Dass die zugrundeliegende Systematik durchaus geändert werden kann, wird hierbei gerne vernachlässigt.

Und dennoch lassen sich zwei potenzielle Investorengruppen identifizieren, die nach intensiver Lektüre der Gegebenheiten nicht vor einem Engagement in Kryptowährungen zurückschrecken müssen. Dies sind zum einen Menschen, die aufgrund ihrer ideologischen Ausrichtung nach Alternativen zum etablierten Finanzsystem suchen und ohnehin kein Vertrauen in Zentralbanken oder Finanzinstitute haben. Außerdem könnten Finanzmarktakteure, die in Kryptowährungen die Zukunft der Finanzwelt sehen und mit weiteren Kurssteigerungen rechnen, in Erwägung ziehen, Kryptowährungen als Beimischung in ihr Portfolio aufzunehmen.

Doch alle Investoren seien an dieser Stelle davor gewarnt, dass es nicht weniger als der Totalverlust ihres Engagements ist, den sie riskieren. Anlegern, denen diese Gefahr zu groß ist, sollten zum jetzigen Zeitpunkt von Kryptowährungen dann doch lieber Abstand nehmen.

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