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Bundesgerichtshof Das Ende des Bausparens, wie wir es kennen

Niedrigzinsen und ein Urteil des Bundesgerichtshofs bedrohen das Geschäftsmodell der Bausparkassen. Neue Tarife sollen helfen. Aber es bestehen Zweifel, dass diese den Spießertraum des Bausparens aufleben lassen können.

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Das Ende des Bausparens. Quelle: Illustration: Moritz Reichartz

Risiko kennt Dieter Pasch nur aus seiner Freizeit. Wenn er mit seinem weißen Sportwagen auf den Straßen rund um Krefeld unterwegs ist, gibt der unabhängige Finanzkaufmann Gas. In Sachen Beratung setzt er auf Sicherheit. Pasch, klassisches Hemd zum marineblauen Strickpullover, hyperseriös dank randloser Brille, sitzt hinter seinem blauen Schreibtisch. Alles hat seinen Platz, der Taschenrechner suggeriert sichere Berechenbarkeit. Und trotzdem: In den letzten Jahren hat er so gut wie keine klassischen Bausparverträge verkauft. Viel mehr als drei seien es nicht gewesen.

Phasen der Bauzinsentwicklung von 1980 bis heute

Auch Monika und Karl-Heinz Förster* werden Paschs Büro ohne Bausparvertrag verlassen. Das Ehepaar will vor der Rente von der niederrheinischen Provinz in den Speckgürtel von Köln ziehen, dahin, wo was los ist. Während Karl-Heinz Förster in seiner Aktentasche noch nach dem letzten Steuerbescheid kramt, hackt Pasch Zahl um Zahl in eine Software. Eigenkapital, Wert der Wohnung, Nettoeinkommen. Als Förster den Steuerbescheid gefunden hat, präsentiert Pasch bereits einen Kredit. Kein Ansparen, das Geld kommt sofort, das Paar kann seine Traumwohnung finanzieren und ist bis zum Ruhestand schuldenfrei. Gehen Sie nicht zur Bank, ruft Pasch den beiden beim Hinausgehen hinterher. Die würden nur Bausparverträge verkaufen.

Was ist hier passiert? Es ist noch gar nicht so lange her, da versetzte ein fertig besparter Bausparvertrag den deutschen Häuslebauer förmlich in einen Rausch – ein Freudenfest der Tag, an dem Mutti die Sekttulpen aus der Schrankwand holte und Vater den Korken knallen ließ. Bausparer waren die Mitte der Gesellschaft. „Du Papa, wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.“ Die Botschaft schickten die Landesbausparkassen (LBS) 2004 zur besten Sendezeit in Deutschlands Wohnzimmer. Ein kleines Mädchen mit braunen Zottelhaaren und Fransenjacke erzählt ihrem Hippie-Vater Horst, warum es auf sein alternatives Alt-68er-Bauwagen-Leben keine Lust hat. Dann lieber Spießer. So dachten viele Deutsche, überall wurde von den eigenen vier Wänden geträumt. Bausparverträge, mit denen sich die Sparer noch vor der ersten Ratenzahlung ihren Zins der Zukunft sichern konnten, waren wie gemacht für die risikoscheue deutsche Häuslebauer-Seele.

Das Modell ist ebenso einfach wie solidarisch: Bausparer zahlen in einen gemeinsamen Topf ein. Die Bausparkasse zahlt ihnen auf dieses Guthaben Zinsen. Hat einer die vereinbarte Summe gespart, ist der Vertrag „zuteilungsreif“ und kann „abgerufen“ werden. Soll heißen: Der Bausparer bekommt einen Kredit zu einem zugesagten Zins und kann bauen. Die Zinsen, die er für den Kredit zahlt, fließen in den Topf, so kommt der nächste Sparer zu seinem Immobilientraum. Ein rundes System. Aber nur noch Theorie.

Banken mit Kampfkonditionen

Zwar ist der Traum vom Eigenheim dank niedriger Zinsen präsent wie selten zuvor. Bauherren und Wohnungskäufer wollen aber nicht mehr jahrelang warten, bis sie loslegen können. Und dank großzügig gewährter Kredite und niedriger Zinsen müssen sie es auch nicht mehr. Wer heute hinter vorgehaltener Hand erklärt, gerade einen Bausparvertrag abgeschlossen zu haben, wird schräg angesehen. „Viel zu teuer“, heißt es dann. „Das kriegste bei den Banken doch günstiger.“ Banken werben mit Kampfzinsen um Immobilienkäufer, selbst lange Zinsbindungen über 20 Jahre gibt es für gut zwei Prozent Zinsen. Und so stellen die Niedrigzinsen das Geschäftsmodell der Bausparkassen infrage. Ihre Rendite ist die schwächste unter allen Instituten. Viele leben von Reserven. Bei Marktführer Schwäbisch Hall schrumpfte das Ergebnis, weil das Unternehmen deutlich mehr Rücklagen für Kreditausfälle bilden musste. Gleichzeitig muss das Unternehmen weiter über 70 Cent für einen Euro Umsatz aufwenden – obwohl Berater die teuren Vertriebler der Branche radikal auf Sparen getrimmt haben. Für 2016 rechnet Schwäbisch Hall mit deutlich geringeren Zuwächsen. Zu allem Überfluss müssen die Kassen auf ihre Einlagen Strafzinsen bei der Europäischen Zentralbank zahlen.

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