Darüber solltet Ihr mal schreiben: Warum haben in Deutschland so viel weniger Menschen Wohneigentum?
Nicht einmal jeder zweite Bürger in Deutschland besitzt eine Immobilie. Vor allem die Jüngeren trauen sich den Kauf einer Wohnung oder eines Hauses immer seltener zu. In vielen anderen europäischen Ländern besitzen hingegen acht von zehn Einwohnern eine eigene Immobilie. Ein Leser fragt: Wie kommen diese Unterschiede zustande?
Wie so oft gibt es nicht die eine Ursache, sondern eine Vielzahl an historischen, politischen und kulturellen Gründen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte etwa der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in Deutschland stark auf soziale Wohnungsbauprogramme, um möglichst schnell vielen Menschen nach den Zerstörungen des Krieges Wohnraum zu bieten.
Der Mietwohnungsbau blieb über Jahrzehnte eine wichtige Säule der deutschen Wirtschaft. Gleichzeitig wurde der Mieterschutz stärker ausgebaut als in anderen europäischen Ländern. Heutzutage können Eigentümer ihren Mietern nur unter sehr bestimmten Bedingungen kündigen. Und in Städten mit begrenztem Wohnungsangebot ist auch die Erhöhung der Mieten staatlich streng reguliert. Zur Miete wohnen ist in Deutschland also gesellschaftlich akzeptiert; es galt lange als einfacher und flexibler.
„Wer eine Immobilie besitzt, hat es zu etwas gebracht“
Anders etwa in Osteuropa: In vielen postsozialistischen Staaten wurden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kommunale Wohnungen sehr günstig privatisiert. In Ländern wie Rumänien oder Polen etwa konnte man staatliche Wohnungen für wenig Geld erwerben – was die Eigentumsquote massiv steigen, den Wert der Immobilien dagegen oft sinken ließ. Das ist der Hauptgrund, warum auch in Ländern wie Slowakei, Serbien, Ungarn oder Kroatien die Wohneigentumsquote bei 90 Prozent und mehr liegt.
In Ländern wie Italien oder Spanien (75 Prozent Eigentumsquote), hat der Besitz eines Hauses oder einer Wohnung auch einen wichtigen gesellschaftlichen Wert. „Nur wer eine Immobilie besitzt, hat es wirklich zu etwas gebracht“, hört man dort oft. Darüber hinaus gilt Eigentum als Altersvorsorge – viele Familien investieren über Generationen in Wohneigentum. Die Unterstützung durch Verwandte oder Freunde, etwa durch Schenkungen oder Erbschaften, ist stärker verbreitet als in Deutschland. Auch ist Bauen in den meisten anderen europäischen Ländern – auch wegen niedrigerer Standards – günstiger und einfacher als hierzulande.
Es gibt aber auch finanzielle und steuerliche Gründe, warum in Deutschland unterdurchschnittlich wenige Menschen in der eigenen Immobilie leben: In den Niederlanden oder Schweden gibt es staatliche Förderungen oder steuerliche Vorteile beim Immobilienkauf wie einen Hypothekenzinsabzug.
Das deutsche Steuersystem macht den Eigentumserwerb hingegen eher unattraktiv. Mietwohnungen werden durch bessere Abschreibungsmöglichkeiten und bei der Bewirtschaftung steuerlich bevorzugt. Das Eigenheim ist damit einer Mietwohnung unterlegen. Zudem wurden staatliche Förderprogramme wie die Eigenheimförderung oder das Baukindergeld in den vergangenen Jahren gestrichen.
Allerdings stößt das deutsche Modell zunehmend an seine Grenzen: Es mangelt an günstigem Mietwohnraum. So fallen beispielsweise jedes Jahr mehr Wohnungen aus der Sozialbindung, als neue gebaut werden. Damit fehlt staatlich vergünstigter Wohnraum, der in vielen Städten bei niedrigerem Einkommen die einzig bezahlbare Option ist. Zudem verteuern sich auch die regulären Mieten, was Bewohner einer höheren und immer weiter steigenden Belastung aussetzt – auch im Alter ist das unter Umständen ein kaum kalkulierbares Risiko. Vor allem in Großstädten haben die Mieten seit 2022 rasant zugelegt.
Haben Sie auch eine Frage? Schreiben Sie uns: leserfrage@wiwo.de
Lesen Sie auch: Braucht der Globale Süden (wieder) einen Schuldenschnitt?